Story XLIX - Die ewige Nacht

Clive77

Serial Watcher
Teammitglied
Als Linda und ich am Flughafen von Toamasina aus dem Flugzeug stiegen, fiel der Regen in Strömen. Nach der kurzen Strecke, die wir zum Bus rennen mussten, waren unsere Kleidung und unser Gepäck so durchnässt, dass sie merklich schwerer wurden. Obwohl meine Kameraausrüstung in einer wasserdichten Hülle untergebracht war, überprüfte ich sofort ihre Funktionstüchtigkeit, sobald wir im Trockenen saßen.
"Noch intakt?", fragte Linda, während sie ihr Gesicht mit einem Handtuch abtrocknete.
"Sieht in Ordnung aus."
Ein Fernsehsender hatte uns beauftragt, eine Dokumentation über die nachtaktiven Tiere von Madagaskar zu drehen, wobei das Fingertier, das auch unter dem Namen Aye-Aye bekannt ist, unsere besondere Aufmerksamkeit bekommen sollte.
Linda war eine Tierforscherin Mitte dreißig, die ich von einer früheren Zusammenarbeit her kannte und schätzte. Sie sollte dafür sorgen, dass wir den Tieren möglichst nah kamen, ohne sie zu verscheuchen, und den Text zu der geplanten Reportage beisteuern. Darüber hinaus war sie für die Kommunikation mit den Einheimischen zuständig, denn im Gegensatz zu mir war sie schon mehrmals auf Madagaskar gewesen und sprach nicht nur fließend Französisch, sondern auch ein wenig Malagasy. Ich hingegen wusste nicht viel über diese Insel, wenngleich ich von der einzigartigen Tierwelt, insbesondere von den Lemuren, schon das eine oder andere gehört und mich auf diesen Einsatz gefreut hatte, bevor ich den monsunartigen Regen sah und am eigenen Leib spürte. Doch obwohl die Aussicht auf eine Arbeit im Wald bei solchen Wetterverhältnissen mich nicht gerade euphorisch stimmte, gehörte sie zu meinem Job als Tierfilmer dazu. Seit dem Dreh in Alaska im vergangenen Jahr konnte mich ein ungemütliches Wetter kaum noch aus Bahn werfen.
"Regnet es hier immer so viel?", fragte ich.
"Auf jeden Fall öfter als im Westen der Insel", meinte Linda. "Dort ist es meistens sehr trocken."
"Wieso sind wir dann hier gelandet und nicht auf der westlichen Seite?"
Sie holte eine Wasserflasche aus ihrem Rucksack. "Weil es hier mehr von den Aye-Ayes gibt", sagte sie, während sie den Deckel abschraubte. "Im Westen wurde fast der gesamte Wald abgerodet, da hat sich schon fast die gesamte Landschaft in eine Savanne verwandelt."
Der Regen hörte genauso abrupt auf, wie er angefangen hatte. Als wir aus dem Bus stiegen und unsere Rucksäcke schulterten, strahlte die Sonne so heiß, dass ich regelrecht spüren konnte, wie die Kleidung an meinem Körper trocknete. Wir setzten unsere Hüte auf und machten uns auf den Weg zu einem nahegelegenen Dorf, das nur über einen Fußweg zu erreichen war.

"Ich habe gehört, was in Australien passiert ist", sagte Linda unvermittelt. "Willst du darüber reden?"
Mir war klar gewesen, dass sie früher oder später dieses Thema zur Sprache bringen würde, doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich es noch nicht erwartet.
Je schneller wir es hinter uns bringen, umso besser, dachte ich mir. Es war nichts, woran ich mich gern erinnerte, aber wenn ich diesem Thema auswich, würde sich Linda während des gesamten Einsatzes Sorgen um mich und meine Arbeitsfähigkeit machen und sich immer wieder nach meinem Befinden erkundigen.
"Es war wie ein Albtraum", sagte ich. "Tom Sherwood und ich haben an der Nordküste von Queensland ein paar Leistenkrokodile gefilmt und hatten schon jede Menge Material im Kasten, als es passierte. Tom stand am Ufer und hat ein paar Worte in die Kamera gesagt, hat dabei immer schön darauf geachtet, dass kein Tier ihm zu nahe kommt. Da kanntest doch Tom, oder?"
Linda nickte. "Habe schon ein paar Sendungen mit ihm gemacht. Er war wirklich sehr vorsichtig, wenn wir mit giftigen oder großen Tieren zu tun hatten."
"Genau, er konnte die Gefahren immer gut einschätzen. Deswegen verstehe ich bis heute nicht, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Tom sah, wie ein Krokodil aus dem Wasser stieg, und wollte wohl ein paar Schritte zur Seite gehen, um den Sicherheitsabstand zu behalten. Die festgetretene Erde am Ufer muss wohl nassgespritzt gewesen sein – du weißt, wie rutschig so eine Stelle sein kann … Sein Sturz lief für mich wie in Zeitlupe ab, und trotzdem ging alles so schnell … Im ersten Moment war ich wie gelähmt, dann ließ ich die Kamera fallen und lief zu ihm, aber das Tier erwischte ihn vorher und zog ihn unter Wasser. Ich konnte nichts mehr machen."
"Gibst du dir die Schuld an dem Unglück?", fragte Linda.
"Wenn ich nicht so lange gezögert hätte …"
"Hör auf", unterbrach sie mich. "Es kommt dir nur so vor, als hättest du zu lange gezögert, aber in solchen Situationen wird die Zeit verzerrt wahrgenommen."
Ich schüttelte den Kopf. "Es ist echt nett von dir, dass du versuchst, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, aber ich habe mir die Aufzeichnung angesehen. Ich hätte die Kamera wirklich zwei oder drei Sekunden früher fallenlassen sollen."
"Diese paar Sekunden hätten auch nichts geändert", meinte sie.
"Die Zeit hätte ausreichen können."
"Was hat der Sender mit der Aufnahme gemacht?", wollte Linda wissen.
"Der Sender hat sie nie bekommen. Ich löschte sie, nachdem ich sie mir angesehen hatte."

Kurz bevor wir das Dorf erreichten, fanden wir ein totes Aye-Aye am Wegesrand vor. Umkreist von summenden Fliegen, hing das Tier kopfüber an einem Stock, der in der Erde steckte.
"Die Dorfbewohner müssen ihn aufgehängt haben", überlegte ich laut. "Aber wieso?"
"Unter den Einheimischen kursieren viele Legenden", sagte Linda. "Die Details sind von Stamm zu Stamm unterschiedlich, aber sie sind sich darüber einig, dass eine Begegnung mit dem Fingertier Unglück bringt oder sogar den Tod. Sie haben ein Sprichwort: Mangatambo hita miseo tsy tsara. Übersetzt bedeutet es soviel wie Das Tier zu sehen bringt nichts Gutes. Um es abzuwenden, wird das Tier in manchen Regionen getötet und außerhalb der Siedlung aufgehängt, damit zufällige Passanten das Unglück auf sich ziehen."
"Daran glauben sie?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Manche mehr, andere weniger. Im Nordwesten gibt es Gegenden, in denen das Tier zu feierlichen Anlässen gegessen wird, aber erst nach komplizierten Ritualen, mit denen das Böse aus dem Fleisch vertrieben wird. Einmal habe ich miterlebt, wie sämtliche Kinder eines Dorfes versammelt wurden und gemeinsam zu weinen anfingen, um so das Fleisch zu reinigen."
"Hast du es auch gegessen?", fragte ich.
"Natürlich nicht."
Ich stellte meinen Rucksack ab und öffnete den Reißverschluss, um die Kamera herauszuholen. "Soll ich es aufnehmen?"
"Lass uns lieber heute Nacht ein paar lebendige Exemplare filmen", entgegnete sie nach kurzem Zögern.
Wir gingen zwischen den Häusern hindurch und blickten in alle Hinterhöfe, aber von den Bewohnern war nichts zu sehen. Linda rief ein paar Worte auf Malagasy, erhielt jedoch keine Antwort.
"Sieht aus, als wäre das Dorf verlassen", sprach ich das Offensichtliche aus.
Wir klopften an die Türen, von denen die meisten unverschlossen waren, und gingen in mehrere Häuser hinein.
"Sie müssen ziemlich schnell geflohen sein", sagte Linda mit einem Blick auf die zurückgelassenen Habseligkeiten. "Außer dem Notwendigsten haben sie nichts mitgenommen."
"Was kann ihnen so viel Angst eingejagt haben? Doch nicht etwa das Aye-Aye?"
"Das ist gut möglich", meinte sie. "Obwohl die Angst vor ihm eher in den Regionen am größten ist, wo das Tier selten auftaucht. Dort entstehen auch die meisten Legenden."
Darüber dachte ich kurz nach. "Das ergibt Sinn. Wenn die Bewohner eines Dorfes jede Nacht einem Aye-Aye begegnen, ohne dass es schlimme Folgen hat, dann würde der Aberglaube, dass es Unheil oder gar den Tod bringt, nicht lange bestehen. Das Unbekannte ist erschreckender als das Vertraute."
"Da hast su recht", stimmte sie mir zu und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. "In zwei Stunden geht die Sonne unter, dann können wir mit unserer Arbeit loslegen."

Während die Sonne sich dem Horizont näherte, aßen wir von den Vorräten, die wir mitgenommen hatten, und unterhielten uns über Madagaskar.
"Hier gibt es einige Tier- und Pflanzenarten, die sonst an keinem anderen Ort der Welt vorkommen", sagte Linda. "Aber sie sind vom Aussterben bedroht, weil die Wälder systematisch abgerodet werden, um mehr Fläche für Gemüseanbau und Rinderhaltung zu schaffen. Die Insel war früher fast komplett mit Regenwald bedeckt; davon ist jetzt nur noch ein Bruchteil übrig geblieben. Wie gern hätte ich die Riesenlemuren, die madagassischen Flusspferde und die Elefantenvögel gesehen, aber die sind inzwischen ausgestorben. Bei diesem Tempo wird es nicht mehr lange dauern, bis es die nächsten Gattungen trifft."
"Gibt es hier keinen Naturschutz?", fragte ich.
"Theoretisch schon, aber die Praxis sieht anders aus. Die Regierung hat viele Naturschutzgebiete festgelegt, aber die Menschen vor Ort lassen sich davon oft nicht beeindrucken. Es werden immer noch Edelhölzer illegal geschlagen und verkauft, und die Viehhirte brennen große Flächen in den Savannen ab. Die Inselbevölkerung wächst sehr schnell und die Lebenserwartungen der Menschen werden immer höher, was gut ist. Aber dafür wird der Lebensraum anderer Spezies zerstört."
"Das gilt nicht nur für Madagaskar", bemerkte ich und dachte dabei an den Berberlöwen und den tasmanischen Beutelwolf, den Dodo und den chinesischen Flussdelfin, die Wandertaube und den Auerochsen.
Aus dem Wald, der das Dorf von allen Seiten umgab, hörten wir laute Geräusche, die wie ein seltsamer Gesang klangen.
"Das sind die Indris", sagte Linda und stand auf. "Die größte von den Lemurenarten, die noch existieren. Lass uns ein paar von ihnen aufnehmen, bevor es dunkel wird."
 

Clive77

Serial Watcher
Teammitglied
Bis zum Einbruch der Nacht filmten wir die Indris, die bei den Touristen besonders beliebt waren. Mit ihrem schwarz-grau-weiß gemusterten Fell sahen sie sehr niedlich aus und erwiesen sich als neugierig und zutraulich.
Als das Tageslicht schwand und die Dunkelheit sich über den Wald senkte, schaltete ich den Infrarot-Modus meiner Kamera ein. Es dauerte nicht lange, bis das erste Fingertier sich blicken ließ. Sein schwarz-graues Fell sah struppig aus, die Gliedmaßen dürr, die gelben Augen weit aufgerissen, die Ohren groß, das Gebiss mit den vorstehenden Zähnen schmal. Das Aye-Aye klammerte sich an einen Baumstamm und klopfte mit seinem überproportional langen Mittelfinger die Rinde ab.
"So sucht es nach Hohlräumen", flüsterte Linda.
"Es sieht ganz schön unheimlich aus", erwiderte ich ebenso leise. "Kein Wunder, dass es den Einheimischen nicht ganz geheuer ist."
"Kann sein, dass es nicht nur an seinem Aussehen liegt. Sie werden oft in der Nähe von Gräbern gesichtet, weil dort die Ramys wachsen."
"Ramys?"
"Das sind Nüsse, die das Fingertier sehr gerne isst", erklärte sie.
Das Aye-Aye riss mit seinen Zähnen die Rinde auf und steckte seinen langen Finger in das Loch, das darunter zum Vorschein kam.
"Jetzt holt er die Insektenlarven aus", kommentierte Linda.
Das Tier drehte seinen Kopf in unsere Richtung und starrte uns an.
"Hat es uns bemerkt?", fragte ich.
"Kann sein. Sein Gehör ist sehr empfindlich und die Sehkraft ist sehr ausgeprägt. Es hat sich perfekt an das nachtaktive Leben angepasst."
Noch während Linda dies sagte, streckte das Aye-Aye seinen Finger aus und zeigte auf mich. Obwohl die Nacht heiß war, verspürte ich einen kalten Schauder.
"Hast du das gesehen?", flüsterte ich.
"Das hat nichts zu bedeuten", meinte sie nach kurzem Zögern.
Als wir eine Stunde später unsere Zelte aufschlugen und uns schlafen legten, hatte ich immer noch ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend. Auch Linda war verschwiegen und machte einen geistesabwesenden Eindruck, während wir uns gute Nacht wünschten.

Ich wachte auf und stellte fest, dass die Dunkelheit noch nicht der Morgendämmerung gewichen war. Laut meinem Reisewecker war es drei Uhr nachts, was ich mir allerdings schwer vorstellen konnte, wo wir uns doch kurz vor drei schlafen gelegt hatten. Meiner Vermutung nach musste mein Wecker defekt sein, obwohl ich ihn mir erst eine Woche vor der Reise gekauft hatte. Etwas ratlos legte ich mich wieder hin und schloss die Augen.
Als ich erneut aufwachte, zeigte mein Wecker immer noch drei Uhr. Ich machte den Reißverschluss meines Zeltes auf und blickte mich mit wachsendem Unbehagen um, was nicht nur an der weiterhin andauernden Nacht lag, sondern auch an dem Sternenhimmel, der sich seit meinem letzten Erwachen nicht geändert hatte. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass die Zeit stillstand.
Um Gewissheit bezüglich der Uhrzeit zu erlangen, beschloss ich, Linda zu wecken, doch als ich mich zu ihrem Zelt umdrehte, stellte ich fest, dass er mitsamt meiner Begleiterin verschwunden war.
Es ist ein Traum, sagte ich mir. Es muss einer von diesen intensiven Träumen sein, die so real wirken.
Mit diesem beruhigenden Gedanken legte ich mich wieder in mein Zelt und kniff ganz fest die Augen zu.

Die Zeit verlor an Bedeutung. In der fortwährenden Nacht irrte ich durch das verlassene Dorf und fragte mich, was Linda zugestoßen war. Wobei ich mir nicht sicher war, ob mit mir selbst auch etwas passierte. Ich spürte weder Hunger noch Durst, war ebenso schläfrig wie wach.
Auf dem Dach einer Hütte saß das Fingertier und klopfte mit seinem langen Mittelfinger auf die Strohmatten, mit denen die Behausung abgedeckt war. Dabei blickte es mir direkt in die Augen, als würde es mir jeden Augenblick etwas mitteilen. Doch es blieb stumm und klopfte so lange weiter, bis ich die Hütte betrat. Sobald sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte ich eine reglose Gestalt auf dem Boden und trat näher heran. In der Mitte des Raumes lag der Leichnam von Linda, so stark verwest, als wäre sie seit Wochen tot. Ich rannte nach draußen und in den Wald, stolperte nach wenigen Metern über einen abgefallenen Ast und ging zu Boden.

Die Nacht nahm kein Ende. Immer wieder wachte ich auf und irrte umher; in welche Richtung ich auch ging, landete ich stets im gleichen Dorf und fand dort Lindas Leiche vor. Das Aye-Aye verfolgte mich wie ein Schatten durch meinen ewigen Albtraum, um mir jedes Mal den Weg zu weisen. Nur wir beide und die Dunkelheit, die den Tod begleitete.
 

MamoChan

Active Member
Hier wurde wohl sehr viel Zeit auf die Recherche verwendet, aber inhaltlich wird zu wenig geboten. Die Grundidee an sich finde ich wirklich gut, aber der Twist am Ende wirkt zu aufgesetzt. Stattdessen scheint es als hätte man unbedingt alle Informationen, die recherchiert wurden, auch unbedingt in die Geschichte einbringen wollen. Auch stört mich persönlich der Absatz über Toms Unfall. Für mich hat er irgendwie kaum Nährweet für die Geschichte selbst. Diesen Platz hätte man vielelicht eher verwenden können um den letzten Absatz etwas ausführlicher auszuschreiben um früher Atmosphäre aufzubauen.
 

Sittich

Active Member
Als ich mir einige Tage nach dem Lesen beider Geschichten in Erinnerung rufen wollte, worum es jeweils ging, fiel mir als erstes dieses Unheimliche Fingertier ein. Hat einen gruseligen Eindruck bei mir hinterlassen :wink:

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Die beiden Personen kommeen glaubwürdig rüber und die Szenerie wird auch schön beschrieben.

Und dieses Bild von dem Fingertier in der Nacht mit dem ausgestreckten Finger ist wirklich unheimlich. Für mich jedenfalls. :squint:
 

TheReelGuy

Well-Known Member
Atmosphärisch stimmt hier einiges, aber leider wirkt der eigentliche Plot und leider auch die sehr umfangreichen Dialoge wirklich etwas unausgereift. Klar, ich werde vor dem Einschlafen in den nächsten Nächten sicherlich mal an das Fingertier denken, aber irgendwie fehlt der große Aha-Effekt am Ende und das ist nach dem Aufbau etwas ernüchternd.​
 

soserious

Member
Um sich neues Wissen anzueignen ist diese Geschichte toll (habe einige male Googlen müssen).
Für mich persönlich ein zu schnelles Ende.
Vielen Dank auch für diese Geschichte.
 

Tyler Durden

Weltraumaffe
Teammitglied
Diese Story ist von mir; vielen Dank für das Lesen, das Feedback und die Stimmen.

Der häufigste Kritikpunkt ist das Ende, und da habt ihr vollkommen recht. Mir schwebte eigentlich etwas anderes vor, aber ich hatte es zeitlich nicht mehr geschafft und deswegen dieses "provisorische" Ende (letzter kleiner Absatz) geschrieben. Nachdem die Deadline schon mehrmals verschoben worden war, wollte ich nicht nach einer weiteren Verlängerung fragen.

MamoChan schrieb:
Auch stört mich persönlich der Absatz über Toms Unfall. Für mich hat er irgendwie kaum Nährweet für die Geschichte selbst. Diesen Platz hätte man vielelicht eher verwenden können um den letzten Absatz etwas ausführlicher auszuschreiben um früher Atmosphäre aufzubauen.
Toms Unfall sollte nach meinem Plan später noch eine Rolle spielen, aber das kam nicht zustande.

Ich will mich am Wochenende nochmal damit beschäftigen und das eigentliche Ende schreiben, wie ich es haben wollte. Wenn ich dazu komme, kann ich es später hier posten.

Bin gespannt auf das nächste Thema und wie der Wettbewerb in Zukunft gestaltet wird.
 

MamoChan

Active Member
Also diese fertige Fassung würde mich in der Tat dann sehr interessieren. :smile: Vielen Dank für deine Mühe. :smile:
 

Tyler Durden

Weltraumaffe
Teammitglied
Am Wochenende bin ich leider nicht dazu gekommen, aber im Laufe der nächsten Tage werde ich es machen.
 

Tyler Durden

Weltraumaffe
Teammitglied
Hat lange gedauert, aber hier ist nun die überarbeitete Fassung:

Die ewige Nacht


Als Linda und ich am Flughafen von Toamasina aus dem Flugzeug stiegen, fiel der Regen in Strömen. Nach der kurzen Strecke, die wir zum Bus rennen mussten, waren unsere Kleidung und unser Gepäck so durchnässt, dass sie merklich schwerer wurden. Obwohl meine Kameraausrüstung in einer wasserdichten Hülle untergebracht war, überprüfte ich sofort ihre Funktionstüchtigkeit, sobald wir im Trockenen saßen.
"Noch intakt?", fragte Linda, während sie ihre Haare mit einem Handtuch abtrocknete.
"Scheint in Ordnung zu sein."
Der dichte Regen erschwerte die Sicht auf die Landschaft, die an den Fenstern vorüberzog. Das monotone Trommeln der Regentropfen auf dem Metalldach des Busses und das tiefe Brummen des Motors wiegten mich schon nach wenigen Kilometern in den Schlaf.

Ein Fernsehsender hatte uns beauftragt, eine Dokumentation über die nachtaktiven Tiere von Madagaskar zu drehen, wobei das Fingertier Aye-Aye unsere besondere Aufmerksamkeit bekommen sollte.
Linda war eine Tierforscherin Mitte dreißig, die ich von einer früheren Zusammenarbeit her kannte und schätzte. Sie sollte den Text zu der geplanten Reportage beisteuern und dafür sorgen, dass wir den Tieren möglichst nah kamen, ohne sie zu verscheuchen. Darüber hinaus war sie für die Kommunikation mit den Einheimischen zuständig, denn im Gegensatz zu mir war sie schon mehrmals auf Madagaskar gewesen und sprach nicht nur fließend Französisch, sondern auch ein wenig Malagasy. Ich hingegen wusste nicht viel über diese Insel, wenngleich ich von der einzigartigen Tierwelt, insbesondere von den Lemuren, schon das eine oder andere gehört und mich auf diesen Einsatz gefreut hatte, bis ich den monsunartigen Regen sah und am eigenen Leib spürte. Doch obwohl die Aussicht auf eine Arbeit im Wald bei solchen Wetterverhältnissen mich nicht gerade euphorisch stimmte, gehörte sie zu meinem Job als Tierfilmer dazu. Seit dem Dreh in Alaska im vergangenen Jahr konnte mich ein ungemütliches Wetter kaum noch aus der Bahn werfen.
"Regnet es hier immer so viel?", fragte ich.
"Auf jeden Fall mehr als im Westen der Insel", meinte Linda. "Dort ist es meistens trocken."
"Wieso sind wir dann hier gelandet und nicht auf der westlichen Seite?"
Sie holte eine Wasserflasche aus ihrem Rucksack. "Weil es hier mehr von den Aye-Ayes gibt", sagte sie, während sie den Deckel abschraubte. "Im Westen wurde fast der gesamte Wald abgerodet, da hat sich die Landschaft in eine Savanne verwandelt."
Der Regen hörte genauso abrupt auf, wie er angefangen hatte. Als wir aus dem Bus stiegen und unsere Rucksäcke schulterten, strahlte die Sonne so heiß, dass ich regelrecht spüren konnte, wie die Kleidung an meinem Körper trocknete. Wir setzten unsere Hüte auf und machten uns auf den Weg zu einem nahegelegenen Dorf, das nur über einen Fußweg zu erreichen war.

"Ich habe gehört, was in Australien passiert ist", sagte Linda unvermittelt. "Willst du darüber reden?"
Mir war klar gewesen, dass sie früher oder später dieses Thema zur Sprache bringen würde, doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich es noch nicht erwartet.
Es war nichts, woran ich mich gern erinnerte, aber wenn ich diesem Thema auswich, würde sich Linda während des gesamten Einsatzes Sorgen um mich und meine Arbeitsfähigkeit machen und sich immer wieder nach meinem Befinden erkundigen.
"Es war wirklich übel, das kannst du mir glauben", sagte ich. "Tom Sherwood und ich hatten an der Nordküste von Queensland ein paar Leistenkrokodile gefilmt und schon jede Menge Material im Kasten, als es passierte. Tom stand am Ufer und sagte ein paar Worte in die Kamera, achtete dabei immer schön darauf, dass kein Tier ihm zu nahe kam. Da kanntest doch Tom, oder?"
Linda nickte. "Habe schon ein paar Sendungen mit ihm gemacht. Er war wirklich sehr vorsichtig, wenn wir mit giftigen oder großen Tieren zu tun hatten."
"Er konnte die Gefahren immer gut einschätzen. Deswegen verstehe ich bis heute nicht, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Tom sah, wie ein Krokodil aus dem Wasser stieg, und wollte ein paar Schritte zur Seite gehen, um den Sicherheitsabstand zu behalten. Die festgetretene Erde am Ufer muss wohl nassgespritzt gewesen sein – du weißt, wie rutschig so eine Stelle sein kann … Sein Sturz lief für mich wie in Zeitlupe ab, und trotzdem ging alles so schnell … Im ersten Moment war ich wie gelähmt, dann ließ ich die Kamera fallen und lief zu ihm, aber das Tier erwischte ihn vorher und zog ihn unter Wasser. Ich konnte nichts mehr machen."
"Gibst du dir die Schuld an dem Unglück?", fragte Linda.
"Wenn ich nicht so lange gezögert hätte …"
"Hör auf", unterbrach sie mich. "Es kommt dir nur so vor, als hättest du zu lange gezögert, aber in solchen Situationen wird die Zeit verzerrt wahrgenommen."
Ich schüttelte den Kopf. "Es ist echt nett von dir, dass du versuchst, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, aber ich habe mir die Aufzeichnung angesehen. Ich hätte die Kamera wirklich zwei oder drei Sekunden früher fallenlassen können."
"Diese paar Sekunden hätten auch nichts geändert", meinte sie.
"Die Zeit hätte ausreichen können."
"Was hat der Sender mit der Aufnahme gemacht?", wollte Linda wissen.
"Der Sender hat sie nie bekommen. Ich löschte sie, nachdem ich sie mir angesehen hatte."

Kurz bevor wir das Dorf erreichten, fanden wir ein totes Aye-Aye am Wegesrand vor. Umkreist von summenden Fliegen, hing das Tier kopfüber an einem Stock, der in der Erde steckte.
"Die Dorfbewohner müssen ihn aufgehängt haben", überlegte ich laut. "Aber wieso?"
"Unter den Einheimischen kursieren viele Legenden", sagte Linda. "Die Details sind von Stamm zu Stamm unterschiedlich, aber sie sind sich darüber einig, dass eine Begegnung mit dem Fingertier Unglück bringt oder sogar den Tod. Um es abzuwenden, wird das Tier in manchen Regionen getötet und außerhalb der Siedlung aufgehängt, damit zufällige Passanten das Unglück auf sich ziehen."
"Daran glauben sie?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Manche mehr, andere weniger. Es gibt Gegenden, in denen das Tier zu feierlichen Anlässen gegessen wird, aber erst nach komplizierten Ritualen, mit denen das Böse aus dem Fleisch vertrieben wird. Einmal habe ich miterlebt, wie sämtliche Kinder eines Dorfes versammelt wurden und gemeinsam zu weinen anfingen, um so das Fleisch zu reinigen."
"Hast du es auch gegessen?", fragte ich.
"Natürlich nicht."
Ich stellte meinen Rucksack ab und öffnete den Reißverschluss, um die Kamera herauszuholen. "Soll ich es aufnehmen?"
"Lass uns lieber heute Nacht ein paar lebendige Exemplare filmen", entgegnete sie nach kurzem Zögern.
Wir gingen zwischen den Häusern hindurch und blickten in alle Hinterhöfe, aber von den Bewohnern war nichts zu sehen. Linda rief ein paar Worte auf Malagasy, erhielt jedoch keine Antwort.
"Sieht aus, als wäre das Dorf verlassen", sprach ich das Offensichtliche aus.
Wir klopften an die Türen, von denen die meisten unverschlossen waren, und gingen in mehrere Häuser hinein.
"Sie müssen ziemlich schnell geflohen sein", sagte Linda mit einem Blick auf die zurückgelassenen Habseligkeiten. "Außer dem Notwendigsten haben sie nichts mitgenommen."
"Was kann ihnen so viel Angst eingejagt haben? Doch nicht etwa das Aye-Aye?"
"Das ist gut möglich", meinte sie. "Obwohl die Angst vor ihm eher in den Regionen am größten ist, wo das Tier selten auftaucht. Dort entstehen auch die meisten Legenden."
Darüber dachte ich kurz nach. "Das ergibt Sinn. Wenn die Bewohner eines Dorfes jede Nacht einem Aye-Aye begegnen, ohne dass es schlimme Folgen hat, dann würde der Aberglaube, dass es Unheil oder gar den Tod bringt, nicht lange bestehen. Das Unbekannte ist erschreckender als das Vertraute."
"Daran wird es liegen", stimmte sie mir zu und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. "In zwei Stunden geht die Sonne unter, dann können wir loslegen."

Während die Sonne sich dem Horizont näherte, aßen wir von den Vorräten, die wir mitgenommen hatten, und unterhielten uns über die Insel.
"Hier gibt es einige Tier- und Pflanzenarten, die sonst an keinem anderen Ort der Welt vorkommen", sagte Linda. "Aber sie sind vom Aussterben bedroht, weil die Wälder systematisch abgerodet werden, um mehr Fläche für Gemüseanbau und Rinderhaltung zu schaffen. Die Insel war früher fast komplett mit Regenwald bedeckt; davon ist jetzt nur noch ein Bruchteil übrig geblieben. Wie gern hätte ich die Riesenlemuren und die madagassischen Flusspferde gesehen, aber sie sind inzwischen ausgestorben. Bei diesem Tempo wird es nicht mehr lange dauern, bis es die nächsten Gattungen trifft."
"Gibt es hier keinen Naturschutz?", fragte ich.
"Theoretisch schon, aber in der Praxis sieht es anders aus. Die Regierung hat viele Naturschutzgebiete festgelegt, aber die Menschen vor Ort lassen sich davon oft nicht beeindrucken. Es werden immer noch Edelhölzer illegal geschlagen und verkauft, und die Viehhirte brennen große Flächen in den Savannen ab. Die Inselbevölkerung wächst sehr schnell und die Lebenserwartungen der Menschen werden immer höher, was gut ist. Aber dafür wird der Lebensraum anderer Spezies zerstört."
"Das gilt nicht nur für Madagaskar", bemerkte ich und dachte dabei an den Berberlöwen und den tasmanischen Beutelwolf, den Dodo und den chinesischen Flussdelfin, die Wandertaube und den Auerochsen.
Aus dem Wald, der das Dorf von allen Seiten umgab, hörten wir laute Geräusche, die wie ein seltsamer Gesang klangen.
"Das sind die Indris", sagte Linda und stand auf. "Die größte von den Lemurenarten, die noch existieren. Lass uns ein paar von ihnen aufnehmen, bevor es dunkel wird."
 

Tyler Durden

Weltraumaffe
Teammitglied
Bis zum Einbruch der Nacht filmten wir die Indris, die bei den Touristen besonders beliebt waren. Mit ihrem schwarz-grau-weiß gemusterten Fell sahen sie sehr niedlich aus und erwiesen sich als neugierig und zutraulich.
Als das Tageslicht schwand und die Dunkelheit sich über den Wald senkte, schaltete ich den Infrarot-Modus meiner Kamera ein. Es dauerte nicht lange, bis das erste Fingertier sich blicken ließ. Sein schwarz-graues Fell sah struppig aus, die Gliedmaßen dürr, die gelben Augen weit aufgerissen, die Ohren groß, das Gebiss mit den vorstehenden Zähnen schmal. Das Aye-Aye klammerte sich an einen Baumstamm und klopfte mit seinem überproportional langen Mittelfinger die Rinde ab.
"So sucht es nach Hohlräumen", flüsterte Linda.
"Es sieht ganz schön unheimlich aus", erwiderte ich ebenso leise. "Kein Wunder, dass es den Einheimischen nicht ganz geheuer ist."
"Kann sein, dass es nicht nur an seinem Aussehen liegt. Sie werden oft in der Nähe von Gräbern gesichtet, weil dort Nüsse wachsen, die das Fingertier sehr gerne isst", erklärte sie.
Das Aye-Aye riss mit seinen Zähnen die Rinde auf und steckte seinen langen Finger in das Loch, das darunter zum Vorschein kam.
"Jetzt holt er die Insektenlarven aus", kommentierte Linda.
Das Tier drehte seinen Kopf in unsere Richtung und starrte uns an.
"Hat es uns bemerkt?", fragte ich.
"Kann sein. Sein Gehör ist sehr empfindlich und die Sehkraft ist sehr ausgeprägt. Es hat sich perfekt an das nachtaktive Leben angepasst."
Noch während Linda dies sagte, streckte das Aye-Aye seinen Finger aus und zeigte auf uns. Obwohl die Nacht heiß war, verspürte ich einen kalten Schauder.
"Hast du das gesehen?", flüsterte ich.
"Das hat nichts zu bedeuten", meinte sie nach kurzem Zögern.
Als wir eine Stunde später unsere Zelte aufschlugen und uns schlafen legten, hatte ich immer noch ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend. Auch Linda war verschwiegen und machte einen geistesabwesenden Eindruck, während wir uns gute Nacht wünschten.

Ich wache auf und stelle fest, dass die Dunkelheit noch nicht der Morgendämmerung gewichen ist. Laut meinem Reisewecker ist es drei Uhr nachts, was ich mir allerdings schwer vorstellen kann, wo wir uns doch erst um halb drei schlafen gelegt haben. Meiner Vermutung nach muss mein Wecker defekt sein, obwohl ich ihn mir erst eine Woche vor der Reise gekauft habe. Etwas ratlos und benommen lege ich mich wieder hin und schließe die Augen.
Als ich erneut aufwache, zeigt mein Wecker immer noch drei Uhr. Ich mache den Reißverschluss meines Zeltes auf und blicke mich mit wachsendem Unbehagen um, was nicht nur an der weiterhin andauernden Nacht liegt, sondern auch an dem Sternenhimmel, der sich seit meinem letzten Erwachen nicht weiter bewegt hat. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass die Zeit stillsteht.
Um Gewissheit zu erlangen, beschließe ich, Linda zu wecken, doch als ich mich zu ihrem Zelt umdrehe, stellte ich fest, dass er mitsamt meiner Begleiterin verschwunden ist.
"Linda!", rufe ich immer wieder, während ich das Dorf nach ihr absuche, finde jedoch keine Spur von ihr und ihrem Gepäck. Abgesehen von den Geräuschen, die in einem nächtlichen Wald üblich sind, höre ich nichts.
Es ist ein Traum, sage ich mir. Es muss einer von diesen intensiven Träumen sein, die so real wirken.
Mit diesem beruhigenden Gedanken lege ich mich wieder in mein Zelt und schließe die Augen.

Als ich aufwache, hält die Dunkelheit immer noch an. Wie in Trance irre ich durch das verlassene Dorf und frage mich, was Linda zugestoßen ist. Auf dem Dach einer Hütte sitzt das Fingertier und klopft mit seinem langen Mittelfinger auf die Strohmatte, mit der die Behausung abgedeckt ist. Dabei blickt es mir direkt in die Augen, als würde es mir jeden Moment etwas Bedeutsames mitteilen. Doch es bleibt stumm und klopft so lange weiter, bis ich die Hütte betrete. Sobald sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, erkenne ich eine reglose Gestalt auf dem Boden und trete näher heran. In der Mitte des Raumes liegt ein Leichnam, so stark aufgedunsen und verwest, als wäre der Tod schon vor mehreren Wochen eingetreten. Das Gesicht hat eine Ähnlichkeit mit Linda, ist jedoch so entstellt und in der Dunkelheit des Zimmers so undeutlich zu sehen, dass ich von einem Irrtum ausgehe. Ohne den Körper aus den Augen zu lassen, gehe ich rückwärts nach draußen, stolpere nach wenigen Metern über einen großen Stein und gehe zu Boden. Aus der Hütte erschallt ein schabendes Geräusch, als würde jemand einen schweren Kartoffelsack über den Boden schleifen. Der Leichnam kriecht aus der Hütte auf mich zu, während von seinen Knochen einige Teile des verwesten Fleisches abfallen. Zwischen den entblößten Rippen lassen sich die inneren Organe erkennen, die verkümmert und zusammengeschrumpft aussehen. Ich versuche aufzustehen, kann mich jedoch nicht von der Stelle rühren. Eine unsichtbare Macht nagelt mich am Boden fest, so dass ich dem Untoten ausgeliefert bin und mich nicht wehren kann. Als er in meine Reichweite kommt, klammert er sich mit seiner knochigen Hand an meinem Fuß fest und zieht sich noch näher heran, bis er seine gelben Zähne in meinen Hals stößt.

Nach dem Aufwachen finde mich in einer von den Hütten wieder, in der ich offensichtlich geschlafen habe. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich dort hingelegt zu haben, und gehe nach draußen, um nach meinem Zelt und meinem Gepäck zu suchen. In dem verlassenen Dorf herrscht eine Stille, die mir unnatürlich und erdrückend vorkommt. Das schwache Licht des sternenklaren Nachthimmels fällt auf die Strohdächer der Behausungen und erhellt mir den Weg.
Vor der offenen Tür einer Hütte am Rande des Dorfs sitzt das Fingertier und blickt mich mit seinen großen Augen unverwandt an. Als ich näher komme, klopft das Aye-Aye mit seinem langen Mittelfinger zweimal auf den Boden und verschwindet im Dunkel der inneren Räume. Nach kurzem Zögern folge ich ihm.
Die Innenwände schimmern schwarz im schwachen Licht, das von draußen hereinfällt, und scheinen sich zu bewegen, als wären sie lebendig. Erst als ich unmittelbar davor stehe, erkenne ich, dass die Wände mit Myriaden von Fliegen bedeckt sind, die in einem wimmelnden Chaos übereinander krabbeln und ein stetiges Summen erzeugen. Unvermittelt erheben sie sich in die Luft und fangen an, mich zu umkreisen. Der Fliegenschwarm wird zunehmend dichter, bis er mich wie eine lebende Wolke einhüllt und mir die Sicht auf die Umgebung raubt. Während ich versuche, die Insekten mit den Händen abzuwehren, bewege ich mich in die Richtung, in der ich die Tür vermute, doch die Fliegen werden immer zudringlicher. Sie krabbeln überall auf meinem Körper herum und kriechen in meinen Mund, meine Nase und meine Ohren. So stark ich mir den Mund auch zukneife und die Nasenlöcher mit einer Hand verschließe, muss ich doch irgendwann wieder atmen und die Fliegen nutzen jede Lücke und jede Gelegenheit, um in meinen Körper einzudringen. Nach wenigen Minuten gehe ich würgend zu Boden und schnappe nach Luft, die durch die verstopften Atemwege nicht mehr in meine Lunge gelangen kann.

Ich krieche aus meinem Zelt und sehe mich um. Im Dorf herrscht immer noch die Nacht, die kein Ende nehmen will. Bei meinem Rundgang stoße ich am Wegesrand auf drei menschliche Gestalten, die kopfüber an Holzpfählen hängen. Trotz der Windstille pendeln sie langsam hin und her, wobei ihre Füße an den Knöcheln mit Seilen zusammengebunden und am oberen Ende des jeweiligen Pfeils befestigt sind. Um bei diesen Lichtverhältnissen ihre Gesichter erkennen zu können, trete ich näher an sie heran und beuge mich zu ihren Köpfen hinunter, die auf meiner Kniehöhe hängen. Die schlaffen Arme berühren den Boden.
Der erste Leichnam erweist sich als Tom Shepard, dessen Gesichtshaut mit dunklen Flecken übersät ist. Auf der Wange und neben dem Ohr klaffen tiefe, ausgefranste Wunden, wie sie durch die Fangzähne eines Krokodils entstehen würden. Als er seine Augen aufschlägt, starren mich zwei vollkommen weiße Kugeln an. Seine Stimme hört sich heiser an.
"Vierzig Liebschaften genossen, vierzig Liter Blut vergossen, vierzig Fässer Wein getrunken, vierzig Mal dem Tod gewunken, vierzig Freunde verloren, vierzig Feinde geboren, vierzig Häuser du bewohnt, vierzig Huren hast entlohnt, vierzig Tage Licht vermeiden, vierzig Nächte wirst du leiden." Nachdem er diese Worte gesprochen hat, hustet er einen Schwall Blut aus und verstummt.
Neben Tom hängt Linda, deren Hals verdreht aussieht. Die Blässe ihrer Gesichtshaut hat einen Stich ins Blaue.
"Lemuren sterben", sagt sie. "Wölfe sterben. Sibirische Tiger sterben. Eisbären sterben. Nashörner sterben. Adler sterben. Mäuse sterben. Könige sterben. Briefträger sterben. Soldaten sterben. Mönche sterben. Griechen sterben. Chinesen sterben. Brasilianer sterben. Ägypter sterben. Inder sterben. Franzosen sterben. Ich sterbe. Du stirbst. Er stirbt. Sie stirbt. Es stirbt. Wir sterben. Ihr stirbt. Sie sterben."
Der dritte in der Reihe kommt mir zunächst unbekannt vor, bis mir bewusst wird, dass ich es bin, dessen lebloser Körper neben Tom und Linda hängt.

Der dichte Regen erschwerte die Sicht auf die Landschaft, die an den Fenstern des Busses vorüberzog.
"Wieder wach?", fragte Linda.
Benommen schaute ich mich um. "Bin mir nicht sicher."
An einem Baum in der Nähe der Straße fiel mir ein Aye-Aye auf, der in unsere Richtung blickte. Als wir an ihm vorbeifuhren, hob er einen Arm und zeigte mit seinem langen Finger auf mich.
"Hast du das gesehen?", fragte ich Linda.
"Was denn?"
"Da war gerade ein Fingertier."
Sie verdrehte den Kopf und versuchte, einen Blick auf die hinter uns gelassene Gegend zu erhaschen, aber durch den Regen war alles verschwommen. "Bist du dir sicher?", meinte sie skeptisch. "Die Aye-Ayes sind nachtaktiv und menschenscheu; was sollten sie am helllichten Tag neben einer viel befahrenen Straße suchen?"
"Weiß ich doch nicht. Aber ich bin mir sicher, dass ich einen gesehen habe."
Unvermittelt quietschten die Reifen des Busses, bevor er in der Kurve von der Fahrbahn rutschte und gegen eine Betonabsperrung prallte. Die Passagiere wurden wie Stoffpuppen durch den Innenraum geschleudert; ihre Schreie erfüllten die mit Benzindämpfen gefüllte Luft, bis der zusammengedrückte Bus in einem Feuerball explodierte.
 
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