Story LI - Der Mett-Dämon

Clive77

Serial Watcher
Teammitglied
Während meiner Ausbildung zum Bäcker war ich oft kurz davor gewesen, das Handtuch zu werfen und einen anderen Berufsweg einzuschlagen. Nicht, dass mir die Arbeit mit den Backwaren keinen Spaß machte, aber die Arbeitsbedingungen waren hart an der Grenze zum Unzumutbaren. Vor allem das frühe Aufstehen - oh, wie ich es hasste, mitten in der Nacht von meinem Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden, mich so geistlos wie ein Zombie zu waschen und anzuziehen und das Haus zu verlassen, während die anderen noch bequem ihre Träume weiter träumen konnten. Um vier Uhr morgens wirkte die Stadt mit ihren leeren Straßen und dunklen Fenstern wie ausgestorben.
In der Küche der Bäckerei herrschte eine Hitze, die einem den Schweiß aus allen Poren trieb. Wenn im Hochsommer alle Öfen auf Hochtouren liefen, kam ich mir vor wie ein Besucher in Dantes Inferno. Die Arbeit an sich mochte ich ebenso wie meine Kollegen, und auch wenn wir uns manchmal in stressigen Situationen gegenseitig anblafften, um Druck abzulassen, fühlte ich mich dort meistens so wohl wie ein Fisch im Wasser.
Neben diversen Backwaren verkauften wir belegte Brötchen mit Salami, Kochschinken, Kasseler, Käse, Spiegelei und Mett. Besonders unsere Mettbrötchen waren bei den Kunden sehr beliebt, weil sie bei uns anders schmeckten als in jeder anderen Bäckerei. Ich selbst war nie ein großer Fan von Mett gewesen, aber den anderen gefiel es. Viele wollten wissen, wie der besondere Geschmack zustande kam, doch während meiner Ausbildung war ich noch nicht eingeweiht und konnte es ihnen nicht sagen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Deswegen erzählte ich ihnen von einer Geheimzutat, die ich niemandem verraten durfte – ein gut gehütetes Betriebsgeheimnis, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Damals ahnte ich noch nicht, dass meine Notlüge zumindest zum Teil der Wahrheit entsprach.
Nach meiner Ausbildung wurde ich übernommen und musste nun jeden Tag in der Bäckerei arbeiten, ohne die erholsamen Schultage dazwischen. Dafür bekam ich allerdings auch mehr Geld, was meine Motivation deutlich steigerte.
In der Küche hatte Ralf das Sagen. Er brüllte uns seine Anweisungen laut und deutlich zu, damit sie das Geklapper des Geschirrs übertönten und selbst in den abgelegensten Ecken des großen Raumes ankamen. Aber trotz seiner rauen Art wusste ich, dass er tief in seinem Innersten – und damit meine ich wirklich tief – ein netter und liebenswerter Typ war. Niemals nahm er es einem übel, wenn er auf seine schroffen Fragen eine ebenso bissige Antwort bekam. Nach einer Weile gewöhnte man sich an diese spielerisch-grobe Stimmung, die bei uns in der Küche herrschte, und fing sogar an, Vergnügen daran zu finden.

Eine Woche nach dem Abschluss meiner Ausbildung bekamen wir einen Großauftrag von einem Mitarbeiter einer benachbarten Firma, der anlässlich seines zwanzigjährigen Jubiläums ein Frühstück für seine Kollegen ausgeben wollte. Um neun Uhr würde er kommen, um achtzig belegte Brötchen abzuholen.
"Wir haben fast keinen Mett mehr", sagte Ralf, als ich am frühen Morgen in der Bäckerei ankam. "Wir müssen uns welchen aus dem Keller holen."
"Ich wusste gar nicht, dass wir dort einen Kühlschrank mit Vorräten haben", meinte ich, noch im Halbschlaf nach der viel zu kurzen Nacht.
"Haben wir auch nicht", brummte er. "Wird Zeit, dass du eingeweiht wirst."
Ich blickte ihn zweifelnd an. "Eingeweiht?"
"Du kannst dir doch wohl denken, was ich damit meine. Hast du dich noch nie gefragt, wieso unser Mett so besonders schmeckt? Wie oft haben dich die Kunden nach der Geheimzutat gefragt?"
"Sehr oft", stimmte ich ihm zu. "Aber ich dachte, es wäre eine besondere Gewürzmischung oder etwas in der Art."
Er schüttelte den Kopf. "So einfach ist es nicht. Jetzt, wo du quasi ein vollwertiger Mitarbeiter bist, kann ich dir zeigen, wie dieser besondere Geschmack zustande kommt. Komm mal mit, aber um Himmels Willen, spuck vorher den verdammten Kaugummi aus, du weißt doch, dass ich diese Dinger nicht leiden kann!"
"Ich weiß", seufzte ich und entsorgte den Kaugummi, bevor ich Ralf in den Keller folgte.

"Als die Bäckerei 1956 aufmachte, war sie noch ein echtes Familienunternehmen", erzählte er mir auf dem Weg nach unten. "Die Großeltern unseres jetzigen Chefs gründeten die Firma und bauten das Ganze zu zweit auf, bis ihre Tochter groß genug war, um sie zu unterstützen." Er holte die Schlüssel heraus, öffnete die Tür zum Keller und schaltete das Licht in dem Raum ein. "Ich war damals noch nicht mal in Planung, aber es soll eine sehr harte Zeit gewesen sein. Es gab viele andere Bäckereien in der Gegend und es war schwer, die Kunden für sich zu gewinnen. Alle versuchten, sich gegenseitig mit den Preisen zu unterbieten, aber der alte Herr, Gott sei seiner Seele gnädig, wollte die Käufer lieber auf eine andere Weise an sich binden." Ralf ging zur hinteren Wand des Kellerraums und betätigte einen kleinen Hebel, der so gut hinter dem Schwerlastregal mit den Mehlsäcken versteckt war, dass ich ihn nie zuvor bemerkt hatte. Damit öffnete er eine kleine Nische, die in die Wand eingelassen war. "Ich weiß natürlich nicht genau, wie er das gemacht hat, aber es heißt, dass er einen Pakt mit jemandem geschlossen hat, der zwei Hörner auf seinem Kopf hatte und nicht sehr gut auf Gott zu sprechen war."
"Mit dem Teufel?"
Ralf holte etwas aus dem Versteck heraus und drehte sich zu mir um. "Junge, bist du ganz verblödet? Du musst doch gemerkt haben, dass ich genau dieses Wort nicht aussprechen wollte, nicht hier und nicht jetzt!"
Ich blickte den altmodischen Fleischwolf in seinen Händen an. "Okay …"
"Jedenfalls hat er etwas von diesem Wesen bekommen, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen."
"Diesen Fleischwolf?", fragte ich. Inzwischen war ich mir sicher, dass er mir einen Streich spielen wollte, obwohl ich ihn gut genug kannte, um zu wissen, dass er nicht der Typ für solche Späße war.
"Deine Auffassungsgabe fasziniert mich immer wieder aufs Neue, aber jetzt lass mich doch weiter erzählen, ist das in Ordnung?"
"Sicher."
"Der alte Herr hat also dieses Ding bekommen, was dem Unternehmen auch wirklich geholfen hat. Während viele anderen Bäckereien dichtmachten, kamen immer mehr Kunden zu ihm, die von seinem besonderen Mett nicht genug bekommen konnten." Ralf schraubte den Fleischwolf an der Kante einer Tischplatte fest. "Ich weiß nicht genau, wie es funktioniert, aber irgendwie wird dabei ein Portal in eine andere Dimension geöffnet, und die Wesen, die von dort zu uns reinkommen wollen, werden direkt zu Hackfleisch verarbeitet. Keine Ahnung, warum sie so scharf darauf sind, uns zu besuchen, aber sie scheinen immer in der Nähe des Durchgangs zu sein und darauf zu warten, dass er sich öffnet. Wir müssen also immer höllisch aufpassen, wenn wir das Ding benutzen."
Bei dieser fantastischen Geschichte konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. "Schon klar."

"Hast du eine Art Anfall, oder was ist mit deinem Gesicht los?", fragte er.
"Netter Versuch, aber darauf falle ich doch nicht herein", meinte ich. "Eigentlich dachte ich, dass solche Streiche am letzten Ausbildungstag gespielt werden."
Er warf mir einen gereizten Blick zu. "Das hier ist verdammt ernst, also wisch dir das dämliche Grinsen aus dem Gesicht. Ich benutze das Ding schon seit vierundzwanzig Jahren und habe immer noch Respekt davor. Den solltest du auch haben."
"Aber … Das ist doch nur ein alter Fleischwolf", sagte ich. "Soll ich jetzt wirklich stundenlang daran herumdrehen, um magischen Mett zu bekommen?"
"Keine Sorge, du musst nichts drehen", erwiderte er und zeigte auf einige Worte, die in das Metall des antiken Geräts eingraviert waren. "Das musst du dreimal hintereinander laut vorlesen, dann läuft es von allein. Wir müssen es dann nur noch würzen und Zwiebeln zufügen."
"Okay …"
"Ich sehe doch, dass du mir immer noch nicht glaubst. Sobald du es mit deinen eigenen Augen siehst, wird sich deine Meinung ändern, aber vorher muss ich dir noch das Wichtigste dazu erklären, und zwar die kritische Masse."
"Die kritische Masse?", wiederholte ich stumpf.
"Du darfst niemals mehr als vierzig Kilo Mett auf einmal anhäufen, sonst wird etwas aus der anderen Dimension zu uns herüber schwappen und es zum Leben erwecken."
"Etwas aus der anderen Dimension?"
"Glaub mir, das willst du nicht erleben." Ralf stellte eine große Schüssel unter die Lochscheibe des Fleischwolfs, um das Hackfleisch aufzufangen. "Um sicher zu gehen, dass nichts passiert, mache ich niemals mehr als zehn Kilo auf einmal."
"Wegen der kritischen Masse", sagte ich.
"Ganz genau. Wenn die Schüssel voll ist, haben wir erst einmal genug."

Obwohl ich immer noch überzeugt war, Opfer eines Streichs zu sein, bemühte ich mich diesmal um einen ernsten Gesichtsausdruck, um den Anschein zu erwecken, dass ich ihm diesen Unsinn inzwischen abkaufte.
Ralf las die eingravierten Worte in einem feierlichen Ton vor, als würde er eine Predigt in der Kirche halten. Er hätte das Zeug zu einem Sektenguru gehabt, dachte ich mir. Kaum war er fertig, begann die Kurbel des Fleischwolfs, sich langsam zu drehen. Aus der Lochscheibe wurde Hackfleisch gepresst, das in die bereitgestellte Schüssel plumpste.
"Du kannst schon mal die Zwiebeln holen", wies Ralf mich an.
Ich starrte ungläubig den Fleischwolf an, der sich von selbst drehte und Hackfleisch aus dem Nichts produzierte. Weder unter der Tischplatte noch sonstwo waren Rohre, Schläuche oder andere Leitungen zu erkennen, mit denen das Zeug zu dem Gerät transportiert werden könnte, um mich hereinzulegen.
"Wie ist das möglich?", fragte ich.
"Junge, hast du mir nicht zugehört? Das habe ich dir doch vor zwei Minuten erklärt!"
"Ja, aber … Findest du das nicht ein wenig unheimlich?"
Er zuckte mit den Schultern. "Ach, da gewöhnt man sich dran. Mir ist es zwar auch nicht ganz geheuer, aber viele Kunden kommen nur wegen unserer Mettbrötchen zu uns und wir würden sie verlieren, wenn wir nur noch das gleiche Zeug anbieten wie die anderen Bäckereien. Abgesehen davon kostet es uns keinen Cent und bringt eine Menge Geld ein. Ohne es wären wir in ein paar Monaten pleite und müssten dichtmachen. Und jetzt steh nicht so herum, sondern kümmere dich endlich um die Zwiebeln", fügte er hinzu.
"Okay", sagte ich und ging zu der Vorratskammer, um diese Aufgabe zu erledigen. Da ich mich in der Nähe des alten Fleischwolfs nicht besonders wohl fühlte, war es mir nur recht, für eine Weile zu verschwinden und in Ruhe nachzudenken. Wir wussten also selbst nicht genau, was wir unseren Kunden vorsetzten, wurde mir klar. Aber es war auf jeden Fall etwas, das sie nicht essen würden, wenn sie wüssten, auf welche Weise wir es beschafften. Sie wären entsetzt, die Wahrheit zu erfahren, doch solange sie in Unwissenheit lebten, konnten sie den Geschmack unserer Mettbrötchen weiterhin genießen.

Als ich mit den Zwiebeln in den Keller zurückkehrte, hielt sich Ralf sein Handy ans Ohr und hörte konzentriert zu. Die Schüssel war inzwischen fast zur Hälfte voll.
"Was hat sie diesmal angestellt?", fragte er seinen Gesprächspartner. So, wie er das Gesicht verzog, gefiel ihm die Antwort offenbar nicht. "Bin in zehn Minuten da", sagte er und legte auf.
"Alles in Ordnung?", fragte ich.
Ralf seufzte. "Ich muss kurz zum Polizeirevier, um meine Tochter abzuholen. Wenn die Schüssel voll wird, bevor ich wiederkomme, musst du den Fleischwolf selbst abstellen. Das wirst du doch hinkriegen, oder?"
"Ich weiß nicht …"

"Komm schon, stell dich nicht so an. Du musst doch nur dreimal die Worte rückwärts lesen, mehr ist das nicht."
Trotz des Unbehagens, das ich dabei empfand, musste ich zugeben, dass es nach einer simplen Angelegenheit klang. "In Ordnung", meinte ich widerwillig.
"Kann ich mich auf dich verlassen?"
"Das kannst du."
Er ging zur Treppe nach oben. "Ich werde mich beeilen."
Nachdem Ralf fort war, blieb ich in der Nähe des Fleischwolfs und sah dabei zu, wie die Schüssel sich langsam füllte. Immer wieder blickte ich auf die Uhr und hoffte, dass er schnell genug zurückkehren würde, um die Beschwörungsformel selbst vorzulesen und diesen Spuk zu beenden. Die beiden Verkäuferinnen, die in der Frühschicht arbeiteten, würden frühestens in einer Stunde in der Bäckerei auftauchen.

Je näher der entscheidende Zeitpunkt näherrückte, umso nervöser wurde ich. Nun stellte ich mir die Frage, wie ich die magischen Worte eigentlich vorlesen sollte. Sie waren in zwei Zeilen übereinander eingraviert, insgesamt acht an der Zahl. Man konnte rechts unten anfangen und die einzelnen Buchstaben aufsagen, bis man links oben angelangt war. Man konnte von links nach rechts Wort für Wort rückwärts lesen, oder aber auch von rechts nach links. Man konnte zuerst die obere Zeile rückwärts lesen – sowohl die einzelnen Wörter als auch die einzelnen Buchstaben. Von dieser Anzahl an Möglichkeiten verunsichert, begann ich mit der ersten Version, wobei ich mich immer wieder verhaspelte und neu anfangen musste. Doch welche Kombination ich auch probierte, zeigten meine Versuche keinerlei Wirkung. Die Kurbel drehte sich immer weiter und ließ immer mehr Hackfleisch in die Schüssel pressen. Mit wachsendem Entsetzen machte ich weiter, während der Haufen immer größer wurde und von allen Seiten über die Ränder der Schüssel quoll. Da ich ihm nicht zu nah sein wollte, hielt ich immer mehr Abstand, was das Lesen der Zauberformel erschwerte und zu noch mehr Fehlern führte. Meiner Einschätzung nach würde es bald die kritische Masse erreichen.
Eine Minute später begann das Hackfleisch zu beben und zu zucken, als würde es sich nach einem langen Schlaf strecken. Als einen Angsthasen würde ich mich nicht bezeichnen, doch als ich diese Bewegungen sah, verließ ich fluchtartig den Raum und verschloss die Tür von außen.
Als Ralf zurückkehrte und mich vor der Tür antraf, war er nicht begeistert.
"Was machst du hier?", wollte er wissen.
Ich schilderte ihm die Situation, wobei ich mich darum bemühte, mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen. "Du hast mir nicht gesagt, wie ich die Worte vorlesen muss", warf ich ihm zu guter Letzt vor. "Einzelne Wörter, einzelne Buchstaben, Zeile für Zeile oder alles zusammen?"
Er verdrehte die Augen. "Du musst es natürlich Silbe für Silbe vorlesen, das sollte doch wohl klar sein!"
Kopfschüttelnd holte er sein Handy heraus, wählte eine Nummer und wartete. "Es ist wieder passiert", sagte er in den Hörer. "Komm schnell her und bring die Hunde mit."
 

MamoChan

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Hm, ich liebe den Titel. :biggrin: Ich musste so lachen. :top:

Die Geschichte war ganz in Ordnung. Die Idee dahinter gefällt mir wirklich gut. Aber sie könnte etwas flotter erzählt werden. Mir ist sie etwas zu behäbig und verliert sich in zu vielen Beschreibungen. Gerade die erste Häfte war schon recht zäh.
Großartige Fehler sind mir nicht aufgefallen, aber sagt man wirlich "den" Mett? :huh: Oder war es Absicht und bezog sich auf den Mett-Dämon?
 
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