BG Kritik:

Suspiria


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Suspiria (USA, Italien, Deutschland 2018)
Regisseur: Luca Guadagnino
Cast: Tilda Swinton, Dakota Johnson, Mia Goth, Angela Winkler
Start: 15. November 2018

Story: Berlin 1977: Amerikanerin Susie (Johnson) tanzt in der renommierten Tanzschule bei Madame Blanc (Swinton) vor, wo gerade eine junge Tänzerin abgehauen ist. Vielleicht ist sie auch verschwunden. Und vielleicht ist die Schule gar eine Tarnung für einen Hexenkonvent.

6 Akte und 1 Epilog im geteilten Berlin.

Radiohead Frontman Thom Yorke steuerte den wunderbaren Musikscore bei.


Remakes sind, so die generelle Weisheit, immer dann am besten, wenn sie möglichst wenig mit dem Original zu tun haben. Besagter erster Film existiert schon und auch weiterhin, warum also wiederholen? Noch dazu, wenn doch entweder kulturelle Unterschiede oder Jahre der Weltgeschichte dazwischen liegen. Luca Guadagnino macht so gesehen nahezu alles richtig, denn bis auf die grobe Handlung hat dieser „Suspiria“ nicht mehr viel mit Dario Argentos Film von 1977 gemeinsam. Und das ist vermutlich auch ganz gut so, denn allein die Vorstellung, den stilprägenden Horrorklassiker zu wiederholen, scheitert nach wenigen Minuten. „Suspiria 2018“ tauscht die betont künstliche und künstlerische Primärfarbengewalt des Originals gegen gedämpfte Sekundärfarben aus Braun-, Grau- und Beigetönen. Auf 35mm Film gedreht und perfekt nachkalibriert, sieht dieser Film trotz Digitalprojektion im Kino fast authentischer nach den 1970er Jahren aus als der Argento Film. Obwohl weniger aufdringlich, ist das Remake ein Film, an dem man sich kaum sattsehen kann.

War das „Suspiria“ Original noch in Freiburg angesiedelt, nutzt Luca Guadagnino die Symbolkraft der Hauptstadt, mit der Mauer, Wachtürmen, strengen Grenzen und mit der RAF im Hintergrund, deren linksterroristischen Vorgänge über Schlagworte wie Landshut und Stammheim immer wieder in die Handlung drängen. Argentos Film war nahezu ausschließlich ein Stimmungsfilm, ein grelles Stilkabinett mit vernachlässigbarer Handlung. Erst in vagen Fortsetzungen expandierte man die Ideen der drei Hexenmütter, gab ihnen eine mythologische Tiefe. Der neue „Suspiria“ ist das komplette Gegenstück. Zweieinhalb Stunden lang und bis zum Rand voll mit Hinweisen, Denkanstößen, Symbolen, Querverweisen, signifikanten Dialoganspielungen und vielsagenden Blicken. Gleich zu Beginn, wenn Chloe Grace Moretz als Patricia aus der Berliner Tanzakademie flüchtet und zu ihrem vertrauten Psychotherapeuten Dr. Klemperer geht, überschlagen sich die Ereignisse. Patricia kokettiert mit der politisch radikalen Szene, dort liegt ein C.G. Jung Buch unübersehbar auf dem Schreibtisch und in der Akademie, sagt Patricia, seien Hexen am Werk.

Guadagnino und Drehbuchautor David Kajganich entledigen sich sofort und direkt dem Mysterypotential der Hexenfrage. Das Original ist bekannt, also braucht dieser Film die Offenbarung, dass in der Tanzschule tatsächlich Hexen die Kontrolle haben, nicht als Geheimnis hinauszögern und für einen schockierenden Twist offen halten. Ohne große Erklärungen lässt man uns an einer Diskussion der obersten Hexen teilnehmen, die über die entlaufene Patricia sprechen, über eine anstehende Wahl und über das Potential der Neuen, Susie Bannion. Die magischen Damen sprechen, so scheint es, in einer Gedankensphäre miteinander, senden phantasmagorische Träume umher und diskutieren, ob Madame Blanc (Swinton) oder die lange unsichtbare Helena Markos, die alte Gründerin der Akademie, Leiterin werden bzw. bleiben sollen. In einer geteilten Stadt innerhalb eines geteilten Landes in einer zweigeteilten Welt steht auch die Hierarchie im Hexenkonvent vor entscheidenden Fragen der Ausrichtung, Unterstützung oder eines Neubeginns. So, wie die RAF mit Entführungen und Bombenanschlägen (u.a.) das nationalsozialistische Alte aus Deutschland vertreiben will, stehen auch die Hexen in einem Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen.

Regisseur Guadagnino plant eine Fortsetzung zu "Call me by your Name"


Mit diesen Hintergründen hat Guadagninos Film mehr mit Andrzej Żuławski und Rainer Werner Fassbinder gemein als mit italienischen Horrorfilmen. Żuławskis „Possession“ mit Sam Neill und Isabelle Adjani, das intensivste und ungewöhnlichste Scheidungsdrama der Filmgeschichte, nutzte ebenfalls das geteilte Berlin als Hintergrund. In Form von Fassbinder Mimin und Ex-Frau Ingrid Caven und Darstellerin Angela Winkler, insbesondere bekannt aus „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, legt Guadagnino seine Inspiration offen, erweitert aber auch Interpretationsmöglichkeiten. Die reine Anwesenheit dieser Damen gibt dem Geschehen einen Kontext, auf dem man aufbauen kann, den man erforschen und erweitern kann. Über diese Verweise klärt sich dann auch irgendwie die Genrefrage, denn obwohl „Suspiria“ ohne Frage Grauen, Unbehagen und Gefahr bietet, wäre es unzutreffend, den Film bloß als Horrorfilm zu bezeichnen. Vielleicht will der Film auch zu viel, doch abseits von Darren Aronofskys „Mother!“ hat man seit Ewigkeiten keinen derart prominenten und dabei so kompromisslosen Film mehr gesehen.

Frei nach dem Motto „Mir doch egal, wenn ich 80% meines Publikums vor den Kopf stoße“ inszeniert Regisseur Guadagnino einen komplett unangepassten Film: lang, anstrengend, fordernd, ungemütlich und dabei oft komplett gegen mögliche Erwartungen und quasi ohne jegliche Form simpel-unterhaltsamer Entspannung. Selbst die Tanzakademie, bei Argento allerhöchstens ein sinnliches Ventil für mysteriöse Vorgänge, wird zu einem konkreten Element der hexerischen Geschehnissen. Dies wird nirgends besser, eindringlicher und unbehaglicher kommuniziert als in einem frühen Tanz von Dakota Johnsons Susie, die, kaum in der Schule angekommen, ihre Chance ergreifen will. Der folgende Spiegeltanz dürfte, abseits vom schier unbeschreiblichen Finale, die Sequenz sein, von der man zu allererst berichten möchte. Doch nichts in diesem Film ist einfach nur ein simpler Schock oder ein Effekt. Mit Susie, deren Kindheit mit der kranken Mutter in einem Amischdorf wir in mehreren Flashbacks sehen, geschieht etwas. Sie wird von den Kräften des Ortes angezogen. Das Wimmern und Flüstern der langen Flure und unruhigen Nächte ruft nach Susie, sind diese Geräusche doch nicht zuletzt auch das, was der Titel meint: die zentrale Macht bzw. Ausdrucksart der großen Hexenmutter.

Bis auf zwei explizit nutzlose Polizisten wird jede weitere Sprechrolle von Frauen verkörpert, auch wenn es eine signifikante männliche Rolle gibt. Dass Tilda Swinton gleich mehrere Figuren im Film spielt, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Für die Rolle des alten Dr. Klemperers erschuf Swinton Schauspieler Lutz Ebersdorf, den sie unter Makeup verkörpert. Und die deutsche Synchronisation spielt mit, lässt auch diese Rolle etwas krächzend und brummend von Swintons Standardsprecherin Karin Buchholz vertonen. Dass die deutsche Fassung die Mehrsprachigkeit des Films aber auch glattbügelt und fast gänzlich verschwinden lässt, kann nicht unerwähnt bleiben. Doch so gut das Makeup ist und so sehr die Stimme für einen alten Mann wie Klemperer glaubwürdig sein kann, ist die Besetzung Swintons doch ein gekonnter Mechanismus. In einem von Frauenrollen dominierten Film die einzige größere Männerrolle ebenfalls mit einer Frau zu besetzen, weckt Aufmerksamkeit und lässt den Geschlechterrollen besondere Wichtigkeit zukommen. Dr. Klemperer selbst wird von besonderer Wichtigkeit für die Akademie, für die Hexen und für Susies Freundin Sara (Mia Goth). Seine komplexe tragische Vergangenheit und sein Interpretationsmantra, wie er mit den Äußerungen von Patricia zu Beginn und später Sara umgeht, stellen eine weitere Bedeutungsebene heraus. „Suspiria 2018“ stellt unzählige Fragen auf, lässt vieles offen und ungesagt, halb greifbar zwischen kruden Symbolen und polithistorischen Verweisen. Das kann unbefriedigend sein, doch viele dieser Fragen sind so spannend und weitreichend, dass man eigentlich sofort zurückkehren möchte in diese Welt, ganz egal wie blutig, grausam und abstoßend sie gewesen sein mag.

Fazit:

Kein Film für jeden. Ein selbstbewusstes Wagnis, welches sowohl als Remake wie auch als Genrefilm oft gezielt vor den Kopf stößt. Anstrengend und ungemütlich, aber dadurch auch ein einzigartiger Genuss.

9 / 10


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