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Kritik:
Halloween


von Christian Mester

HALLOWEEN
(2018)
Regie: David Gordon Green
Cast: Jamie Lee Curtis, James Jude Courtney, nicht Ben Tramer

Story:
Als der legendäre Serienkiller Michael Myers nach 40 Jahren Irrenanstalt in ein anderes Institut verlegt werden soll und daraufhin unterwegs selbstverständlich flieht (was sonst?), kehrt für die mittlerweile 60jährige Laurie Strode das Grauen zurück, auf dass sie sich ihr ganzes Leben vorbereitet hat. Zeit, die Pumpgun zu laden und den Panic-Room vorzubereiten...

Kritik:
Wir erinnern uns: bevor Rob Zombie sein rohes Remake mit nem bärtigen Michael Myers brachte, gab es bereits 8 Teile von Halloween (jap, das heißt, es gibt aktuell mehr Kapitel über den Mann mit der weiß bemalten Captain-Kirk-Maske als Filmteile aus dem Potterversum). Jamie Lee Curtis war schon im ersten dabei, als einzige Überlebende Laurie Strode. Im zweiten erfuhr sie, dass sie Michael Myers’ Schwester ist und sah diesen vermeintlich abfackeln, nur um ihn rund 20 Jahre später schon wieder zu treffen. Sie nahm dann an, sie hätte ihm den Kopf ge-sleepyhollowt, aber einen Teil später trafen sie sich noch einmal, und dieses Mal musste/wollte Laurie das Zeitliche segnen. Wie ja auch die ganze Reihe an sich (sowie Busta Rhymes‘ Film- und Musikkarriere), da plötzlich Remakes anstanden und darunter auch der Kürbisfilm neu aufgelegt wurde.

Dieser neue Film verhält sich, als wäre nicht bloß das Remake nicht, sondern alle Teile außer dem Ersten nie passiert. Das heißt nicht nur, dass Miss Strode jetzt wieder lebt; sie ist in dieser alternativen Fortsetzung auch nicht mehr länger mit dem maskiertem Ausbrecher verwandt. Warum sie das gemacht haben? Wer noch nie einen Halloween gesehen hat, bekommt so vielleicht nicht das Gefühl, was verpasst zu haben – jedenfalls war das die Idee. Kann man blöd finden, kann man aber auch gepflegt ignorieren. Dann ist Laurie halt mittlerweile etwas vergesslich geworden und wurde Myers erst später festgenommen.

Wie dem auch sei, ist der neue Halloween, der ja stumpf „Halloween“ heißt, ecbt gut geworden. Laurie und Michael mögen grau geworden sein und die Maske hat scho bessere Zeiten gesehen, aber was vor allem vier Leute hier angestellt haben, kann sich mächtig sehen lassen.

Die erste ist natürlich Jamie Lee Curtis, die schon in Halloween H20 hervorragend war, hier aber noch viel mehr bietet. Statt als von Albträumen geplagte Alkoholikerin-Lehrerin, die ihrem Trauma mit einer Axt hinterher läuft, ist die neue, noch ältere Laurie ein kernigeres Kaliber. Zum einen ist sie ein glaubhafter Rambo-Verschnitt, vor dem Clint Eastwood, die Expendables und Linda Hamilton aus Terminator 2 Respekt hätten; zum anderen aber auch eine selbstzerstörische, verwirrte Frau, die sich mit ihrer ewigen Panikmache beinahe zwei Familiengenerationen kaputt gemacht hat und auf einen schandhaften Scherbenhaufen zurückblickt. Die Familiendynamik kommt fast etwas zu kurz, doch spätestens wenn Oma, Mama und Tochter zusammenarbeiten, wäre Wonder Woman stolz, und es funktioniert primär wegen Curtis‘ feinfühliger Vorarbeit.

Der zweite alte Hase im Bunde ist John Carpenter, der den ersten Film geschrieben und inszeniert hat, und zudem auch die berühmte Musik erfand. Hier steuert er eine Bowle aus bekannten Themata und modernen Synthisounds bei, die jede Menge Umdrehungen hat. Am wichtigsten: man merkt, dass der oft gleichgültige, geldgeile und zynische alte Zausel hier ausnahmsweise mal wieder mit voller Begeisterung am Werke war. Statt nur faul dieselben alten Stücke aufzulegen, klingt es vertraut, aber neuartig.

Lobesopfer Nummer 3 ist David Gordon Green, der eine echt komische Filmografie besitzt und dessen Kifferkomödien Ananas Express, Your Highness und The Sitter nicht gerade zum Erlauchtesten der letzten Jahre gehörten – der hier aber zusammen mit Scriptpartner Danny McBride (der sich nach Alien Covenant immer mehr gen Horror zu entwickeln scheint) Beachtliches abliefert. Zwar erfinden die beiden das Rad nirgends neu, aber alle typischen Slashersequenzen sind spannend oder mitreißend inszeniert. Clever lassen sie manche Morde offscreen geschehen und spielen gekonnt mit den Erwartungen. Sie nutzen bekannte ikonische Szenen des Originals für interessante Spiegelmomente, verweisen dezent auf die vielen anderen, verpönten Teile (sogar die Masken aus dem myerslosen Halloween 3: Season of the Witch kommen vor) (Busta Rhymes aber nicht. Sorry, Busta Rhymes), ohne sich aber distanzierend über sie lustig zu machen und bringen oftmals raue Härte, ohne wie Rob Zombie mit Brutalitäten zu blenden.



Es ist gewiss kein billiges Unterfangen, mit einer bekannten Marke mal eben rasch Kohle zu scheffeln, und es gibt auch keine kläglichen Versuche wie der eines Scream 4, sich der aktuellen Ü20 Belegschaft anzubiedern. Mutig sagen sie, dass gut gemachter Horror zeitlos ist, und mit genau diesem Esprit funktioniert es. Der neue Halloween dürfte sowohl frischgebackenen Jugendlichen gefallen wie auch all denen, die schon 1978 im Kino saßen. Ein besonderes Highlight ist eine längere Plansequenz, in der Michael sich unbemerkt von Haus zu Haus mordet, die gar mit zu den besten Myers-Szenen der ganzen Reihe gehören dürfte.

Hervorzuheben ist aber auch selbstredend der neue Michael Myers Darsteller, James Jude Courtney. Courtney lässt den 60jährigen Myers drahtig, derbe und ungemein gruselig erscheinen. Ist es zu früh, jetzt schon von ikonisch zu reden? Courtney beweist, dass ein vermeintlich normaler Typ wesentlich gruseliger agieren kann als ein zwei mal zwei Meter Wrestler, der Autos umwerfen kann. Interessanterweise sieht man viel von Myers‘ Gesicht, insbesondere bei einem Aufenthalt bei einer Tankstelle, bei der er auf kniffige Weise mehrfach im Hintergrundgeschehen zu sehen ist.
Schwächen? Der Einstieg mit zwei Podcastern, die Myers und Laurie für eine Sendung interviewen wollen, fällt schleppend und unbeholfen aus. Dafür, dass man den Film unbedingt von den anderen Teilen alle kappen musste, geht es prinzipiell genau wie bei Halloween H20 ab: Myers metzelt und murkst sich durch Horden von belanglosen Teenies, bis Jamie Lee Curtis als Endgegnerin auf ihn wartet. Sogar einen neuen Loomis gibt es, der zwar nicht der alte Loomis sein soll, sich aber ähnlich gibt (und fast Dr. Satan heißt). Während Judy Greer als Tochter nicht viel zu tun bekommt, bleibt Andi Matichak als Enkelin recht ausdruckslos. Sie ist nicht so hibbelig wie Scout Taylor-Compton im Remake, wird aber wohl kaum in Erinnerung bleiben können (vermutlich gar weniger noch als Busta Rhymes' Figur).

Inwiefern das Filmende gleichzeitig jubeln lässt, aber dennoch irgendwie unterwältigt, ist ohne Spoiler schwierig zu erklären. Stichwort Katharsis. Da kommt es nun ganz darauf an, wie das Produktionsstudio Blumhouse und das jetzt schon xfache Einspielergebnis antworten werden.

Fazit:
Obwohl es der insgesamt elfte Film über einen stummen, stumpfen Typen ist, der Leute mit dicken Messern abmessert, nahmen die Macher ihr Machwerk ernst und liefern einen Film, der besticht. Der neue Halloween ist ein stattliches, spätes Sequel, dessen Ignorieren der anderen Filme man gegebenenfalls selbst ignorieren kann. Ignorieren sollte man den Film an sich jedenfalls nicht, wenn man Horrorfilme generell mag. Hier gibt's zwar nicht viel Neues zu sehen, doch äußerst kompetent umgesetzte Flucht vor dem schier unaufhaltsamen Bösen.

7 / 10

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