Szenario 1: die Frontlinie bewegt sich mal vor, mal zurück. Es sterben täglich 2.000 Menschen auf beiden Seiten. Die Situation verändert sich auch in weiteren drei Jahren nicht. Eine schreckliche, aber wahrscheinliche Möglichkeit.
Szenario 2: es werden immer mehr und mehr militärische Mittel genehmigt. Wir bewegen uns mehr in Richtung 3. WK. Das Sterben hört auch nicht auf. Ändert sich die Kriegsentwicklung überhaupt?!
Daraus eine Meinung bilden ist echt schwierig.
Ich glaube schon, dass andere noch mehr Szenarien in den Ring werfen würden.
Ich habe von Beginn weg nicht so recht verstanden, warum der Diskurs so vergiftet geführt werden musste. Grundsätzlich gibt es m.A.n. für beide Seiten - also die Befürworter:innen von Waffenlieferungen als auch deren Kritiker:innen gute Argumente. Ich würde die wichtigsten folgendermassen zusammenfassen:
Kritisch gegenüber Waffenlieferungen
- Es wird eine Eskalation befürchtet, die entsprechend maximales Leid hervorbringen wird.
- Es wird "bloss" befürchtet, dass all die Waffenlieferungen nicht verhindern werden, dass irgendwann Russland als Sieger vom Feld geht - nur eben wird der Blutzoll immens sein.
Eigentlich genau die beiden Szenarien, die Du beschrieben hast, Gronzilla.
Unterstützer:innen der Waffenlieferungen
- Glauben daran, dass die Ukraine zumindest soweit gestärkt werden kann, dass das russische Militär irgendwann nicht mehr weiter machen kann und in ner schwächeren Position zu Verhandlungen bereit ist. Oder zumindest, dass man es versuchen muss.
- Es wird befürchtet, dass ein voreiliger Friedensschluss, bei dem Putin viel rausholen kann, dazu führt, dass das russische Militär seine Kräfte sammelt um später umso stärker wieder zuzuschlagen, oder dass bei einer Einfrierung des Konflikts im Status Quo das russische Militär in den besetzten Gebieten schlimme Verbrechen gegen die Menschlichkeit verüben wird.
Für mich war der letzte Punkt eigentlich immer der Entscheidende, wegen dem ich ich tendenziell die militärische Unterstützung für richtig hielt. Ich sehe einfach auch nicht genau, wie der Ausstieg praktisch aussehen soll. Wenn denn die Ukraine daran festhält, weiterkämpfen zu wollen. Und ich habe auch nicht das Gefühl, dass es wirklich Ansätze für erfolgreiche Verhandlungslösungen mit Putin geben würde (im Bewusstsein natürlich, dass ich das nicht beurteilen kann). Aber letztlich haben mich dann eben doch die Stimmen mehr überzeugt, als die der sehr lauten Kritiker:innen.
Das heisst aber bei weitem nicht, dass ich wirklich aus tiefstem Herzen davon überzeugt bin, nur sehe ich grad keine überzeugendere Alternative.
Und Puni, ich schätze Dich sehr. Und ja, ich finde auch, dass die Kritiker:innen der Waffenlieferungen zumindest phasenweise in der Öffentlichkeit unfair behandelt wurden. Aber ich muss sagen, dass mir hier deine Ausführungen doch auch sehr in genau diese Richtung gehen, von, es gibt nur Schwarz und Weiss. Es liest sich so, dass es auch für Dich auf die einfache Gegenüberstellung hinausläuft von: es gibt, die, die für den Frieden sind, und es gibt die kriegstrommelnde Falken.
Ich finde, die ganze Debatte ist ähnlich vergiftet, wie damals bzw. eigentlich noch heute, wenn es um die Corona-Politik geht. Und ich seh irgendwie einfach keinen Weg da raus, was mich ziemlich niederschmetternd dünkt, ehrlich gesagt.