Systemsprenger ~ D-Oscar-Kandidat 2019

TheRealNeo

Well-Known Member
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Seit seiner Premiere bei der Berlinale, wo ich ihn leider verpasst habe, geistert Nora Fingerscheidts Film für die deutsche Filmlandschaft und kommt nun endlich in die Kinos.


Der Film hat auch international schon Wellen geschlagen.
So macht nun Nora Fingescheidt ihren nächtsen Film in den USA, welchen genau soll die Tage bekannt werden und die junge Helena Zengel ist im nächsten Film von Paul Greengrass dabei.
 

TheRealNeo

Well-Known Member
Teammitglied
Hm...wieso wird nun dieser Film wieder mit solch Desinteresse hier abgestraft? Ansonsten heißt es immer die deutschen Oscar-Beiträge beschäftigen sich nur mit der deutschen Geschichte, genauer der DDR oder der Zeit der Nazi-Herrschaft oder aus Deutschland kommen nur stupide Komödien.

Und nun kommt hier ein Film, der alles andere als ein trockenes, Dröges, sprödes Drama ist und trotzdem scheint es Niemanden zu interessieren. Locken nur klassische Genrefilme? Braucht es einen klaren Unterhaltungswert oder ist das Misstrauen einfach zu groß gegenüber dem Deutschen Film?
SYSTEMSPRENGER ist nämlich wirklich stark. Gut geschrieben, tolle Schauspieler (Albrecht Schuch!) und visuell und von der Musik her alles andere als das übliche. Die Kamera begibt sich immer wieder auf die Höhe von Benni und versucht ihr inneres mit schnellen Schnittmustern und Eindrücken zu vermitteln. Helena Zengel ist für Alter wirklich schon unglaublich talentiert und schauspielert mehr als viele sonstige Kinderdarsteller, die eben nur machen, was ihnen gesagt wird. Sie kann schon mit Mimik und Gestik vermitteln und fesseln. Dabei befindet sie sich mit ihrer Figur in einem Teufelskreis, indem man auch als Zuschauer mehr und mehr reingezogen wird. Das Drehbuch scheint mit diesen Zuschauererwartungen auch immer wieder gekonnt zu spielen und unterläuft dadurch Erwartungen.

Kein Problemfilm, ein wichtiger Film! Und wohl einer der besten dieses Jahr aus Deutschland und auch bisher des Kinojahres.
 

Deathrider

The Dude
Ich finde es gut dass es diesen Film gibt und dass er viele Menschen erreichen sollte, weil er anscheinend fachlich sehr gut und realistisch sein soll (zu wenige Leute verstehen was in der Jugendhilfe vor sich geht).

Wenn ich allerdings Filme ansehe, möchte ich Eskapismus und nicht mit Dingen konfrontiert werden, denen ich im beruflichen Alltag begegne. Und ich werde einen großen Bogen um sowas machen, wenn ich Gefahr laufe den Drang zu verspüren mir dafür Arbeitszeit aufzuschreiben. Zu viele Kollegen unterhalten sich selbst bei privaten Treffen nur über Arbeit und es ist m.E. fatal bei einer psychisch so anspruchsvollen Arbeit nicht drauf zu achten das mal abzuschalten.

Aber naja... nächstes Jahr Elternzeit. Wenn ich plötzlich den Drang hab in meiner Freizeit fachlich zu werden, schaue ich mir den Film vielleicht an.
 

Revolvermann

Well-Known Member
Viel mehr als anzumerken, dass ich mir den Film ganz sicher ansehen werde, kann ich leider noch nicht beisteuern. Kino wird es wohl eher nicht aber dann definitiv zuhause.
Für mich ist Film auch weit mehr als Eskapismus, wobei es natürlich nichts daran auszusetzen gibt, wenn es beispielsweise für Deathrider in erster Linie genau das darstellt.
 

Presko

Well-Known Member
Ganz, ganz toller Film. Ich bin schwer beeindruckt. Interessanterweise läuft in der Schweiz gerade ein anderes Sozialdrama sehr erfolgreich. Ein Schweizer Film, den ich mir einen Tag davor angesehen habe. Und Systemspringer macht all das richtig, was der andere Film, Platzspitzbaby, in meinen Augen falsch macht.
Systemsprenger wirkt absolut autenthisch und trotz der Härte des Themas, gibt es viele feine, sanfte Szenen, ja sogar Humor. Die extrem schwierige Hauptfigur kommt einem trotz ihres Verhaltens mit der Zeit sehr nahe. Aber auch die Nebenfiguren sind toll und voller Respekt gezeigt. Sie alle bemühen sich um dieses Mädchen, die einen mit mehr, die anderen mit weniger Erfolg. Aber keine der Figuren wirkt plump oder flach.
Die schauspielerische Leistung der gerade mal elfjährigen Helena Zengel ist zudem einfach atemberabend.
Für mich eine 9/10, einzig das Ende war mir etwas zu abrupt, wenn auch irgendwie gut.
 

soserious

Well-Known Member
Bester deutscher Film, den ich seit langem gesehen habe! Schnitt und Ton gewöhnungsbedürftig, aber in Ordnung.
Absolut sehenswert!
Das Ende kam mir zu plötzlich und lies mich wortlos in mein Sofa zurücksinken. (Saß vorher durchgängig in aufrechter und angespannter Haltung dort)
 
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Måbruk

Dungeon Crawler
Ich fand den Film auch sehr gut, emotional und authentisch, sehr gut gespeilt und mit der nötigen Sensibilität für das Thema umgesetzt.
Einzig die beiden Gewaltszenen, einmal mit dem Kind auf der Eisbahn und dann mit dem Baby im Haus, waren mir zu vorhersehbar und irgendwie auch etwas zu billig. Als Erzieher der weiß was passieren kann, würde ich Benni niemals in meinem Haus, mit einem Baby übernachten lassen. Da war der Film zu insiziniert und hat es sich zu einfach gemacht. Immerhin wurde diese beiden Szenen nicht "ausgeschlachtet" und recht schnell abgehakt.
Wenn Systemsprenger einen thematisch interessiert, ist der Film also in jedem Fall eine Sichtung wert. Die Frage wie mit solchen hyperaktiven, agressiven Kindern umgegangen werden soll, beantwortet er jedoch nicht. 7/10
 
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Cimmerier

Well-Known Member
Ich fände es ein stückweit anmaßend, wenn der Film versuchen würde, darauf eine Antwort zu liefern.
 
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Raphiw

Godfather of drool
Liegt die Antwort bei sowas nicht in der Individualität eines Kindes? Hab den Film noch nicht gesehen, aber so kenne ich es noch aus der Jugendarbeit.
 

TheRealNeo

Well-Known Member
Teammitglied
Ja genau, wobei der Film eben bei Benni schon deutlich macht, was ihr helfen würde bzw. hilft, aber ihr das eben nicht gegeben wird/gegeben werden kann. Also innerhalb des Films gibt es dann schon Antworten bzw. Lösungsmöglichkeiten, aber die Umsetzung ist dann eben nicht immer so einfach.
 

Måbruk

Dungeon Crawler
Vielleicht habe ich in diesen Punkt einen zu wissenschaftlichen Anspruch an den Film, irgendwie hätte ich mir gewünscht, dass er den aktuellen Stand der Dinge widerspiegelt, wie man in solchen Situationen eine nachhaltige Veränderung erreichen kann.
Die Idee mit dem Wald war ja ggf so eine Idee, ggf. möchte man damit schon vermitteln, dass das i.d.R. das Mittel zum Zweck ist. Ich kann mir einer temporär anhaltende Wirkung auch vorstellen, aber nachhaltig eher nicht.
Wahrscheinlich gibt der Filmtitel die Antwort abe schon klar wieder, ein "Systemsprenger" lässt sich nicht normal in das System, in die Gesellschat eingliedern. Daher gibt der Film die Antwort wahrscheinlich schon im Titel.
Irgendwie würde mich auch ein Sequel interessieren, also wie verhält es sich i.d.R. mit dieser Krankheit, wenn die Person älter wird. Ich schätze Mal, dass man so etwas wie eine "kurzfristige Heilung" niemals erreichen wird, sondern eher auf ein reiferes Alter baut, mit dessen Erkenntnisse und Reife die Aggressivität dann auch einigermaßen in Griff zu kriegen ist.
 

Presko

Well-Known Member
Ja genau, wobei der Film eben bei Benni schon deutlich macht, was ihr helfen würde bzw. hilft, aber ihr das eben nicht gegeben wird/gegeben werden kann.
Tut er das. Ob das dann wirklich die Lösung wäre, ist ja nicht gesagt. Für eine gewisse Zeit vielleicht ja, aber, ne Lösung scheint sich damit noch nicht so richtig abzuzeichnen. Klar mögliche Wege, die evtl. Besserung herbeiführen werden angedeutet, aber ne Lösung in dem Sinne eher weniger, wie ich finde, was auch ich auch gut fand.

Vielleicht habe ich in diesen Punkt einen zu wissenschaftlichen Anspruch an den Film, irgendwie hätte ich mir gewünscht, dass er den aktuellen Stand der Dinge widerspiegelt, wie man in solchen Situationen eine nachhaltige Veränderung erreichen kann.
Verstehe nicht genau, was Du Dir da erhofft hättest. Ich glaube, der Film zeigt recht realistisch den Alltag in so einem Fall. Ich habe ja selbst lange im Sozialwesen gearbeitet, meine Schwester arbeitet in der Psychi und meine Eltern haben auch mit straffälligen Erwachsenen gearbeitet. Und Tatsache ist, es gibt viele Fälle, wo es keine Lösung in dem Sinne ist, sondern es ein Kampf bleibt. In der Schweiz macht in den letzten Jahren auch so ein Fall Schlagzeilen, von einem jungen Erwachsenen, der mit seiner Aggressivität völlig durch die Maschen fiel (seit Kindheit an) und inzwischen verwahrt wird.
 

Måbruk

Dungeon Crawler
Erhofft ist vielleicht zu viel gesagt, ich hatte nur das Gefühl die fischen komplett im Dunkeln, haben überhaupt keine Ahnung was zu tun ist und sind dem Treiben völlig ausgeliefert - ich glaube das war auch mehr als ein Gefühl. Irgendwie dachte ich, dass mit solchen extremen Charakteren sicher schon öfters zu tun hatte und man daher in etwa weiß, was einigermaßen zu tun ist.
Das mit dem Wald kann ja nicht ernsthaft als nachhaltige Lösung angesehen werden, oder?
Also ich bin einfach etwas überrascht, dass man in solchen Fällen völlig hilflos und ahnungslos zu sein scheint. Aber vielleicht ist das einfach die Realität, das kann natürlich sein.
 
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Presko

Well-Known Member
Ist aber so. Es gibt teilweise private Anbieter in solchen Fällen. Doch die sind dann oft entsprechend teuer. Das war das Problem bei dem Schweizer Fall. Es kam heraus, dass der in einem relativ teuren Sondersetting betreut wird (ein vorbestrafter, immer wieder rückfälliger Gewalttäter). Allerdings war dieses Sondersetting bis anhin das einzige, was funktioniert hatte. Es folgte eine Medienkampagne, die Volksseele kochte und das Programm wurde, weil zu teuer, beendet. Der Kerl kam erst in Isolationshaft (für seinen eigenen Schutz), danach wurde er irgendwann entlassen, wurde wieder rückfällig, Knast, das Personal im Knast war überfordert, nun sitzt er vorerst in Verwahrung.
Grundsätzlich gibt es zwei Varianten, du hast einen hohen Betreuungsschlüssel, um eine 1:1-Betreuung zu machen (das kostet enorm) oder zu stellst jemanden medizinisch still. Im Film wird ein Mittelweg gesucht. Doch ich finde, der Film zeigt sehr genau, wie das System scheitert. Die einzige Lösung wäre wahrscheinlich 2-3 starke Personen, die zu ihr eine Beziehung aufbauen können, wie den Betreuer zu haben, die abwechselnd rund um die Uhr das Mädchen betreuen und auch noch gleich unterrichten. Wenigstens einige Monate lang. Dafür brauchst Du Leute, die bereit sind das zu tun, du brauchst ne Finanzierung, du brauchst Einverständnis der Erziehungsbevollmächtigten und schliesslich und endlich ist auch dann noch lange nicht klar, ob es funktioniert. Darum ja der Titel, der die These des Films schon darlegt: Fälle wie dieser sprengen das heutige staatliche Bildungs und Erziehungssystem.
 
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