Story LIV - Die Transparenz

Clive77

Serial Watcher
Teammitglied
Als ich eines Nachts auf dem Weg in die Küche war, vernahm ich ein klirrendes Geräusch. Ich war aufgestanden, um mir ein Glas Wasser zu holen und eine Tablette gegen mein Sodbrennen einzunehmen, das ich gelegentlich bekam. Nun blieb ich im Türrahmen stehen und schaltete das Licht ein. Zunächst fiel mir nichts Außergewöhnliches auf, doch dann bemerkte ich das offene Glas mit den Würstchen, das auf der Anrichte neben dem Kühlschrank stand. Ich war mir sicher, dass ich es dort nicht abgestellt hatte.
Ohne mir etwas anmerken zu lassen, ging ich zum Hän-geschrank und holte die angebrochene Packung Mehl heraus, die mit einer Klammer verschlossen war. Dabei versuchte ich, den Anschein einer routinierten Tä-tigkeit zu erwecken und nicht in die Ecke neben dem Kühlschrank zu schielen. Ich griff in die Packung hinein, nahm eine Handvoll Mehl heraus und schleuderte es mit einer schnellen Bewegung in die besagte Ecke. Jetzt konnte ich den Eindringling sehen.
»Wie bist du hereingekommen?«, fragte ich.
Er fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht, konnte damit aber nur einen Teil des Mehls entfernen. »Die Ter-rassentür war offen.«
»Verschwinde aus meinem Haus«, forderte ich ihn auf und zog das größte Messer aus dem Messerblock heraus, um meinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. »Die Würstchen kannst du mitnehmen.«
»Ist sonst nicht meine Art, in Häuser einzubrechen«, beteuerte der Unbekannte. »Aber ich stecke echt in der Klemme.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte ich. So leid mir der Mann auch tat, konnte ich ihm nicht helfen. »Trotzdem musst du mein Haus verlassen, und das weißt du auch.«
Er packte das Glas mit den restlichen Würstchen und bewegte sich in Richtung Tür. »Schon klar.«
»Nimm es mir nicht übel, aber du bringst mich gerade in große Gefahr. Mit jeder Sekunde wird die Übertragung wahrscheinlicher.«
»Das verstehe ich«, meinte der Unsichtbare. Das Mehl war inzwischen so weit verblasst, dass ich den Mann kaum noch erkennen konnte. »Danke für die Würstchen.«
»Keine Ursache«, erwiderte ich und folgte ihm bis zur Tür.
Ohne ein weiteres Wort kehrte mir der Unbekannte seinen Rücken zu und ging in die Nacht davon. Nachdem ich die Tür verschlossen hatte, brachte ich das Messer zurück in die Küche und untersuchte alle Stellen, mit denen der Unsichtbare in Berührung gekommen sein könnte.
Ich hätte den Mann beim Verteidigungsministerium melden müssen, ließ es aber sein. Sie würden nicht nur ihn in Quarantäne stecken, sondern auch mich. Sie würden mein Haus abriegeln und gründlich untersuchen, was sich über Wochen oder Monate hinziehen konnte. Falls es überhaupt jemals ein Ende finden würde.

Fünf Monate zuvor waren die ersten Bilder aufgetaucht. Aus der Luft aufgenommen, zeigten sie ein rundes Loch in der Wüstenlandschaft von Arizona, das einem Krater ähnelte. Mit einem Durchmesser von einem halben Ki-lometer und einer geschätzten Tiefe von zweihundert Metern bot es dem Betrachter einen imposanten Anblick, was nicht zuletzt an der perfekten Rundung lag. Es sah aus, als hätte jemand eine überdimensionale Billard-kugel in den Boden gedrückt.
Da ich als freiberuflicher Fotograf arbeitete, war ich von diesen Bildern vom ersten Augenblick an fasziniert und beneidete denjenigen, dem solche Aufnahmen gelungen waren. Ich schnappte meine Kamera und machte mich auf den Weg nach Payson in Arizona, was keine zweihundert Kilometer von meinem Zuhause in Colorado entfernt war. Bei der Ankunft stellte ich jedoch fest, dass das Gebiet weiträumig abgesperrt war und vom Militär kontrolliert wurde. Von den Anwohnern erfuhr ich, dass an der Stelle, an der nun das Loch klaffte, bis vor kurzem eine Mi-litärbasis gewesen war. Die Absperrung um das Gelände wurde schon seit Wochen immer weiter nach außen ver-schoben, also mussten die beeindruckenden Bilder il-legal entstanden sein.
Mir wurde schnell klar, dass es keine Möglichkeit gab, nah genug an das Loch heranzukommen, um selbst ein paar Aufnahmen machen zu können. Enttäuscht trat ich den Heimweg an und überlegte, wie ein solcher Krater entstanden sein könnte. Hatte ich vorher noch ange-nommen, dass es sich um die Spuren eines Meteoriten-einschlags handelte, so glaubte ich nun, dass es etwas mit Waffen zu tun haben musste. Entweder hatte das Militär an einer Bombe gearbeitet, die durch ein Versehen explodiert war, oder jemand anders hatte einen Anschlag auf die Militärbasis verübt.
Trotz der Absperrung gelang es manchen hartnäckigen Wissensjägern, mit ihren Drohnen in das Gebiet zu gelangen und weitere Bilder und Videos von dem Loch aufzunehmen. Nach und nach sickerten sie ins Internet und sorgten für zahlreiche Spekulationen über das Phänomen. Auch wenn manche von ihnen gefälscht waren, sahen die anderen echt genug aus, um die Sache ernst zu nehmen. Besonders eindrucksvoll und rätselhaft war ein Video, das im Regen aufgezeichnet worden war. Das Wasser schien auf der Höhe des Randes über dem Loch zu schweben, als würde es sich über einen kristallklaren Eisblock ergießen.
Wenige Tage später war das Phänomen so präsent in den Medien geworden, dass der Andrang an der Absperrung kritisch wurde und die Regierung sich gezwungen sah, eine Pressekonferenz einzuberufen. Der Verteidi-gungsminister betonte gleich am Anfang seiner Rede, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gab, doch die Art dieser Betonung legte die Vermutung nahe, dass ein solcher Grund sehr wohl vorhanden war.
»Auf dem Gelände einer Militärbasis in Payson, Arizona lässt sich seit einiger Zeit ein Phänomen beobachten, das für uns alle neu ist«, teilte er uns mit. »Da die Fehleranalyse noch nicht abgeschlossen wurde, wissen wir derzeit nicht genau, wodurch es ausgelöst wurde und wie lange es anhalten wird. Es hat den Anschein, dass eine Kettenreaktion in Gang gesetzt wurde, die zu einer dauerhaften Transparenz von Materie führt und von einem Atom auf das andere übertragen wird. Obwohl es so aussieht, als wäre unsere Militärbasis verschwunden, ist sie immer noch da. Wegen der Geheimhaltungsstufe unserer gegenwärtigen Projekte kann ich Ihnen nichts über ihren Inhalt sagen, aber ich kann Ihnen versichern, dass die Sicherheit der Bevölkerung stets die oberste Priorität für das Verteidigungsministerium darstellt. Unsere besten Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck daran und werden alles dafür tun, dieses Problem möglichst schnell zu lösen. Falls Sie noch irgendwelche Fragen haben… «
»Sie haben von einer dauerhaften Transparenz gespro-chen«, meldete sich ein Reporter zu Wort. »Können Sie das etwas genauer erklären?«
»Es ist zwar nicht mein Fachgebiet, aber ich werde es versuchen«, sagte der Verteidigungsminister. »Wir können die Materie sehen, weil sie Licht reflektiert. Aber wir können das Licht nur dann sehen, wenn die elektromagnetische Strahlung in einem bestimmten Be-reich liegt. Alles mit einer zu niedrigen oder zu hohen Frequenz kann von uns mit bloßem Auge nicht erfasst werden. Aus diesem Grund ist die betroffene Materie unsichtbar.«
»Wurde das Phänomen durch ein Experiment ausgelöst, bei dem es um die Entwicklung eines neuartigen Tarnanzugs ging?«, fragte ein anderer Journalist.
Der Verteidigungsminister runzelte die Stirn. »Kein Kommentar.«
»Mit welcher Geschwindigkeit breitet sich diese Transparenz aus?«, wollte eine Reporterin wissen.
»Nach unserem jetzigen Wissensstand hängt es von der Dichte der jeweiligen Materie ab«, lautete die Antwort. »Sie beträgt zwischen zehn und fünfzig Zentimeter pro Stunde.«
»Ist davon nur die anorganische oder auch die organische Materie betroffen?«, stellte sie die Frage.
»Sowohl als auch.«
»Wie hoch ist die Gefahr für die Menschen, die in der Nähe der Militärbasis leben?«, wollte ein Reporter wissen.
»Wir haben alles unter Kontrolle«, sagte der Vertei-digungsminister mit Bestimmtheit. »Bleiben Sie unbe-sorgt.«
»Aber wie können Sie sich da so sicher sein, wenn die Fehleranalyse noch nicht abgeschlossen ist?«, fragte die gleiche Journalistin, die vorher bereits zu Wort gekommen war. »Die Transparenz breitet sich immer noch aus.«
Der Minister warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Im Augenblick habe ich keine weiteren Informationen für Sie. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten.«
Nach diesen Worten verließ er das Podium und ignorierte alle weiteren Fragen, mit denen ihn die Reporter bombardierten.
Spätestens an dieser Stelle wurde den Menschen bewusst, dass sie allen Grund zur Beunruhigung hatten.

In den Medien gab es kaum noch ein anderes Thema. Selbst wenn die Zeitungen und Fernsehsender mit keinen neuen Informationen aufwarten konnten, brachten sie Son-derausgaben und Spezialsendungen, die sich mit dem Phänomen beschäftigten. Manchmal zeigten sie zwar neue Aufnahmen von der wachsenden Transparenz und ließen Physiker und andere Wissenschaftler zu Wort kommen, doch diese Berichte bestanden größtenteils aus Wiederho-lungen, die in einer Endlosschleife gesendet wurden.
Die sozialen Netzwerke füllten sich mit Bildmaterial und hitzigen Diskussionen über das wahre Wesen des Phä-nomens. Hier durfte jeder zu Wort kommen und die wildesten Verschwörungstheorien von sich geben, was nicht selten zu Beleidigungen und Streitereien führte. Am naheliegendsten war immer noch die Theorie, der zufolge ein gescheitertes Tarnanzug-Experiment die Kettenreaktion ausgelöst hatte, doch die Verantwort-lichen beim Militär schwiegen sich darüber aus.
Je weiter sich die Transparenz ausbreitete, umso mehr bekamen es die Menschen mit der Angst zu tun. Besonders in Arizona, in der näheren Umgebung von Payson, nahmen die Nervosität und Aggressivität in der Bevölkerung zu, was zu einem Anstieg von Gewaltverbrechen führte. Mit dem Wachsen des befallenen Gebiets wurde es für das Militär immer schwieriger, die Absperrung unter Kon-trolle zu behalten.
Die Lage verschärfte sich, als außerhalb der Sperrzone weitere Transparenz-Löcher entstanden. In den Medien tauchten Bilder von einem Haus auf, das aus einer dünnen Wand und einem schwebenden Dach zu bestehen schien. Von einer Tankstelle, die zwölf Kilometer von der Mili-tärbasis entfernt war, war nur noch eine halbe Zapfsäule zu sehen. Offensichtlich war befallenes Material nach außen gelangt und die neuen Brandherde entfacht, wobei die Ursache unbekannt blieb. Vielleicht war ein Mit-arbeiter mit einem unsichtbaren Objekt in Berührung gekommen, hatte sich dabei angesteckt und die Seuche - wissentlich oder nicht - in die Außenwelt getragen. Es hätte aber auch ein Vogel sein können, der mit einem kontaminierten Zweig über den Zaun geflogen war.
Die Regierung veranstaltete keine Pressekonferenzen mehr, veröffentlichte aber gelegentlich Mitteilungen, in denen sie der Bevölkerung versicherte, dass sie kurz vor dem Durchbruch stünden und die Situation bald unter Kontrolle kriegen würden. Sie riefen die Bürger dazu auf, Ruhe zu bewahren, doch jeder neue Ausbruch löste eine Flüchtlingswelle aus. Viele Familien packten ihre Sachen und ließen ihre Häuser zurück, um nach Mexiko oder Kanada auszureisen, wo sie sich in größerer Sicherheit wähnten. Kriminelle nutzten die Gelegenheit, um die leerstehenden Häuser zu plündern.
In den darauffolgenden Tagen häuften sich die Berichte über Begegnungen mit Unsichtbaren. Obwohl sie in den meisten Fällen nur in die Supermärkte und Häuser hineinschlichen, um sich Nahrung zu beschaffen, kam es manchmal auch zu Übergriffen und Vergewaltigungen. Gerüchten zufolge ließen sich manche Voyeure und Triebtäter absichtlich von der Transparenz anstecken, um ihre Neigungen unerkannt ausleben zu können.
Mit jedem neuen Brandherd beschleunigte sich die Ausbreitung und zog immer größere Kreise, so dass nach kurzer Zeit nicht nur Arizona, sondern auch die an-grenzenden Staaten betroffen waren. Niemand konnte mit Bestimmtheit sagen, wie lange ein Objekt oder ein Lebewesen mit transparenter Materie in Kontakt sein musste, um eine Übertragung der Kettenreaktion her-beizuführen. Den Berichten zufolge reichte eine flüchtige Berührung nicht aus, wobei sich der Wahr-heitsgehalt solcher Meldungen schwer einschätzen ließ.
Straßenprediger verkündeten den nahenden Weltunter-gang.

Kurz nachdem der Einbrecher mein Haus verlassen hatte, entdeckte ich die befallenen Stellen in meiner Küche. Eine davon befand sich am Griff an der Kühlschranktür, die der Unsichtbare geöffnet hatte. Wo seine Hand die Stange umklammert hatte, fraß sich die Transparenz von außen nach innen durch das Metall. Die zweite Stelle betraf den Boden in der Ecke, in der sich der Mann aufgehalten hatte, als ich in die Küche gekommen war. In den Fliesen waren zwei Löcher zu sehen, die sich langsam ausbreiteten. Mir war bekannt, dass es sich in Wirklichkeit um durchsichtige Materie handelte und die Fliesen noch immer da waren, doch meine Augen nahmen sie als Löcher wahr.
Mein Körper war auch nicht verschont geblieben. Die Fläche meiner rechten Hand sah aus, als würde dort ein Stück fehlen. Dabei fühlte sie sich völlig normal an, was mich nicht wenig überraschte. Eine Weile lang stand ich wie gebannt da und starrte meine schwindende Handfläche an. Unter meiner durchsichtigen Haut konnte ich die roten Muskelstränge sehen, die wie ein Flechtwerk miteinander verbunden waren. Ich ging noch einmal zur Terrassentür und überprüfte den Griff, mit dem sie sich zur Seite schieben ließ. Meine Vermutung bestätigte sich, da er inzwischen fast vollständig unsichtbar war. Auf diesem Wege hatte ich mich also mit der Transparenz angesteckt.
Als die Knochen meiner Hand zum Vorschein kamen, re-alisierte ich langsam, was mit mir geschah. Ich rannte ins Badezimmer, zog mich aus und stellte mich unter die Dusche, bevor ich den Wasserhahn aufdrehte. Minutenlang schrubbte ich meinen gesamten Körper ab, obwohl mir bekannt war, dass die Transparenz sich auf diese Weise nicht entfernen ließ. Schließlich beruhigte ich mich und drehte das Wasser wieder zu. Von meiner rechten Hand war nicht mehr viel zu sehen, doch ich verspürte keine Schmerzen und fühlte mich trotz meines Zustands fit.
Gewiss hätte ich mich bei den Behörden melden und untersuchen lassen können, um auf die Entwicklung eines Gegenmittels zu warten, doch es gab keinen Anlass zur Hoffnung. In den wenigen Mitteilungen, die von den Regierungsvertretern an die Bevölkerung gerichtet wurden, war keine Spur von der ursprünglichen Zuver-sicht. Auch wenn sie es nicht zugeben würden, waren sie genau so ratlos wie wir, und ich hatte nicht vor, den Rest meines Lebens hinter Schloss und Riegel zu ver-bringen. So beschloss ich, die wichtigsten Sachen zu packen, solange ich noch in der Lage dazu war, und das Weite zu suchen.
Nachdem ich mich mit einem Badetuch abgetrocknet hatte, zog ich mich an, wobei es sich als schwierig erwies, mit der unsichtbaren Hand meine Hose zuzuknöpfen. Der Ärmel meines Pullovers verdeckte eine Zeitlang meinen rechten Unterarm, bis sich die Transparenz auf ihn übertrug und ihn durchsichtig machte.
Als ich den Rucksack aus dem Abstellraum holte, hatte es meine Schulter erreicht. In der Küche nahm ich zuerst die Konserven mit Fisch, Fleisch und Gemüse aus den Schränken heraus und legte sie in den Rucksack, wobei ich nur die linke Hand benutzte. Den unsichtbaren Griff des Kühlschranks, in dessen Tür inzwischen ein großes Loch zu klaffen schien, ertastete ich mit meiner un-sichtbaren rechten Hand. Ich holte ein Glas mit Würstchen und zwei Packungen mit Käse-Aufschnitt heraus und fügte sie dem anderen Proviant hinzu. Des Weiteren nahm ich zwei Flaschen Mineralwasser, ein Brotlaib und drei Äpfel. In dem Rucksack blieb gerade noch Platz für frische Unterwäsche und ein paar saubere Socken.
Die Transparenz hatte sich inzwischen auf den Oberkörper übertragen und breitete sich auf meinem Brustkorb aus. Zwischen den Rippen ließ sich mein pulsierendes Herz erkennen.
Im Wohnzimmer fiel mein Blick auf meine beste Spie-gelreflexkamera, eine Nikon D3500. Da ich es nicht übers Herz brachte, sie im verseuchten Haus zurückzulassen, hängte ich sie mir um den Hals und fragte mich, wie lange es dauern würde, bis die Transparenz von mir auf das Gerät übergriff.
Bevor ich mich aus dem Staub machte, ging ich in die Küche und gönnte mir eine ausgiebige Mahlzeit. Beim Essen überlegte ich, welche Richtung ich einschlagen sollte. Wenn ich so wie die anderen nach Kanada, Mexiko oder zur Ostküste fliehen sollte, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die Transparenz dort ankommen und mich weitertreiben würde, immer weiter, bis der ganze Erdball von der Seuche erfasst wäre. Anstatt mich sinnlos mit den anderen Flüchtlingen auf den überfüllten Straßen zu drängeln und womöglich um den begrenzten Platz auf den Schiffen und in den Flugzeugen kämpfen zu müssen, wollte ich die Zeit lieber anders verbringen.
Ich versuchte auszurechnen, wie groß das Loch in Payson, Arizona mittlerweile geworden war. Meiner Über-schlagsrechnung zufolge musste es - je nach Dichte des Bodens - zwischen fünfzig und hundert Kilometer im Durchmesser haben und einen sehr tiefen Einblick ins Erdinnere gewähren. Bei dieser verlockenden Vorstellung fasste ich den Entschluss, zu dem Ursprung der Transparenz zu reisen, um den Riesenkrater mit den eigenen Augen zu sehen und ein paar Fotos zu schießen. Natürlich würden sowohl die Kamera als auch ich selbst unsichtbar sein, bis wir dort eintrafen, doch ich würde sie trotzdem bedienen können, da ich die Lage jedes Knopfes auswendig kannte. Der Gedanke, mit einer un-sichtbaren Kamera unsichtbare Objekte zu fotografieren, die sich niemand jemals ansehen können würde, faszi-nierte mich.
Durch das Loch im Boden der Küche konnte ich die Dunkelheit des Kellerraums sehen, in dem ich meinen Trödel aufbewahrte. Ich musste mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass die von der Transparenz be-fallenen Stellen keine Löcher, sondern unsichtbare Materie waren, was sich aber schwer mit meiner Wahr-nehmung vereinbaren ließ. Es war kein Wunder, dass die Schwarzen Löcher von den Astronomen so genannt wurden, obwohl sie in Wirklichkeit aus der dichtesten Materie bestanden, die man sich nur vorstellen konnte. Da sie so massiv waren, dass sie kein Licht reflektierten, konnte man keine Bildaufnahmen von ihnen selbst machen, sondern nur einen schwarzen Punkt, der die dahinter-liegenden Sterne für eine gewisse Zeit überdeckte. In optischer Hinsicht waren die Schwarzen Löcher das Gegenteil von der Transparenz, die ich fotografieren wollte, aber genauso unsichtbar.
Nach dem Essen ging ich ins Schlafzimmer und sah mich in der Spiegelfront des Kleiderschranks an. Zwischen meinem Hals und meinem Bauch schien ein riesiges Loch zu klaffen, was den Eindruck erweckte, dass mein Kopf einen halben Meter über den Resten meines Torsos schwebte. Von der Kamera war nichts mehr zu sehen.
Trotz meiner Benommenheit konnte ich noch klar denken. Während mein Leib Zelle für Zelle transparent wurde, überlegte ich, ob ich in meinem Zustand den Wagen nehmen sollte, um nach Arizona zu reisen. Das erschien mir zu gewagt, da ein Auto ohne Fahrer sofort Aufmerksamkeit erregen würde und der Wagen selbst ebenfalls nach und nach unsichtbar werden würde. Womöglich waren die Straßen bereits voll mit durchsichtigen Fahrzeugen, was das Unterfangen noch gefährlicher machte. Ich musste die Reise zu Fuß unternehmen.

In der Morgendämmerung verließ ich das Haus und ging zur Straße, die in Richtung Südwesten führte. Sowohl mein Körper als auch mein Rucksack und die Kamera waren mittlerweile komplett unsichtbar geworden, so dass ich nur noch an ihrem Gewicht feststellen konnte, dass sie noch vorhanden waren. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Befall meines Hauses von außen erkennbar sein würde.
Ich ging zwei Stunden lang ohne Unterbrechung, bis meine schmerzen Beinmuskeln mich dazu zwangen, eine Pause einzulegen. Jedes Mal, wenn mir unterwegs Menschen begegneten, die mir zu nahe kamen, verharrte ich auf der Stelle und hielt die Luft an. Einmal bellte mich ein Hund an, der mich gewittert haben musste, aber zum Glück zog sein Frauchen an der Leine und entfernte sich mit ihm, ohne seinem Verhalten auf den Grund zu gehen.
Vierzig Kilometer von meinem Haus entfernt stieß ich auf eine große transparente Stelle mitten auf der Straße. Ich stellte mich an den Rand und blickte ins Loch, dessen Tiefe ich auf zwanzig Meter schätzte. Als ich einen Stein vom Straßenrand aufhob und ihn in die Mitte warf, prallte er von der unsichtbaren Oberfläche ab und hüpfte mehrere Meter weiter, bis er liegen blieb. Auf einem Bein balancierend, streckte ich das andere vor und ertastete mit dem Fuß den Boden. Wahrscheinlich hätte ich die transparente Stelle gefahrlos überqueren können, entschied mich jedoch dazu, einen Bogen darum zu machen, zumal es kein großer Umweg war. Vorher nahm ich die Kamera in die Hände, richtete sie auf das Loch und machte zwei Bilder.
Am nächsten Tag führte mich die Straße zum Ufer eines Kanals, wo früher eine Brücke gewesen war. Das heißt, sie war immer noch vorhanden, hatte sich aber in eine durchsichtige Brücke verwandelt. Ich suchte die Um-gebung nach einem Stock ab, der lang genug war, um mir als Blindenstock zu dienen. Es verging eine gefühlte Viertelstunde, bis ich endlich einen passenden fand und zum Ufer zurückkehrte. Obwohl ich den harten Betonboden der Brücke mit dem Stock ertasten konnte, kostete es mich einiges an Überwindung, sie zu betreten. Zehn oder zwölf Meter unter mir sauste das Wasser des Kanals vorbei, das nach dem Tauen des Schnees aufgewühlt und trüb war. Erst als ich den festen sichtbaren Boden am anderen Ufer erreichte, atmete ich erleichtert auf und schoss zwei Bilder von der Brücke.
Je näher ich der Militärbasis mit dem Ursprung der Transparenz kam, umso mehr häuften sich die befallenen Stellen. Ich fotografierte Häuser, von denen nur noch das Dach zu sehen war; Bäume, die aus schwebendem Laub ohne Äste und Stamm zu bestehen schienen. Ampeln, die ohne einen sichtbaren Mast über den Straßen hingen. Zwischendurch legte ich Pausen ein, um von meinen Konserven zu essen oder zu schlafen. Nachdem meine beiden Wasserflaschen leer geworden waren, musste ich in verlassene Häuser einbrechen und sie mit Lei-tungswasser auffüllen. Manchmal nahm ich auch etwas Proviant mit, doch meistens waren schon andere Plünderer vor mir dagewesen. Ich traf nur noch selten auf andere Menschen, wobei ich nicht wusste, wie viele Unsichtbare sich in der Nähe aufhielten.
Kurz bevor ich mein Ziel erreichte, begegnete ich einem Mann, der mit einem Blindenstock in die gleiche Richtung ging wie ich. Als ich an ihm vorbei schleichen wollte, sprach er mich unvermittelt an.
»Willst du auch nach Payson?«
Ich blieb wie angewurzelt stehen. »Ja.«
»Dann lass uns zusammen hingehen«, schlug er vor. »So wird es nicht langweilig.«
»Wie hast du mich bemerkt?«, fragte ich, als wir uns in Bewegung setzten.
Er lachte humorlos auf. »Seit ich blind bin, ist mein Gehör umso schärfer geworden.«
»Was führt dich nach Payson?«, erkundigte ich mich.
»Es ist die Stadt der Blinden«, erwiderte er mit Verwunderung in der Stimme. »Weißt du das denn nicht?«
Ich verneinte.
»Du bist einer von denen, nicht wahr?«, fragte er nach einer kurzen Pause. »Ein Unsichtbarer.«
»Das bin ich«, bestätigte ich.
Der Mann zögerte, bevor er mir die nächste Frage stellte. »Habe ich mich schon angesteckt?«
»Noch nicht«, sagte ich. »Aber es wird nicht mehr lange dauern.«
»Das ist mir klar«, meinte er. »Ich will nur wissen, wie es sich anfühlt.«
»Man spürt überhaupt nichts«, entgegnete ich. »Du wirst nichts davon merken.«
Er stieß einen Seufzer aus, als wäre er nun beruhigt.

Bald konnte ich die ursprüngliche Transparenz aus weiter Entfernung sehen. Der Krater war so gigantisch, dass ich nach Luft schnappte.
»Was ist?«, fragte mich mein Begleiter.
»Wir sind fast da«, verkündete ich. »Aber wie willst du eigentlich die Siedlung finden?«
»Die Kirchenglocken läuten jede Stunde«, erwiderte er.
Als die Glocken läuteten, trennten sich unsere Wege. Wir waren am Rande des Lochs angekommen und wünschten einander alles Gute für die Zukunft, bevor jeder seine Richtung einschlug. Im Gegensatz zu mir war es für ihn kein Problem, über den unsichtbaren Boden zu gehen. Meine Augen sagten mir, dass sich unter meinen Füßen ein Abgrund befand. Die Maße des Kraters ließen sich schwer einschätzen, aber etwas Größeres hatte ich noch nie gesehen. An der halbrunden Innenseite des Kraters konnte man wie in einem Lehrbuch die einzelnen Gesteins-schichten betrachten. Ich schoss zwei Bilder und tastete mich langsam mit dem Stock voran, um einen besseren Einblick in die Tiefe zu bekommen.
Die Transparenz würde sich immer weiter in den Erdball hineinfressen, bis sie irgendwann das Magma und den Eisenkern erreichte. Nach und nach würde sie den ge-samten Planeten umwandeln mitsamt den Ozeanen und den Bergen. Die Menschen würden nicht direkt an der Transparenz sterben, doch die Infrastrukturen aller Länder würden zusammenbrechen, die Herstellung von Produkten gestoppt werden. Im bevorstehenden Chaos würden die Blinden im Vorteil sein, weil sie sich in einer unsichtbaren Umgebung besser zurechtfinden würden.
Die Sonne würde nicht mehr untergehen - ein letzter ewiger Tag.
 

Mr.Anderson

Kleriker
Die Idee hat mir gut gefallen. Die Apokalypse mal auf andere Art. Allerdings ist mir die Hauptfigur etwas zu abgeklärt, als sie bemerkt, dass sie befallen ist und sich mal eben schnell entschließt einen Rucksack zu packen und loszugehen.
 

blacksun

Keyser Soze
Eine wirklich gute Idee die
aktuelle Pandemie mit der Unsichtbarkeit als Folgeerscheinung zu verknüpfen
. Die Geschichte liest sich auch gut (nicht zäh) und man möchte sie zu Ende lesen. Leider fand ich das Ende
sehr pessimistisch.
. Aber es ist ja nicht meine Geschichte. Hat mir gefallen.
 

MamoChan

Well-Known Member
Eine wirklich großartige Idee das Thema Unsichtbarkeit zu verarbeiten, aber ich habe das Gefühl, dass eine Kurzgeschichte nicht das richtige Medium für diese Geschichte ist. Es wurde zuviel Story in die wenigen Seiten gequetscht. Darum wurde meiner Ansicht nach viel zuviel erzählt und viel zu wenig gezeigt. Vielleicht würde die Romanform dieser Geschichte den Platz geben, die sie benötigt.
 

Ormau

Well-Known Member
Jetzt erst gelesen. HAMMER ! Großes Lob!

Anfangs habe ich mich immer dabei erwischt, wie ich dies Filmisch gesehen, viel langsamer hätte angegangen wäre... mehr Spannungsaufbau in der Küche... noch mehr Unwissenheit, was da gerade los ist. Aber: Es ist ja eine Kurzgeschichte. Und zwar eine, die Mega viele Ideen und aktuelle Themen einfließen lässt, sich nicht abgekupfert anfühlt, Wissenschaftliche Basics und Metaphern beinhaltet und Zügig (und somit spannend) fahrt aufnimmt.

Zudem dachte ich am Anfang, die Hauptperson hätte evtl. noch eine Familie im Haus, was dies noch verkompliziert hätte. Oder es spielt sich noch zu anderen ihm bekannten Menschen eine emotionale Ebene ab. Aber auch hier hattest du einen Fokus, um keine Thematiken anzukratzen, die dann schwach abgehandelt die Glaubwürdigkeit der Person vernichtet hätte.

Zwischendurch erkennt man das Ausmaß und folglich die Richtung in die es sich bewegt. Daher bin ich mit dem Ende sehr zu frieden. Auch hier ist die Verbindung zur Aktuellen Situation, pessimistisch gesehen gelungen: Eher geht die Welt unter bevor es alternativen gibt. Ich frage mich ob es sonst eine Partikel-Lösung gegeben hätte... ein Anzug...ein Spray... der Sichtbarkeit. Und ob es hilft, wenn es noch Schnee geben sollte.:squint:

Also alles in allem ein prima Packet, der sogar Serien potenzial hat. Was hältst du eigentlich von Verfilmungen deiner Ideen ? Update: @Tyler Durden. :biggrin:
 
Zuletzt bearbeitet:

Tyler Durden

Weltraumaffe
Teammitglied
Danke für euer Feedback.

Gegen Verfilmungen meiner Geschichten hätte ich nichts einzuwenden, solange es nicht zu billig aussieht.

Habe beim Schreiben auch festgestellt, dass hier eine längere Form (wie eine Novelle) besser geeignet wäre als eine Kurzgeschichte. Werde die Story wahrscheinlich auch bald ausbauen, aber erst wenn ich mit dem aktuellen Projekt fertig bin.
 

Jay

hauptsache bereits gesehen
Teammitglied
Hey, die hat mir gut gefallen. Wie blacksun schon schrieb ist es ein echt interessanter Kommentar zur Pandemie. Langsam unsichtbar werden muss echt gruselig sein ...
 
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