(story) Lebenszeichen

Jay

hauptsache bereits gesehen
Teammitglied
Soll ich anonym posten:

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Lebenszeichen

žWas machst du da? Unverzüglich ließ Lynn, 15, die Schultern hängen. In ihrem Hals hatte sich wieder dieser schale Geschmack gebildet. Ahnte etwas. žBist du nicht zu alt für so etwas? Die Stimme ihres Stiefvaters stach sie wie Nesseln. žKomm her. Los, komm schon. Deprimiert legte sie die Schaufel zur Seite und stand auf. Ihr kleines Werk war fast vollendet, einzig das noch unförmige Gesicht konnte weiteren Feinschliff gebrauchen. Sie klopfte sich zaghaft den warmen Sand von den Beinen und trabte los, voller Unmut, zur Quelle jener Worte, die sie da von der Arbeit abhielten. Abgesehen von ihnen war niemand sonst in der kleinen spanischen Bucht.

Von der Sonne geblendet sah der ältere Mann sie zerknirscht an. Blut teilten sie nicht, aber er fasste sie an. Am Oberschenkel. Rieb mit seiner faltigen Hand über ihre Haut, strich den Sand ab. žAnstatt da im Sand zu hocken kannst du dich mal nützlich erweisen und deinem alten Herrn den Rücken eincremen. Sie erwiderte nichts, wie immer. Das machte es nur schlimmer. Wortlos ging sie zur Tasche, holte die Sonnenmilch heraus. Als sie sich dafür bücken musste, entging ihr nicht, dass er sie wieder anstarrte. Dass sein Blick über ihre mittlerweile recht ausgeprägten Formen wanderte. Mit Hintergedanken. Wie bei Marie, die es immer duldete.
Gott, hasste sie Marie. Hasste sie ihn, seine Gedanken. Die Tatsache, dass er am Abend trinken und dann wieder handgreiflich werden würde. Dass sie wieder nichts tun konnte. Wortlos rieb sie ihn ein und hasste sich selbst.

žDu solltest es deiner Schwester langsam gleichtun. Ist auch besser für die Haut. Marie. Sie schaute auf. Ihre ältere Schwester Marie trieb ein gutes Stück entfernt auf dem Wasser, auf einer Luftmatratze. Lag auf dem Bauch, ohne Oberteil. žGibt doch Streifen. Du hast doch auch was, was du zeigen kannst. Ihr wurde schlecht. Marie, die nichts sagte. Die ihr sagte, das wäre normal. Ohne Kommentar fing sie an, musste sich zusammenreißen, ihren Ekel überwinden. Seine Haut fühlte sich an wie altes Leder. žSo eine Anstellerei. Deine Mutter hat sich auch nie so angestellt. Sie machte weiter, aber er hörte nicht auf. žKomm, jetzt hab dich nicht so. Hier ist doch sonst auch keiner und ist ja nicht so, als würde ich dich noch nie gesehen haben. Seine Stimme klang rau wie Schmiergelpapier, die Gleichgültigkeit darin schmerzte am meisten. žMarie stellt sich auch nicht an. Sie musste dran denken, wie

Nachdem sie mit ihrer Aufgabe fertig war ging sie zurück zu ihrem Werk. Tränen standen ihr in den Augen. Wie sie Marie hasste. Wie sie ihn hasste. Wie sie sich selbst hasste. Dafür, dass sie es immer wieder alles geschehen ließ. Dass sie nicht weglief. Selbst schuld. Ihm den Rücken zugewandt, setzte sie sich langsam zu Boden und nahm sich die Schüppe. Mit harten Schlägen bearbeitete sie die Oberfläche ihrer Figur, als sie plötzlich einen kleinen Schmerz empfand. žAh! Geschnitten. Blut tropfte in ihr Kunstwerk hinab¦ vermischt mit losgelösten Tränen, Kaskade der Pein. Sie schluckte tief. Wut kam in ihr auf. Wie sie Marie hasse. Wie sie ihn hasste. Wie sie sich selbst hasste. Wieso konnte sie nicht tot sein?

Während sie ihren Finger ablutschte, nahm sie¦ etwas wahr. Hatte sich der Sand bewegt? Nein, das konnte n- doch! Da, schon wieder. Der Sand pulsierte. Irgendetwas bewegte sich da. Etwas Großes. Fasziniert von dieser völlig absurden Bewegung konnte sich nicht anders als zuzusehen, wie es sich plötzlich unterhalb des Strandes bewegte¦ und in Richtung des Wassers zog. Als würde sich ein ungesehener Gast unterhalb der Sandschicht bewegen und weg war er im Ozean. Hatte sie das wirklich gesehen oder trügten sie ihre Augen? Während sie mit ihren Gedanken würfelte, verfolgte sie die Bewegungsrichtung und sah zu Marie, die genau auf der gedachten Linie lag. Marie? Ihre Schwester trieb immer noch verschlafen auf der Matratze, halb unbekleidet¦ aber was war das? War das Sand? Sand kroch an den Seiten hoch und schlang sich um ihren Körper. Jetzt wachte Marie auf. Sie blickte an sich herunter der Sand kroch von der anderen Seite zu ihrem Gesicht. Sie versuchte sich zu wehren, warf sich herum, doch die Masse war überall auf ihr, bedeckte ihr Gesicht. Lynn nahm die Hand vor Augen, verdeckte die Sonne. Marie fiel von der Matratze. Ihre Arme peitschten noch kurz umher, die Bewegung erstarb¦ und fort war sie. Ruhig beschrieb die See.

Lynn fiel nichts ein. Leere erfüllte sie, als sie die einsame Matratze allein dort treiben sah wo vor wenigen Minuten noch ihre Schwester gelegen hatte. Plötzlich schäumte das Wasser in Nähe des Strandes und sie vermochte ihren Augen nicht zu trauen. Der Sand er stieg aus dem Meer empor und hatte Form. Es war ihre Figur, ihre Sandfigur. Groß und matschig stapfte sie aus dem Wasser¦ direkt auf ihren Stiefvater zu. Noch immer konnte sie sich nicht rühren. War paralysiert. Es erreichte ihn. Lehnte sich hinab¦ und packte seinen Kopf. Die Augen weit aufgerissen konnte er nicht verstehen, erfassen, was da passierte. Er wollte schreien, aber es kamen keine Töne aus ihm. Es drückte ihm mit aller Macht die Luft aus der Brust und legte seine sandige Hand auf sein Gesicht. Sie konnte sehen, wie der Sand in seinen Mund, seine Nase hochkroch. Glasig drehten sich seine Augen. Wie eine kaputte Marionette wirbelte er in ungelenken Beweungen umher, bis er auf einmal reglos liegenblieb. Die Sandfigur ließ ihn los. Von ihm ab.

Sie glaubte es noch nicht. Das konnte sie nicht glauben. Der Sand¦er war lebendig geworden, hatte sie befreit. Von beiden. Wie sie sie gehasst hatte, ihre žFamilie. Die Sandfigur sah zu ihr hinüber, sofern sie das beurteilen konnte. Sie hatte kein Gesicht, keine Augen. Doch kam jetzt auf sie zu. Waren ihre Wünsche wahr geworden? Wachte sie jeden Moment aus einem wirren Tagtraum auf? Das musste es sein, denn Sand konnte nicht lebendig werden. Das war unmö.. jetzt stand er vor ihr. Hüllte sie ihn Schatten. Und beugte sich zu ihr hinunter. Lynn wollte etwas sagen, doch die Masse griff zu und packte ihren Kopf. Sie wehrte sich nicht. Bevor sie es realisieren konnte, spürte sie bereits, wie der Sand sich in tief ihren Mund drängte. Ihren Rachen hinunterlief. Wie er in ihre Ohren trat. Es umschlang ihren ganzen Körper, drang jetzt überall in sie ein, an jeder Stelle. Der Sand kroch sogar an ihren Augäpfeln vorbei¦ in ihren Kopf. Lynn erstickte, hatte aber keine Angst. Sie fühlte sich¦ gut. Umarmt. Bei ihren letzten Luftzug blickte sie zur hoch zur Sonne, sah, wie still alles war.
 

Tyler Durden

Weltraumaffe
Teammitglied
Eine gute kurze Geschichte, die ich als "klassischer Horror" bezeichnen würde. Als das Blut tropfte, habe ich mir schon gedacht, was da gleich passieren würde, aber das Ende hätte ich so nicht erwartet, denn normalerweise überlebt die Hauptfigur in solchen Geschichten.

Schreibstil hat mir auch gefallen, nur an dieser Stelle würde ich im zweiten Satz das Wort "sie" weglassen:
Gott, hasste sie Marie. Hasste sie ihn, seine Gedanken.
Und hier bricht der Satz plötzlich mittendrin ab:
Sie musste dran denken, wie
Ansonsten konnte mich die Geschichte überzeugen. :super:
 
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