BG Kritik:

Bohemian Rhapsody


Ein B-Movie Freund, der seit einigen Jahren in Köln heimisch ist und dort erfolgreich Design studiert hat. Seitdem schiebt er u.a. Pixel hin und her.

Bohemian Rhapsody (USA, UK 2018)
Regisseur: Bryan Singer
Cast: Rami Malek, Ben Hardy, Gwilym Lee, Joseph Mazzello, Lucy Boynton

Story: Der König ist tot, lang lebe Queen! Freddie Mercury verstarb bereits Ende 1991, aber die Musik die er zusammen mit Brian May, Roger Taylor und John Deacon unter dem Bandnamen Queen erschuf, bewegt, fasziniert, und inspiriert Musiker und Fans ungebrochen bis heute, und wird das vermutlich auch noch viele weitere Jahre tun. Zeit für ein Biopic. Dum, dum, dum... Another One Bites the Dust.

AAAAYYYYYYYYYYYYYYYYY-OOOOHHHHHHHHHHHHHHHH!

Regisseur Bryan Singer wurde im Laufe der Dreharbeiten durch Dexter Fletcher ersetzt.


Es ist da, das filmische Denkmal zur legendären britischen Kult-Band Queen. Nach einer gefühlt kleinen Ewigkeit an Produktionsgeschichte, mit wechselnden Verantwortlichen, Ansätzen, Besetzungen, vielen Zerwürfnissen... Letztendlich unter dem wachsamen und beratendem Auge von Queens Brian May und Roger Taylor und unter der Regie von Bryan Singer in Dreh gegangen. Ein Regisseur mit zweifelhaftem Verhalten – welches bekannt sein sollte und auf welches hier nicht weiter eingegangen wird, da für die Bewertung des Filmes auch völlig unerheblich – der schlussendlich auch noch wenige Wochen vor Abschluss der Dreharbeiten hin warf, oder auch werfen musste. Wodurch die ohnehin nicht einfache Produktionsgeschichte Bohemian Rhapsodys noch mit einem Wechsel in der Regie gekrönt wurde. Für Bryan Singer (u.a. viele X-Men Filme und Die üblichen Verdächtigen) übernahm dann Dexter Fletcher (Eddie the Eagle – Alles ist möglich) den Rest der Dreharbeiten, wobei zur abschließenden Erwähnung dessen, Singer schlussendlich und offiziell allein als Regisseur von Bohemian Rhapsody genannt wird.

"Is this the real life? Is this just fantasy?" Äh, beides. Mal wieder. Denn wie bei so auf Lebens- und auf realen Ereignissen basierenden Geschichten auf sowas bei zwei Stunden Laufzeit runter gebrochen üblich, wird auch im Queen Biopic Bohemian Rhapsody abgewandelt, verändert, hinzugedichtet, weggelassen, zeitlich oder sonst wie verschoben, komprimiert und ähnliches, das sollte von vornherein klar sein. So ist Bohemian Rhapsody keine historisch akkurate Geschichtsstunde und Rockgeschichte, sondern vielmehr „nur“ ein Rockmärchen! Aber, und soviel sei verraten, ein schönes Rockmärchen. Es war einmal so Anfang 1970, da schmiss Smile Frontman Tim Staffell das Handtuch, und ließ Drummer Roger Taylor (Ben Hardy) und Gitarrist Brian May (Gwilym Lee) geschockt und ein wenig desillusioniert dreinblickend im Bandbus sitzend, unmittelbar hinter einem kleinen Club in London ohne Leadsänger zurück. Auftritt Farrokh Bulsara (Rami Malek), bereit das von Staffel zurückgelassene - natürlich rein metaphorische - Handtuch aufzuheben, mit May und Taylor die Bühne zu rochen und sich mit einem - diesmal realen - Handtuch den Schweiß aus dem Gesicht mit dem prägnanten Überbiss zu wischen. Noch Bassist John Deacon in den Bandbus gepackt, und der Grundstein für eine der prunk- und musikalisch umfangreichsten Bands der Musikgeschichte ist gelegt. "We will, we will, rock you!"

In einen Bohemian Rhapsody gehört zu gleichen Teilen Wodka, Granatapfelsaft, Blue Curacao und Himbeerlikör.


Beginnend und mündend zugleich mit dem legendären Wembley-Stadion Auftritt beim Live Aid in 1985, liegt dazwischen ein so typisches Biopic, wie man sich das nur vorstellen kann. Und ja, das ist ein bisschen leider. Sex, Drogen und Rock'n'Roll? Drin. HIV und Homosexualität? Ebenfalls drin. Aber, und das ist kein ganz kleines Aber und eher mittelgroßes Aber und auch zu dem vorherigen Leider gehörig, der Film ist kein Walk the Line, kein Ray und kein The Doors. Nicht dort wo in jenen Werken die düsteren, vor den Kopf stoßenden und unbequemeren Seiten der Legendären Musiker einen nicht unerheblichen Stellungswert einnahmen. Etwas mehr Ecken, Kanten, Tiefen und Abgründe wären sicherlich nicht verkehrt gewesen, hätten in den falschen Händen aber auch in einer Demontage enden können. Das hier ist Nummer sicher, woran die echten Brian May und Roger Taylor sicherlich nicht wenig Anteil hatten. Nein nein, hier wird nicht unterschlagen. Das nicht. Freddie ist sich hier sichtlich anfangs seiner Sexualität unsicher, blickt zunächst nur schüchtern den Männern nach, und hat dann auch definitiv einiges mit diversen Herren am laufen, hat ab und an Drogen herum liegen oder auch ein Gläschen in der Hand. Nur wirken diese Teile hier oft wie mehr da um nicht zu fehlen und ereignen sich ebenso oft abseits dessen, was auf der Leinwand zu sehen ist, wodurch eher an der Oberfläche der unbequemeren Ecken und Kanten der Persönlichkeit Mercurys verweilt wird, und der Fokus eher auf dem musikalischen Schaffen und dem Erbe von Queen, sowie dem Weg dahin gelegt wurde. Unterschlagen wirkt das aber eher nicht, oder nicht so richtig, und Mercury ist auch hier ganz offensichtlich schwul und nach nachvollziehbarer innerer Zerrissenheit und sichtlicher Ambivalenz, auch glücklich damit.

Dass das so gut wie hier funktioniert, ist hauptsächlich der schlicht grandiosen Darbietung von Rami Malek (bekannt aus Mr. Robot) in der Hauptrolle, dem Fixpunkt der Geschichte und dem Leadsänger von Queen geschuldet. Sein Freddie Mercury überstrahlt spätestens mit dem Anlegen des legendären Schnurrbartes alles um ihn herum, auch wenn Gwilym Lee mit der Perücke noch mehr aussehen mag wie sein Brian May. Strahlen kann oder darf mehrheitlich nur Malek. Und das in unzähligen schrillen Outfits und toll ausstaffiert und ihren Vorbildern optisch wirklich gut angepasst. Künstlichem Überbiss bei Malek inklusive. Es ist seine Bühne, und seine Show die weiter gehen muss. Und doch ist es auch ein Band-Film und kein reines Werk über Mercury. Er ist aber wie gesagt der Star und Fixpunkt der Geschichte. Jeder Blick, jeder Schritt auf der Bühne, jede Geste und Eigenheit, die charakteristische Art Mercurys das Mikrofon zu greifen, zu halten und zu schwingen, die geballte Faust... gefühlt sitzt das alles bei Malek und wirkt dabei auch nicht wie nachgeäfft, sondern eher wie gelebt. Eine Oscar-Nominierung erscheint sehr wahrscheinlich und auch gerechtfertigt. Wie er als Mercury das Publikum in der Hand hält, mit ihm spielt, es genießt, schier grandios auf die Leinwand transportiert.

Singt Malek hierbei selbst? Nein, das ist Playback, bzw. ein Mix aus Playback alter Aufnahmen des Ausnahmesängers Mercury, Maleks eigener Stimme aus dem Studio, sowie der Stimme von The Queen Extravaganza (eine Queen-Tributeband) Leadsänger Marc Martel. Ein Cocktail, der dem echten Freddie Mercury stimmlich unfassbar nahe kommt und dazu beiträgt, der offensichtlichen Intention hinter Bohemian Rhapsody, nämlich ein vornehmlich musikalisches Denkmal zu schaffen, zugute kommt. Und das gelingt überwiegend und größtenteils gar toll bis grandios. Denn auch wenn es so ein so typisches Biopic geworden ist, so ist es doch eines mit einem Queen-Soundtrack(!) - erweitert mit ein Bisschen von John Ottman (u.a. X-Men, The Nice Guys). Dass beim legendären Auftritt im Wembley-Stadion die Immersion aufgrund nicht perfekt aussehenden Publikums aus dem Rechner ein wenig leidet ist schade, zerstört aber nicht das Gesamterlebnis dieser zwanzigminütigen Huldigung der Kultband, sowie den Höhepunkt des Filmes, welchem der Autor dieser Zeilen eine ebenso lange und durchgehende Gänsehaut verdankt. Und genau das ist es auch was Bohemian Rhapsody auszeichnet und weshalb er für die meisten Queen Fans absolut sehenswert ist. Trotz ab und an zu abgerundet wirkender Kanten. Allerdings nur, wenn diese Queen Fans - oder wenigstens Menschen, denen die Musik nicht gänzlich missfällt – ihren inneren Historiker in sich abzuschalten oder zumindest zu beruhigen vermögen. Denn wie bereits erwähnt, hier wird wie üblich bei Biopics geschoben, verändert, angepasst und Co. Ein Rockmärchen und ein Denkmal, kein Mahnmal und keine Geschichtsstunde eben.

Fazit:

Bohemian Rhapsody ist ein schöner, herzlicher, aber auch idealisierter, und ein glorifizierter Blick auf Musik-Legende und Queen-Leadsänger Freddie Mercury, sowie die Band Queen. Mehr die filmische Queen - Greatest Hits in der Platin-Auflage denn irgendwas Tiefgründigeres, aber nichts desto trotz unterhaltsam und mit vielen Momenten der Gänsehaut, grandioser Darbietung Maleks, und natürlich gekrönt von den unvergesslichen und grandiosen Songs von Queen.

6,5 / 10


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