Story L - Der kalte Entzug

Clive77

Serial Watcher
Teammitglied
Die Stadt erwachte langsam aus ihrem Schlaf, als Jeff in der Morgendämmerung den Kleintransporter am Straßenrand parkte und das Radio ausschaltete. Über den Dächern der Reihenhäuser hing ein gelblicher Dunst, der aus dem benachbarten Industriegebiet herübergeweht wurde. Von den rissigen Fassaden der Häuser bröckelte der Putz ab.
"Wir liegen gut in der Zeit", sagte Christoph, der auf dem Beifahrersitz saß und einen Schürhaken bereithielt.
Sie warteten, bis ein Bus mit Pendlern an ihnen vorbeigefahren war und zwei Joggerinnen auf dem Gehweg sich entfernt hatten.
"Bereit?", fragte Jeff.
"Bereit."
Sie stiegen aus und gingen nach hinten, wo Jeff die Hintertür des Wagens öffnete, während Christoph mit dem Schürhaken den Gullideckel, neben dem sie das Fahrzeug abgestellt hatten, zur Seite zog und den Kanalschacht freilegte.
Aus dem Laderaum des Transporters sprang Spike heraus. "Beim nächsten Mal sitze ich am Steuer", sagte er und warf einen Blick in den Schacht, bevor er zusammen mit Jeff den Störsender aus dem Wagen hievte. Das Gerät war doppelt so groß wie eine Autobatterie und wog fast fünfzig Kilo. Um den Störsender vor Wasser zu schützen, hatten sie ihn in eine durchsichtige Plastikfolie eingeschweißt.
Jeff befestigte ein Drahtseil an der oberen Seite des Geräts, indem er einen Karabinerhaken in die dafür vorgesehene Öse einhakte. "Das werden wir locker schaffen", sagte er.
Nachdem er den Sender aktiviert hatte, zog er sich Handschuhe an und ließ ihn mit der Unterstützung von Christoph langsam in den Schacht hinab, während Spike das Schweißgerät aus dem Transporter herausholte.
Als der Störsender den Boden des Schachts erreichte, ließen sie das Drahtseil hineinfallen und zogen den Gullideckel über die Öffnung. Spike setzte sich eine Schutzbrille auf und fing an, den Deckel zuzuschweißen.
Aus der Ferne hörten sie den Sechs-Uhr-Zug.

Neun Monate zuvor hätte sich Jeff ein Leben ohne Internet nicht vorstellen können. Je weiter sein Interesse an dem BWL-Studium sank, umso seltener ging er zu den Lesungen und verbrachte dafür umso mehr Zeit online. In verschiedenen Foren diskutierte er mit anderen Mitgliedern über Computerspiele und Filme, Musik und Bücher, Fußball und Politik. Sie kommentierten die Trailer zu den kommenden Filmen, präsentierten ihre neuesten Errungenschaften und empfahlen sich gegenseitig ihre Favoriten. Für viele dieser Menschen bildete das jeweilige Forum einen festen Bestandteil des Lebens und wurde dementsprechend ernst genommen. Manchmal steigerten sie sich hinein und verfassten ellenlange Beiträge, in denen sie sich immer weiter aufregten, von dem eigentlichen Thema des Threads zu einer Meta-Ebene abdrifteten und über das Diskutieren diskutierten. So konnte die harmlose Frage, ob Marvel oder DC die besseren Comicverfilmungen produzierten, eine hitzige Debatte auslösen, die nicht selten in einem Streit endete und Verbannungen nach sich zog. Ab einer gewissen Länge der Auseinandersetzung kam früher oder später der Punkt, an dem ein User seinen Kontrahenten mit Hitler verglich.
Jeff meldete sich bei Facebook an, wo er mit noch mehr Wahnsinn konfrontiert wurde. Er stieß auf Meldungen über angebliche geheime Experimente, bei denen Menschen mit Schweinen gekreuzt wurden. Hetze gegen Einwanderer und Politiker, Freundschaftsanfragen von dubiosen "Frauen", Kettenbriefe über gefährliche fleischfressende Bakterien und Warnungen vor Plastikflaschen, die an den Rädern von Autos eingeklemmt wurden. Bilder von vermeintlich todkranken Kindern, die um ein Amen baten oder behaupteten, dass ihnen niemand zum Geburtstag gratulieren würde. Im Zeitalter des Internets war eine neue Gattung des gemeinen Bauernfängers entstanden, die mit Halbwahrheiten, Angstmache und Hass die etwas einfacher gestrickten User auf unseriöse Webseiten lockte, um mit den Clicks der emotional aufgewühlten Opfer Geld zu verdienen.
Jeff sah die Urlaubsbilder seiner Freunde und Bekannten. Bilder von den Gerichten, die sie zubereitet hatten. Veganer, die sich über solche Bilder aufregten, sobald auch nur ein Tierprodukt in dem Essen enthalten war. Fleischesser, die sich über Veganer lustig machten. Widersprüchliche Lebensweisheiten von Möchtegern-Philosophen, die sich einerseits darüber beklagten, dass in der heutigen Zeit zu wenig Rücksicht aufeinander genommen wurde, und gleichzeitig die Menschen dazu aufforderten, "Ihr Ding" zu machen und nur an sich zu denken. Lebe dein Leben und lass dir von den Anderen nichts vorschreiben! Nostalgie-Kitsch mit einer Vergangenheitsglorifizierung, die mit der realen Vergangenheit nur wenig zu tun hatte. Und eine unendliche Anzahl an Katzen-Videos. Katzen, die sich vor Gurken erschreckten. Katzen, die mit Hunden kuschelten. Katzen, die unerwartet hinter einer Ecke hervorsprangen. Katzen, die ihr Spiegelbild anfauchten. Katzen, die nichts machten.
Seit dem Mittelalter hatte sich auch die Tradition des öffentlichen Prangers weiter entwickelt. Je berühmter eine Person war, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, früher oder später wegen einer missverständlichen Formulierung – oder aber für die ehrliche Meinung - einen Shitstorm zu kassieren. Jedes Wort musste vorher wohlüberlegt und dreimal überdacht sein, bevor man etwas vor das unerbittliche Gericht der Internet-Moralisten brachte. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn es keine Lügen mehr gäbe, schrieben und teilten diverse User die Memes, die auf Bildern mit Sonnenuntergängen verewigt waren und immer wieder ihre Runden bei Facebook drehten. An den anderen Tagen regten sich die gleichen Mitglieder über Leute auf, die offen und unverblümt ihre Meinung sagten.
Während sie sich lautstark über die zunehmende Überwachung beschwerten, neigten sie oft zu einem seelischen Exhibitionismus und gaben die intimsten Einzelheiten ihres Gefühlslebens preis.

Die Radikalen aller Art nutzten die sozialen Netzwerke ausgiebig für ihre Propaganda, indem sie Fake News in den Umlauf brachten, die sich für viele Nutzer nicht von den seriösen Nachrichten unterscheiden ließen. Das führte zu einer beunruhigenden Polarisierung in der Bevölkerung, teilte die Menschen in zwei gegensätzliche Lager ein. Wenn sich jemand besorgt über den wachsenden Rechtspopulismus zeigte, wurde er als linksliberal abgestempelt; äußerte sich jemand kritisch über den Islam, so galt er als rechtskonservativ. Eine neutrale Einstellung wurde von beiden Seiten nicht akzeptiert.
Um eine solche Verurteilung zu vermeiden, posteten viele User nur noch unverfängliches Material, mit dem sie niemanden provozieren konnten. Zum Beispiel Katzenvideos.
Jeff war sich darüber im Klaren, dass das Netz auch Vorteile zu bieten hatte und das Alltagsleben in vielerlei Hinsicht vereinfachen konnte, doch langsam wuchs seine Überzeugung, dass die Nachteile überwogen. Es half den Wahnsinnigen, ihre gemeingefährlichen Ideologien zu verbreiten. Es wurde für die Verbreitung von Kinderpornografie genutzt. Es war voll mit realen Morden und Vergewaltigungen, an denen sich die Perversen ergötzten. Voll mit Werbung für Diätpillen, Potenzmittel und Sofortkredite. Online-Casinos, die den Spielsüchtigen das letzte Geld aus der Tasche zogen. Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoff.
Überall sah Jeff Menschen, die in ihre Smartphones versunken waren, anstatt miteinander zu kommunizieren. Die Sprache verkümmerte zu einem infantilen Sammelsurium von Abkürzungen und banalem Chat-Slang. Kaum jemand nahm sich noch die Zeit, einen langen Text bei Facebook zu lesen, während Bilder mit kurzen Sprüchen deutlich mehr Aufmerksamkeit erregten und häufiger kommentiert wurden.
Selbst der US-Präsident twitterte regelmäßig seine "Gedanken" und hielt sich nicht lange mit Begründungen und Argumenten auf.

Eines Morgens erfuhr Jeff aus der Lokalzeitung, dass in seinem Bezirk in der kommenden Woche die Glasfaserleitung verlegt werden sollte, um die Internet-Geschwindigkeit zu erhöhen. Auf dem Stadtplan, der neben dem Artikel abgebildet war, konnte er erkennen, wo die entsprechenden Bauarbeiten durchgeführt werden würden. Eine Woche später ging er zu der Adresse und sah sich die Baustelle aus der Nähe an. Sie lag in einer ruhigen Siedlung, wo nicht viel Verkehr herrschte. Am nächsten Tag nahm er ein Beil mit und nutzte die Mittagspause der Bauarbeiter, um die Leitung zu durchtrennen. Der Schaden war schnell behoben, doch zwei Tage später wiederholte Jeff die Aktion an einer anderen Stelle. Beim dritten Mal wurde er inflagranti erwischt und erhielt eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und Vandalismus. Da er kein nennenswertes Vermögen besaß, verurteilte man ihn zu einhundert Sozialstunden, die er auf dem städtischen Friedhof ableisten musste. Nach der Verhandlung sprach ihn ein Unbekannter vor dem Gerichtsgebäude an. "War eine ordentliche Aktion", sagte er. "Entschlossene Leute wie dich können wir gut gebrauchen." So lernte Jeff Christoph und dessen kleine Truppe kennen und schloss sich ihnen an.
Christophs jüngere Schwester hatte im Jahr zuvor Selbstmord begangen, nachdem sie in einem Internetforum über einen längeren Zeitraum gemobbt worden war. Spike hatte Schulden bei einem Online-Casino angehäuft und war wegen seiner Spielsucht von seiner Ehefrau verlassen worden. Jeder in der Gruppe hegte einen tiefen Groll gegen das Internet und war gewillt, das Netz zu zerstören.
Nach einer langwierigen Vorbereitung gelang es ihnen, eine erste große Aktion zu organisieren und den Plan in die Tat umzusetzen. Sie bildeten mehrere kleinere Teams und verteilten in den frühen Morgenstunden in der ganzen Stadt leistungsstarke Störsender, die zur gleichen Zeit aktiviert wurden und die WLAN-Verbindung in der gesamten Umgebung lahmlegten – wenn auch nur vorübergehend. Jede Gruppe gab sich besondere Mühe, den Störsender so zu platzieren, dass es möglichst lange dauern würde, an ihn heranzukommen und zu deaktivieren. So war ein Team zu einer Baustelle in der Stadtmitte gefahren, hatte das Gerät in eine Grube hinabgelassen und die Grube mit Beton gefüllt. Eine andere Gruppe hatte den Sender in einen massiven Waffenschrank gesperrt und ihn im Fluss versenkt.

Als Jeff am Nachmittag durch die Stadt ging, waren die Straßen viel belebter als er es in den letzten Jahren gewohnt war. Überall sah er Menschen, die ohne einen Zugang zum Internet verzweifelten und alle Anzeichen eines kalten Entzugs an den Tag legten.
Ein Mädchen kam auf ihn zugelaufen. "Bitte helfen Sie mir!", redete sie auf ihn ein. "Mein Handy hat keinen Empfang und mein Laptop auch nicht, könnte ich vielleicht ihr Smartphone benutzen, nur ganz kurz?" Mit großen Augen voller Hoffnung starrte sie ihn an.
"Ich habe auch kein Netz seit heute Morgen", sagte Jeff. Bevor er etwas hinzufügen konnte, rannte das Mädchen weiter.
Auf einer Parkbank lag ein Mann, der seine Knie umklammert hielt und sich vor und zurück wiegte. Seinem Anzug nach zu urteilen, ein Geschäftsmann. Neben seinem Kopf lag ein Tablet. "Alexa", stöhnte er. "Antworte doch, Alexa … Wieso hast du mich verlassen?"
So sehr sie auch leiden mochten, würden sie darüber hinwegkommen, dachte Jeff. Er sah die Aktion als einen Erfolg, doch sie war nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer Welt ohne Internet. Sie würde Aufmerksamkeit erregen und seiner Gruppe neue Mitglieder bescheren. Sie würde Menschen auf der ganzen Welt zu ähnlichen Aktionen inspirieren, und wenn alles gut ging, würde irgendwann der Tag kommen, an dem die gesamte Welt ein für allemal offline ging.
 

Jizzle

Member
Also mir sagt die Kernidee der Geschichte wirklich zu. Sehr gut gemacht!


Leider endet die Geschichte bevor sie angefangen hat.
Die Gesellschaftskritik ist plausibel und stark, aber zu dick aufgetragen, wie ich finde.

Für mich ist es problematisch, dass der Effekt der Geschichte dem Prinzip "tell don't show" ähnelt und der Text eher wie ein Bericht oder Blogeintrag wirkt und nicht wie eine Geschichte, die mich mitreißt.

Meiner Meinung nach steckt so viel gutes Potential in der Story, wenn man direkt in die "Aktion der Truppe" eingestiegen wäre und mehr "Action" gezeigt hätte. Da die Konsequenzen nur am Ende angedeutet werden, geht sehr viel Spannung flöten. Gerade da hätte ich gerne weiter gelesen.

Bitte weiterschreiben, auch diese Geschichte! Will wissen wie es weitergeht! :-)

Sie gehört trotz aller Kritik zu meinen Favoriten!
 
Zuletzt bearbeitet:

Mr.Anderson

Kleriker
Ich sehe es wie Jizzle. Tolle Idee, die nach mehr schreit. Für mich hätten die ersten Versuche mit den gekappten Kabeln ruhig ausführlicher beschrieben werden können, bis es zum Kontakt mit der Gruppe kommt. Das planen der Aktion, das ausführen der Aktion mehrerer Gruppen und natürlich was danach mit den Menschen passiert, wenn sie länger offline sind. Mit anderen Worten. Ich hätte die Story gerne GRÖSSER! Ein Buch muss her! :biggrin:
 

Sittich

Active Member
Ich schließe mich Jizzle und Anderson an. Die Grundidee ist gut. Die vielen Schattenseiten der digitalen Welt werden gut rübergebracht und die Idee der radikalen Offliner (Dieser Ausdruck darf für die erweiterte Fassung der Geschichte gerne genutzt werden) ist logisch und konsequent.

Als Geschichte hat mir das Konstrukt nicht so sehr zugesagt, auch da ging es mir ähnlich wie Jizzle. Viele Dinge werden einfach nur beschrieben, ohne irgendwie mit Jeff in Verbindung gebracht zu werden. Daher fand ich den Sprung von
Neun Monate zuvor hätte sich Jeff ein Leben ohne Internet nicht vorstellen können.
bis zum radikalen Offliner nicht ganz gelungen bzw. in irgendeiner Form mitreißend. Da hätte Christophs Hintergrundgeschichte mehr Potential geboten, finde ich.

Was ich mich gefragt habe: Ist es wirklich einen sinnvoll, einen Störsender mit Beton, Stahl oder Wasser zu umschließen? Erschien mir irgendwie kontraintuitiv. :check:

Alles in allem eine schöne Abrechnung mit der digitalen Welt und das Thema definitiv getroffen. :top:
 
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