BG Kritik:

A Star is Born


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

A Star is Born (USA 2018)
Regisseur: Bradley Cooper
Cast: Bradley Cooper, Lady Gaga, Sam Elliott

Story: Musiker Jackson Maine (Cooper) trifft zufällig auf Sängerin Ally (Gaga), die bisher nur vor kleinem Publikum in ihrer Freizeit in Bars auftritt. Jackson verliebt sich in Allys Stimme und kurz darauf in die Person. Über einen gemeinsamen Auftritt beginnt Allys Musikkarriere, doch der trinkfeste Jackson hat mit eigenen Problemen zu kämpfen.

Is this thing on?


Was kann eine Geschichte nur an sich haben, dass man sie grob überschlagen alle 20 bis 30 Jahre mehr oder weniger identisch noch einmal erzählt? Hat sie vielleicht eine zeitlose konkrete Botschaft, ähnlich einem Märchen? Ist sie vielleicht vielseitig interpretierbar oder schlicht literarisch herausragend? Nach 1937, 54 und 76 ist Bradley Coopers Regiedebüt die bereits vierte Version von „A Star is Born“. Und schon die 1937er Variante war mehr als nur lose inspiriert von „What Price Hollywood?“ von 1932, den übrigens George Cukor inszenierte, der später auch die berühmte Judy Garland Version von 1954 drehen sollte. Ob die beiden Hauptfiguren nun Mary Evans und Max Carey heißen, Esther Blodgett und Norman Maine, oder wie hier Jackson Maine und Ally Campana; die Grundzüge der Geschichte sind in allen Filmen mehr als nur ähnlich. Bis einschließlich zu Judy Garland spielte sich die Geschichte noch in Hollywood ab, versuchte sich eine junge Frau als Schauspielerin, allerdings gesegnet mit einem herausragenden Gesangstalent. Mit Kris Kristofferson und Barbara Streisand wurde „A Star is Born“ gänzlich in die Musikszene verlegt, wo diese Geschichte und die performative Art der Figuren vermutlich wirklich hingehört. Das fand auch Bradley Cooper.

Obwohl insbesondere der 1954er Film mit seiner Doppelung aus Filmwelt und Musicals bessere inszenatorische Möglichkeiten besaß und mit mehr kreativer Finesse erzählt wurde, fühlt sich diese Geschichte mit Liedern, dem Musikgeschäft und Bühnenauftritten vor Live Publikum einfach richtiger an. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man „A Star is Born“ für die Biographie eines realen Musikers halten. Dramaturgie, Figuren und Emotionspotential unterscheiden sich nur in Details von Filmen wie „Walk the Line“ oder „Ray“. Doch der Fakt, dass Jackson Maine und Ally fiktive Figuren sind – ganz egal, wie ähnlich Ally hier und da der realen Gaga wird – ist für den Film ein immenser Vorteil. Cooper und seine beiden Drehbuchpartner können, dürfen und müssen die Geschichte so erzählen, Details so verändern und anpassen, wie sie es brauchen und wie es der moderne Kontext verlangt. Doch in diesen Schöpfungsprozess greifen nicht Angehörige und Nachlassverwalter eines Stars ein, üben nicht Plattenfirma und Fans einen immensen Druck auf, wollen sich nicht lebende Stars im besten Licht zeigen. „A Star is Born“ zeigt, warum wir tatsächliche Biopics nicht brauchen – zumindest dann nicht, wenn sie nicht den Mut besitzen, tief zu graben.


Coopers Film übernimmt die vorgegebene Handlung nahezu komplett, verändert bzw. erweitert die Details der vorausgegangenen Filme jedoch klug. Da fällt zunächst Anthony Ramos als Allys Kollege und bester Freund Ramon auf, der die erste Verbindung herstellt und im weiteren Verlauf mit glühenden Augen zuschaut, wenn Ally auf Jacksons „Ich zeige dir meine Welt“ Ritt auf dem fliegenden Teppich mitgenommen wird. Die signifikantere Erweiterung des Personals ist aber Sam Elliott als Bobby, Jacksons Bruder, musikalischer Partner und Roadie. Überhaupt wurde Jacksons familiärer Hintergrund mit einigen schwerwiegenden Details gestaltet, über die Elliott einige der intensivsten Momente des Films finden kann. Eine Szene, in der er mit dem Auto zurücksetzt und seinen Blick abwendet, wird unvergessen bleiben und Elliott womöglich im Alleingang Filmauszeichnungen einbringen. Würde Jackson Ally nicht in einer Transvestitenbar finden und mit dem dortigen Personal eine warmherzige Zeit verbringen, könnte man fast meinen, der 2018er „A Star is Born“ versuche gar nicht erst, die Handlung irgendwie zu modernisieren. Werbung und Marketing haben sich verändert, doch neu sind die Probleme und Zuspitzungen nicht, die Ally erwartet, als ihre Karriere an Fahrt aufnimmt.

YouTube beschleunigt den Prozess nach dem ersten gemeinsamen Auftritt zwar, doch groß erforscht wird der Aspekt der sozialen Medien kaum. Coopers Film will, wie auch seine Vorgänge, in erster Linie ein Drama zwischen zwei Personen sein. Diese Personen ziehen sich an, finden sich, beeinflussen sich, beflügeln einander und leiden miteinander. Besagter erster Auftritt vor einem riesigen Publikum ist in Inszenierung und Darstellung ein umwerfender Moment, der regelrecht Gänsehaut auslösen kann. Das liegt auch daran, dass „Shallow“ ein absolut erstklassiger Song ist, sowohl musikalisch als auch textlich. Musik ist Ausdruck des Inneren; umso erstaunlicher, dass die deutschsprachige Kinoversion nur an einer einzigen Stelle, als ein halbfertiges Lied innerhalb eines Gesprächs improvisiert wird, mit Untertiteln versehen wird. Die spätere Beziehung, Jacksons Alkoholismus und sein geschädigtes Gehör (eine weitere gelungene Erweiterung) werden nicht ausschließlich, aber auch über neue Lieder kommentiert, die man als deutschsprachiger Zuschauer auch nachvollziehen können sollte, ist man des Englischen nicht mächtig. Viel entgeht allerdings nicht, da sich Coopers solide Kameraarbeit unter Kameramann Matthew Libatique ganz auf seine erstklassigen Darsteller verlässt. Das Script wird insbesondere in der zweiten Hälfte fast erwartungsgemäß etwas schwammiger und „überplottet“, doch Cooper und Gaga geben sich den Höhen und Tiefen ihrer Figuren vollkommen hin. In Wort und Tat haben beide einige schwerwiegende und unangenehme Momente vor sich; einschneidend ehrliche Dialoge, schockierend unangenehme Handlungen. Die Klasse der Darsteller erfüllt die Zielsetzung von Regisseur Cooper: „A Star is Born“ ist ein universell effektives Drama einer Liebesbeziehung, einer persönlichen Selbstverwirklichung und privater Traumata.

Fazit:

Etwas langes, aber erstklassig gespieltes und gelungen inszeniertes Musikdrama. Bradley Cooper und insbesondere Lady Gaga sind als Darsteller und Performer herausragend.

7,5 / 10


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