Kommentar: AD ASTRA – James Gray’s Familienbilder…und was der JOKER damit zu tun hat

10. Oktober 2019, Manuel Föhl

Schon seit ein paar Wochen läuft nun AD ASTRA, der neue Film von Regisseur James Gray mit Brad Pitt als Astronaut Roy McBride, der in den Weiten des Alls auf die Suche nach seinem Vater geht, in den Kinos. Zeit also sich etwas genauer mit einzelnen Themen des Films zu beschäftigen und etwas tiefer zu graben. Dabei gehört es sich auch James Gray Filmografie miteinzubeziehen, um weitere Anknüpfungspunkte zu finden. AD ASTRA bietet einiges Fütter dafür, mögen wohl die größten Kritikpunkte des Films bei vielen besonders im letzten Drittel zu Tage treten, wenn Erwartungen unterlaufen beziehungsweise nicht erfüllt werden. Eine Spoilerwarnung ist zu diesem Zeitpunkt wohl eher obligatorisch, sei aber hiermit gegeben. Falls noch nicht gesehen, gilt weiterhin eine wärmste Empfehlung. Ein intelligenter Science-Fiction Film mit solch finanziellen Möglichkeit braucht auch den Zuspruch des Publikums, wenn es auch in Zukunft solche Möglichkeiten für Filmemacher geben soll, ohne ein Franchise im Rücken.

Photo by Anne Joyce – © Copyright:2007 2929 Productions

Doch wer ist dieser James Gray überhaupt? AD ASTRA ist schon seine siebte Regiearbeit, er war schon mit vieren davon im Wettbewerb des Filmfestivals in Cannes vertreten und doch scheint sein Name eher unter dem Radar zu verschwinden. Die großen Preisverleihungen haben ihn bisher auch ignoriert. Zu den Oscars meinte er schon bitter It’s like watching this huge, incredible party you haven’t been invited to.

  • Little Odessa (1994)
  • The Yards (2000)
  • We Own the Night (2007)
  • Two Lovers (2008)
  • The Immigrant (2013)
  • The Lost City of Z (2016)
  • Ad Astra (2019)

Doch die Schauspieler vertrauen ihm, allen voran Joaquin Phoenix, mit dem er schon vier seiner Filme gedreht hat. Phoenix wartet auch noch auf seinen Oscar, aber zumindest nominiert wurde er für diesen schon mehrmals und gilt aktuell als einer der talentiertesten Schauspieler und könnte mit seiner Verkörperung des JOKER ein weiteres versuchen Mal zur Goldtrophäe zu greifen. Natürlich sind Preise nicht alles, aber sie können neben Anerkennung auch Türen für kommende Projekte öffnen, Verleiher dazu bringen mit dem Namen der prämierte Person zu werben und so Folgeprojekten und einem Selbst auch einen größeren Bekanntheitsgrad verleihen. Auf all dies musste James Gray bisher größtenteils verzichten, denn eine Einladung in den Wettbewerb eines Festivals bedeutet keinen Erfolg. Selbst der Gewinner des Hauptpreises wird außerhalb der Festivalblase nur selten wirklich wahrgenommen. PARASITE in diesem Jahr ist da die Ausnahme der Regel.

So soll nun versucht werden nicht nur ein thematischer Zweig aus AD ASTRA (BG-Kritik) hier aufgenommen und weitergedacht zu werden, sondern auch etwas das Interesse für das Werk von James Gray geweckt werden. Konzentriert werden soll sich neben AD ASTRA vor allen Dingen auf seine beiden Filme aus den 2000ern, WE OWN THE NIGHT (Wir sind die Nacht, 2007) und TWO LOVERS (2008).

© Twentieth Century Fox

Mit Roy McBride (Brad Pitt) hat der Film AD ASTRA einen Protagonisten, der vielerorts als kühl, emotionslos und gleichgültig beschrieben wird. Die Beziehung zu seiner Ehefrau Eve (Liv Tyler) wird distanziert gezeichnet und selbst der Absturz von einer Weltraumantenne bringt ihn nicht aus der Ruhe. Seine Fähigkeiten für zwischenmenschliche Beziehungen scheinen gestört und doch besitzt er genügend Empathie um zu erkennen, wenn er für den Co-Kapitän eines Shuttles einspringen sollte, weil dieser zu viel Furcht vor der Aufgabe hat. All diese Entrückungen von menschlichen Gefühlen und Emotionen, die er scheinbar nicht nach außen tragen kann, werden mit dem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater verknüpft.

© Twentieth Century Fox

Clifford McBride (Tommy Lee Jones). Ein Pionier und Star der Weltraumerkundung. Aber vor zwanzig Jahren verschwunden, als er sich im Rahmen des Lima-Projekts mit seiner Crew auf dem Weg zum Neptun befand, um nach ausserirdischem Leben zu forschen. Kann die Zusammenführung mit diesem Mann, der seinen jugendlichen Sohn zurückließ, die Wunden heilen, die Roy anscheinend bisher verfolgt und ihn in seiner Emotionalität gehemmt haben? Die Beantwortung dieser Frage, ist auch der Punkt des Films, der vielen Zuschauern mitunter sauer aufstößt. Wo das große Finale des Films wirklich nur eine Zusammenführung von Vater und Sohn ist und der Vater zwei bittere Erkenntnisse offenbart, die laut ihm – der Wahrheitsgehalt darf hinterfragt werden – Bestand haben: Die Forschungen haben ergeben, dass es kein ausserirdisches Leben gibt. Wir sind alleine. Und das Clifford das Ganze immer wichtiger war, als seine Frau und sein Sohn zu Hause. Ob dem wirklich so ist, sei dahingestellt. Vielleicht verlor sich Clifford, der schließlich auch nicht vor Mord zurückschreckte, in dieser scheinbaren sinnlosen Forschung, um doch noch eine zufriedenstellende Antwort auf die großen Fragen des Universums zu finden und vergaß dabei seine Familie und auch sich. Am Ende muss Roy seinen Vater in den Weiten des Weltalls zurücklassen, erhält aber seine Katharsis und kann zur Erde zurückkehren, um sich wieder seiner Frau und einem Leben dort anzunähern.

Wir haben es hier also mit einem Vater und einem Sohn zu tun, die dieselbe Profession ergriffen haben, die sie aber nicht nur von sich selbst, sondern der Welt entgrenzt hat. Das Nacheifern des Vaters war vergeblich, wie die Suche des Vaters nach einem Mehr im Weltall keine Ergebnisse hervorbrachte. Am Ende ist das zu Hause, die Familie auf der Erde das eigentliche Glück. So mag James Gray vielleicht sein larger-than-life – Abenteuer am Ende auf den Punkt bringen. Ein klassisches, veraltetes Familienbild? Um dies für James Gray weiter zu beobachten bleiben wir auf der Erde und rücken zwei Regiearbeiten mit Joaquin Phoenix in den Fokus.

© Manuel Föhl

Mit WE OWN THE NIGHT geht Gray in das New York Ende der 80er Jahre. Die Biografien der beiden Brüder Robert Grusinsky alias Bobby Green (Joaquin Phoenix) und Joseph Grusinsky (Mark Wahlberg) könnten anders nicht sein. Der eine führt einer der angesagtestens Nachtclubs der Stadt, während der andere Captain des NYPD ist. Dort als Deputy Chief auch tätig der Vater der beiden, Burt Grusinsky (Robert Duvall). Bobby Green hat sich von seinem Vater distanziert und macht dies deutlich, indem er den Geburtsnamen seiner Mutter trägt. Doch die Wege des Trios kreuzen sich, als Green etwas lachs mit dem Drogendealer Vadim Nezhinski in seinem Club verfährt und nach einer Razzia dort Joseph nachts von Schergen des Russen angeschossen wird. Green gibt sich schließlich als Lockvogel her und wird über Umwege selbst Teil des NYPD, nachdem sein Vater bei einer – grandios inszenierten und gefilmten Verfolgungsjagd im Regen – ein tragisches Ende findet. Wahlbergs Joseph sieht die Entwicklung seines Bruders anfangs kritisch, wird dann aber auch ehrlich indem er seinem Bruder offenbart, dass er ihn immer beneidet hat für seine Freiheit. Joseph hat wohl das getan, was ihr Vater erhofft und erwünscht hat, aber deshalb konnte er sich auch nie von ihm emanzipieren. Dagegen erkennt Bobby erst zu spät, was ihm seine Familie bedeutet und steht am Ende auch ohne seine Freundin Amada (Eva Mendes) da. Er gibt sein bequemes Leben auf, um Verantwortung zu übernehmen und zahlt dafür auch einen gewissen Preis. Die Loyalität zur Familie wird als das höchste Gut gesehen und auch wenn er das scheinbar Richtige tut, verliert er deshalb was er bisher hatte. Wieder sind es die Spannungen zwischen Vater und Sohn, die den Ton angeben. Duvalls Burt zeigt, dass er seinen Sohn Bobby noch nicht aufgegeben hat. Er ist mit seinem Stil zu Leben nicht zufrieden, aber er liebt ihn noch, während sein Bruder Joseph nur neidisch daneben stehen kann. Erst Verlust bringt die Familie wieder zusammen. Ein tragisches, aber realistisches Bild von Familie.

© Manuel Föhl

Familie. Was ist das überhaupt? Leonard (Joaquin Phoenix) ist in TWO LOVERS gerade wieder bei seinen Eltern eingezogen, weil ihn seine Verlobte verlassen hat. Ein Test hat ergeben, dass die Beiden zusammen keine Kinder bekommen können. Sie können keine eigene kleine Famile gründen, die aus mehr besteht als nur ihnen zwei. Das war seiner Verlobten zu wenig. Doch Leonards Eltern wissen genau was ihr Sohn braucht und sorgen dafür, dass er immer wieder andere potentielle Partnerinnen kennenlernt. So auch Sandra (Vinessa Shaw), die Tochter von Freunden der Eltern. Sie zeigt sich begeistert von den Fotografien Leonards und zeigt auch an ihm als Menschen Interesse. Die beiden kommen sich immer näher und beginnen eine Beziehung. Doch parallel lernt Leonard auch seine extrovertierte Nachbarin Michelle (Gwyneth Paltrow) kennen und verliebt sich in sie. Doch Sandra befindet sich gerade selbst in einer Affäre mit dem verheirateten Mann Ronald (Elias Koteas) und sieht Leonard mehr nur als einen Bruder, bei dem sie ihre Sorgen abladen kann. Doch als Sandra eine Fehlgeburt durchstehen muss, steht nur er an ihrer Seite. Von all dem weiß Sandra nichts und als Michelle schließlich die Sache mit Ronald beendet, betrügt Leonard Sandra mit ihr. Plötzlich scheint Michelle seine Liebe zu erwidern und die beiden wollen gemeinsam nach San Francisco gehen. In der Sylvesternacht besorgt Leonard einen Verlobungsring für sie und wartet. Sie taucht auch auf, nur aber um ihm zu sagen, dass Ronald seine Familie für sie verlassen hat und die beiden wieder eine Beziehung beginnen wollen. Am Ende bleibt Leonard zurück und befindet sich an dem Punkt zu Beginn des Films. Er möchte Selbstmord begehen. Doch er besinnt sich wieder und geht zurück zur Sylvesterfeier im elterlichen Haus und gibt Sandra den Ring. Seine Tränen erklärt er damit, dass er glücklich sei. Eine Beichte, die er erst kurz zuvor seiner Mutter gab, als sie ihm noch begegnete kurz bevor er mit Michelle weggehen wollte. Was denn nun?

TWO LOVERS stellt die Hauptfigur nicht nur zwischen zwei Frauen, sondern auch zwei Lebensmodelle. Wie bei WE OWN THE NIGHT gibt es den Weg, den die Eltern bzw. der Vater für einen sehen und den anderen, abenteuerlichen, der auch glücklich macht, aber auch frei und unabhängig, wie es Bobby zu sein scheint mit seinem Nachtclub und seiner Freundin. James Gray urteilt nicht was nun richtig und was falsch ist. Bobby sucht am Ende des Films in der Menge seine Freundin und scheint sie dort auch zu sehen, er lächelt, doch seine Sinne täuschen ihn nur. Leonard dagegen akzeptiert, dass es den einen Weg für ihn nicht gibt und entscheidet sich für die Alternative, die ihn auch glücklich macht. So scheint es. Die Helden bei James Gray müssen oftmals erst scheitern und Verluste verkraften, bevor sie ihr wahres Glück finden. Glück, dass bei Gray mit Loyalität zur Familie oftmals gleichgesetzt wird, indem der Einzelne allein nicht glücklich sein kann. Der fehlende Baustein scheint gar die Frau an der Seite des Mannes zu sein. Wiederum ein klassisches Familienbild, doch Gray zeigt auch, dass dies seinen Preis hat und nicht nach der I want it all-Manier funktionierten kann. Immer.

Was meint ihr? Wart ihr vom Ende von AD ASTRA enttäuscht oder was habt ihr euch am Ende der Irrfahrten des Roy McBride erhofft? Diskutiert mit uns im Forum darüber!

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