BG Kritik:

CAM


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Cam (USA 2018)
Regisseur: Daniel Goldhaber, Isa Mazzei
Cast: Madeline Brewer, Melora Walters, Patch Darragh

Story: Als Lola ist Alice (Madeline Brewer) ein ziemlich erfolgreiches Online Erotik Camgirl, doch sie will mehr. Nach einer besonders gewagten Show stellt Alice allerdings fest, dass eine Lola-Doppelgängerin ihren Online Raum eingenommen hat.

Internet ist Performance.


Diese Kritik bespricht den Inhalt des Films etwa auf der Informationsebene des Trailers.

Film hat die gar nicht mehr so neue Welt der Internet Erotikmodels noch nicht besonders häufig erforscht. Wer nicht vertraut ist mit dem Prinzip aus Videochats, Tip-Spendern und anregenden Aktionen, wird in eine eigene Welt mit eigenen Regeln und Abläufen geworfen. Wo befinden sich die Models? Wie viel sind die Tips in eine echte Währung umgerechnet wert? Gibt es einen Mittelsmann? Gibt es Grenzen? Was ist erlaubt, was nicht? Wer aber die Frage stellt, wer bei dieser suggeriert privaten Online Performance die Strippen zieht, wer die eigentliche Entscheidungsgewalt hat, stellt die wirklich interessante Frage. Zumindest geht diese in die Richtung, in die uns Regisseur Daniel Goldhaber und Autorin Isa Mazzei bringen wollen. Mehr Einsatz heißt mehr Geld. Mehr Einsatz erfordert mehr Offenheit, den Willen, die „Big Spender“ näher an sich heranzulassen. Besonders große Fische, die gerne auch mal fünfstellige Tip-Beträge an einem Abend dalassen, will sich jedes Model angeln. Und um diese großen Fische bei Laune zu halten, um dafür zu sorgen, dass sie auch morgen wieder mit vollen Taschen vorbeischauen, überwindet sich manches Model womöglich schneller, gewisse Grenzen zu überschreiten. Der Kampf um besonders zahlungskräftige User führt zum Konkurrenzkampf auch unter den Models, die sich oftmals kennen, teilweise aus demselben Haus ihre Shows in die digitale Welt senden. Und so landet die Macht letztendlich irgendwie doch wieder beim Mann mit dem dicken Konto, obwohl das Prinzip der Online Models doch nicht zuletzt damit wirbt, jedes Model agiere frei und aus der Sicherheit der eigenen vier Wände heraus.

Doch „Cam“ ist gar nicht explizit an der Welt der Webcam Models und der Subkulturbeziehung aus Performern und Spendern interessiert. Die intime Natur dieser Welt steigert Druck und Fallhöhe, macht Hauptfigur Alice angreifbarer, verletzlicher. Die direkte Verbindung aus Videochats, Performance, Spenden und Belohnungsaktionen macht das Anliegen des Films noch deutlicher und schneller. Doch eigentlich könnte es auch um YouTube Stars gehen, um Instagram Influencer und Twitter Helden. Wer viele Follower hat, der hat Einfluss, doch der eigene Erfolg hängt von diesen Followern ab, also muss man ihnen etwas bieten, damit sie weiter unterstützend und gewinnbringend zur Seite stehen. Wenn Beauty-Bibi nun ihre Schwangerschaft öffentlich teilt und vermeintlich authentische Einblicke in ihr Privatleben gewährt, sind diese Eindrücke dennoch selektiert, arrangiert und damit konstruiert. Eine Online Identität ist immer genau das, eine Zweitidentität, die dem Original gleicht und doch nicht identisch ist. Genau hier setzt „Cam“ an, wenn auch auf gänzlich andere Art und Weise.


Die angebliche Doppelgängerin ist Live in Alices Raum, in dem tatsächlichen Zimmer ihres Hauses, von wo aus sie ihre Shows sendet. Diese andere Lola ist live, in diesem Raum, und Alice sieht aus demselben Raum zu, wie jemand ihre Identität stielt. Theorien, wie so etwas sein kann, gibt es viele, doch Alice ist mit allem zunehmend frustriert, insbesondere mit der Servicehotline des Webseitenbetreibers. Sehr lebendig und mit klugen Nuancen verkörpert von Madeline Brewer, versucht Alice alles, um ihren Account zurück zu erlangen, die falschen Shows zu stoppen oder ihre Doppelgängerin herauszufordern. Verdächtige gibt es auch, sei es eine Model-Konkurrentin, ein zum Stalker gewordener Fan oder ein freigiebiger „großer Fisch“, der sich als Gönner vorstellt und doch etwas anderes will. Auch sie spielen durch die Doppelung einer Internetebene oder einer zusätzlichen Onlineidentität eine Rolle, ob als Kollegin, kumpelhafter Unterstützer oder als väterlicher Financier. „Que bueno“, performt der garantiert nicht wirklich des Spanischen mächtige junge Mitarbeiter im mexikanischen Restaurant eine Rolle, um das Image des Lokals „authentisch“ zu halten.

In diesen Beobachtungen ist „Cam“ am besten, wenn Spielformen der (Selbst-)Inszenierung und der Identität durchleuchtet werden. Dass der Film auch als Psychodrama weitgehend überzeugt, ist ein willkommenes Extra. Getragen von Brewers, hm, Performance inszeniert Regisseur Goldhaber die Welt on- und offline geschickt, visuell originell, ohne überbordend zu werden. Um wirklich langfristig auch als Genrefilm in Erinnerung zu bleiben, fehlt es am letzten Kniff, an einer zusätzlichen Prise Spannung und Finesse. Doch als unterhaltsamer und spannender Blick auf die konfuse Ausdruckswelt unserer Onlinegewohnheiten ist „Cam“ absolut sehenswert.

Fazit:

Ein kleiner, aber feiner Psychothriller. Recht spannend, clever und in seiner Charakterisierung mit klugem Weitblick. Ein so unterhaltsamer wie warnender Blick auf die moderne Internetwelt und unsere digitale Persönlichkeiten. Eine gelungene „Black Mirror“ Folge mit leichter Überlänge, die gar keine „Black Mirror“ Folge ist.

6,5 / 10


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