BG Kritik:

The Favourite - Intrigen und Irrsinn


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

The Favourite (UK, USA, Irland 2018)
Regisseur: Yorgos Lanthimos
Cast: Olivia Colman, Emma Stone, Rachel Weisz
Start: 24. Januar 2019

Story: England wird von Königin Anne (Colman) regiert und befindet sich im Krieg mit Frankreich. An der Seite der Königin ist Lady Sarah (Weisz) Beraterin und Freundin. Als eine neue Dienstmagd (Stone) mit nobler Familienvergangenheit an den Hof kommt, geraten die Dinge durcheinander.

Wahnsinn und Intrigen am Englischen Hof.


Mehr inspiriert durch als adaptiert von wahren Begebenheiten, ist der neue Film von „The Lobster“ Regisseur Yorgos Lanthimos ein gleichermaßen tragischer wie bitterböser Blick hinter höfische Kulissen und unter königliche Bettdecken. Queen Anne ist trübselig, womöglich sogar an Depressionen erkrankt. Ihr königlichen Aufgaben erledigt sie nur widerwillig, lässt sich von Lady Sarah Marlborough mehr als nur beraten, wie im Krieg mit den Franzosen umzugehen ist. So dirigieren diese zwei Frauen eine Reihe edel verpackter, bepuderter und Perücke tragender Edelmänner, Militärs und Abgeordneter. Insbesondere Lord Harley (Nicholas Hoult) pocht auf Friedensbemühungen, statt den teuren Krieg so lange weiter zu führen, bis eine Seite endgültig geschlagen ist. Das alles interessiert die Königin kaum, die nach 17 „verlorenen“ toten Kindern ihre Ersatzkinder, Kaninchen, bemuttert und sich mit Lady Sarah amüsiert. Sarah, Frau eines hochrangigen Militärs, liebt England, aber sie liebt auch die Queen, mit der sie regelmäßig das Bett teilt.

Ankunft Emma Stones Abigail. Die junge Frau aus ehemals noblem Hause ist die Cousine von Lady Sarah – oder war es einst. Nachdem sie von ihrem Vater 15-jährig beim Poker verspielt wurde und eine gewaltsame Ehe über sich ergehen lassen musste, ist Abigail nicht besser als eine Magd. Genau als solche darf sie am Hofe anfangen und das nur durch die Großzügigkeit ihrer Cousine. Doch Abigail will sich nach oben kämpfen, will wieder Ansehen, Status und Macht haben. Als sie erkennt, dass die kummervolle Königin manipulierbar ist, ergreift Abigail ihre Chance und schreckt auch nicht davor zurück, ihre Cousine dadurch herauszufordern. Auch die Männer am Hofe wittern über die Neue die Möglichkeit, ihre politischen Ziele durchzukriegen. Eine Landsteuererhöhung steht im Raum, soll oder soll nicht durchgebracht werden. Diese Intrigen um die Gunst der Königin, um den Platz an der Seite der verzweifelten Monarchin, sind gefüllt mit grandios pfiffigen Dialogen, absurd komischen körperlichen Anfeindungen, Manipulationen und irgendwann auch offener Abscheu. „The Favourite“ ist oft grandios komisch und in seinen spitzzüngigen Gesprächen ein echter Genuss. Und da die Emotionen dieses Sittenspiels trotz opportunistischer Anpassung einiger Figuren dennoch zu großen Teilen real sind, wirkt das Ganze umso besser.


Die drei Hauptdarstellerinnen sind allesamt absolut großartig. Olivia Colmans Queen Anne ist vielleicht eine Figur mit reduziertem eigenen Antrieb, doch ihre Passivität und Zerrissenheit ist keine Leere. Genüsslich schwankt Colman zwischen Schwermut, schmerzhafter Leidenschaft und kecken Albernheiten, mit denen sie ihren Trübsal vergessen machen will. Ganz anders dagegen Rachel Weisz als Lady Sarah, die ihren Intellekt, ihren Rang und ihre Talente in keckem Selbstbewusstsein präsentiert, die zunächst unangreifbar und selbstbewusst auftritt, da sie sich in einer Männerwelt durchgesetzt hat. Erst Abigail macht sie angreifbar und Weisz ist im zänkischen Duett mit Emma Stone noch besser. Stone (die deutsche Synchro erleichtert der Amerikanerin die Anpassung in England) spielt ihre Rolle mit Genuss, lotet mit Finesse die intrigant boshaften Züge ihrer Figur aus, lässt aber nie vergessen, dass Abigail ein „gebranntes Kind“ ist, dass sie und die Königin nicht zuletzt dadurch zueinander finden, da sie beide gelitten haben und Verluste kennen. In den sensationellen und teils bewusst anachronistischen Kleidern von Kostümlegende Sandy Powell machen alle drei Frauen, aber auch die Männer (und dabei insbesondere der vergnügliche Nicholas Hoult) eine großartige Figur.

Für den Griechen Yorgos Lanthimos ist dieser „very britische“ Film auf den ersten Blick ungewöhnlich. Auch ist es der erste Film, den der eigenwillige Regisseur nicht auch selbst geschrieben hat. Doch das Drehbuch von Deborah Davis und Tony McNamara ist wie geschaffen für Lanthimos‘ Stil, für seine absurde Komik, sein gezielt artifizieller Umgang mit Dialogen und Schauspielern. Robby Ryans Kamera passt sich dem an, führt mit größtenteils natürlichen Lichtquellen durchs Schloss, lässt mit diversen Objektiven, darunter das Fischaugenobjektiv, den Blick verzerrt und „nicht ganz gerade“ wirken. Dennoch ist „The Favourite“ der netteste und damit ohne Probleme auch der massentauglichste Lanthimos bisher. Das ist allerdings keine besonders hohe Hürde. Einen wirklich gewöhnlichen Film werden wir von Lanthimos vermutlich nie sehen. Es ist ein Film, als hätte Aaron Sorkin im Jane Austen Rausch plötzlich Interesse an Frauenfiguren und wühle sich mit gewissen historischen Freiheiten durch ein Stück englischer Geschichte, um drei hochkomplexe und perfekt interpretierte Frauenfiguren offenzulegen.

Fazit:

Zwischen Tragik, Komik und Absurdität. Charakterporträt und Sittenbild; clever konstruiert, originell inszeniert und mit fantastischen Darstellern zu Leben erweckt.

8,5 / 10


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