Der Pate ist faktisch ein guter Film, weil er von so vielen Kritikern und Fans geliebt wird und die wenigsten ihn nicht gut finden.
Halte ich jetzt schon für eine gewagte Argumentationsweise, wenn Du aus der Liebe zu einem Produkt auf dessen objektive Qualität schliesst. Aber gut, das wird vielleicht auch etwas zu spitzfindig. Ich denke nur, wenn das allgemeingültig angwendet wird, kommst zu Ergebnissen, die Dir nicht gefallen würden.
Lustigerweise hab ich grade letzte Woche mich viel über ein anderes typisches Wokeness-Thema unterhalten, nämlich Gender. Das ist ja auch total aufgeheitzt. Grundsätzlich finde ich das alles ja wahnsinnig interessant. Also, was gerade alles passiert und in Gesellschaft ausgehandelt wird. Bei all dem gehts ja um eine Form von Gleichberechtigung, das Aufheben von Ausgrenzung und um Repräsentation verschiedener Gruppen. Alles hehre Ziele, da können wir uns wohl drauf einigen.
Ebenfalls interessant, ermöglicht wurde das wohl zu einem grossen Teil durch Social Media und Internet. Twitter, Kommentarspalten etc. Pefektes Beispiel Metoo. Allerdings ist genau auch dieses Social Media ein Hauptproblem dafür, dass das alles so wenig konstruktiv verläuft. Es befeuert Empörung, Emotionalisierung und Lagerbildung. Man kann sofort auf alles reagieren, erhält gleichsam sofort Reaktionen etc. Alles befeuert sich gegenseitig. Es gibt eigentlich immer zwei gegensätzliche Lager, die sich gegenseitig bekämpfen. Und sobald man sich in den Diskurs hineingibt, wird man auch sofort, ob man das will oder nicht, einem der Lager zugewiesen. Das ist schon echt krass. Es ist fast nicht möglich, dem zu entgehen - so zumindest meine Erfahrung. Meine Hoffnung: Wir stecken, was diese neuen Diskursräume betrifft, noch in einer Lernphase, und das alles wird sich mit der Zeit bessern. Andererseits wäre wahrscheinlich ohne die Empörung nicht so viel passiert, wie es eben ist.
Mit dieser Lagerbildung geht ein zweites Problem einher. Es wirkt oft so, als gehe es um die Guten gegen die Bösen. Die Progressiven gegen die Konservativen. Die Unterdrückten gegen die Unterdrücker. Marginalisierte Minderheiten gegen die "Alten Weissen Männer". Das warwengistens teilweise auch der Impetus, der am Anfang stand. Das lässt sich aber auch umdeuten in: Gutmenschen gegen normale Leute, Moralapostel gegen Realisten, Political Correctnes vs. Free Speech etc. etc. Nehmen wir Metoo als Beispiel. Wie oft musste man damals Sachen lesen wie: "Als Mann getraue ich mich ja gar nicht mehr alleine mit ner Frau im Lift zu fahren". Was steckt hinter dieser Aussage? Nun, scheinbar fühlen sich viele Männer in die Rolle des bösen Mannes gedrängt. Daraus entsteht logischerweise ein Abwehrreflex. Dabei geht es in Metoo ja nicht gegen einzelne Männer sondern gegen Strukturen, die über Jahrzehnte, oder Jahrhunderte sogar gewachsen sind. Aber meiner Erfahrung nach reagieren viele Männer sofort abwehrend. Ich fand, das sah man auch schön am Heard/Depp-Prozess der fast schon reinigend auf Männer zu wirken schien. Endlich mal Opfer sein zu dürfen. Und ich glaube, ganz ähnlich ist das beim Gendern oder auch bei so Sachen wie der dunkelhäutigen Arielle. Implizit fühlen sich viele davon angegriffen, weil bei solchen Veränderungen immer ein Vorwurf mitschwingt. "Deine weisse Arielle und Du - ihr seid Teil des Unterdrückungsregimes. Ihr habt über Jahrzehnte Minderheiten ausgegrenzt." Deswegen der genrelle Abwehrreflex.
Ich galube, da steckt ein Kern Wahrheit drin, so mein Eindruck. Undirgendwie auch verständlich, wenn das dann oft so aggressiv daher kommt.
Um bei diesem Thema der Veränderung von Figuren in Filmen etc. aufgrund von Wokeness kurz zu bleiben. Stoffe und ihre Figuren wurden ja schon immer verändert und angepasst. Geschichten haben sich immer wieder gewandelt, wurden neu interpretiert mit Blick auf Zeit und gesellschaftlichen Wandel. Und auch in den letzten, was weiss ich, 100 Jahren des Films wurden Stoffe neu interpretiert, Figuren verändert, äusserlich und charakterlich. Was mir einfach auffällt. Empörung gibt es vor allem jetzt, wenn es um Geschlecht oder Hautfarbe geht. Und ich glaube, das hat weniger mit dem jeweiligen Film oder der Figur zu tun, als mit dem oben beschriebenen Abwehrreflex. Ich kanns mir anders nicht ganz erklären.
Als ob Disney damals Arielle rothaarig und weiss gezeichnet, weil sie das für den künstlerisch richtigen Entscheid hielten. Nein, sie taten das, weil ihre Zielgruppe junge Mädchen waren, die sich davon angesprochen fühlen sollten. Und jetzt gibt es eben neue Faktoren für solche Unternehmen, die sie berücksichtigen. Die Zielgruppe und deren Bedürfnisse haben sich verändert, sind vielfältiger geworden. Natürlich ist es irgendwie billig, einfach Arielle zu kopieren und mit einer dunkelhäutigen Schauspielerin zu besetzen. Aber es wäre mindestens ebenso billig, Arielle neu zu verfilmen und Arielle mit einer weissen Schauspielerin zu besetzen. Jetzt gibt es immerhin eine Begründung für ein solches Remake.
Jetzt habe ich schon wieder ganz viel geschrieben. Und lasse es einfach mal so stehen. Grundsätzlich plädiere ich einfach dafür, Emotionen und Empörung möglichst drosseln, den anderen Standpunkt, die andere Perspektive versuchen, nachzuvollziehen und akzeptieren, dass wir uns in einem recht komplexen Prozess befinden, der von uns allen Offenheit, Flexibilität und wahrscheinlich auch Nachsicht abverlangt.