BG Kritik:

Verschwörung


Ein B-Movie Freund, der seit einigen Jahren in Köln heimisch ist und dort erfolgreich Design studiert hat. Seitdem schiebt er u.a. Pixel hin und her.

The Girl in the Spider's Web (USA 2018)
Regisseur: Fede Alvarez
Cast: Claire Foy, Keith Stanfield, Sylvia Hoeks, Sverrir Guðnason
Start: 22. November 2018

Story: Des nachts streift Lisbeth Salander als Rächerin in Stockholm umher, und peinigt Männer, die zuvor (ihre) Frauen gepeinigt haben. Doch es ist ein Job aus ihrem Tagesgeschäft als Hackerin, wodurch ihr alsbald die NSA, die Russen-Mafia und die Polizei am Hintern kleben.

Auf "Verschwörung" könnte noch "Verfolgung" folgen.


Basierend auf The Girl in the Spider’s Web, dem vierten Teil der von Stieg Larsson begonnenen, und von David Lagercrantz mit eben jenem Teil 4 (und inzwischen auch Teil 5) fortgesetzten Buchreihe um Lisbeth Salander und Journalist Mikael Blomkvist, setzt die Geschichte von Verschwörung einige Jahre nach dem letzten Treffen zwischen Lisbeth und Mikael wieder an. Als Fortsetzung/Soft-Reboot mit existenter Vorgeschichte zwischen Salander und Blomkvist. Und obwohl Rooney Mara weiter wollte, wollte man die für ihre Interpretation der Lisbeth Salander in David Finchers Verblendung als Beste Hauptdarstellerin nominierte Schauspielerin nicht mehr. Offiziell wollte der nun verantwortliche Regisseur Fede Alvarez sich nicht auf dem Casting von Fincher ausruhen. Vielleicht konnte sich der zuvor für das 2013er Evil Dead Remake und Don't Breathe verantwortlich zeichnende Mann sich beim nun auf 43 Millionen Dollar gedrücktem Budget – zu 90 Millionen von Verblendung – aber auch schlicht einen Daniel Craig nicht mehr leisten, und beschloss dahin gehend mit Sony, eben beide Hauptrollen neu zu vergeben und von Soft-Reboot zu sprechen. Nun also Claire Foy (The Crown, Unsane – Ausgeliefert) in schwarz eingekleidet, sich in der (ganz klar) Fortsetzung in Stieg Larssons feministische Ikone der Lisbeth Salander zu verwandeln. Und die liefert! Anders, gereifter – dabei deutlich weniger nackig als bei Fincher – ist auch Claire Foys Salander eine Klasse für sich. Glaubhaft zwischen zerbrechlich wie Porzellan und tough wie ein Pitbull wechselnd, versprüht sie eine durch weitere harte Jahre und Erfahrungen abgebrühtere, ja, kältere Version als Mara, die nicht ganz so furchtlos wie jene erscheint, dafür aber auch weniger impulsiv wirkt. Dabei als ungemein (und manchmal auch deutlich zu) clever dargestellt, ihre Probleme lieber mit dem Kopf, als mit den Fäusten zu lösen, aber ebenso zum Kampf aus der körperlichen Unterlage bereit. Wo Salander reifer, kälter, gewachsen wirkt, wirkt der neue Mikael Blomkvist (Sverrir Guðnason aus Borg/McEnroe) dies alles und noch viel mehr nicht. Eher zurückentwickelt. Doch dazu gleich.

Ob die Geschehnisse aus Verdammnis und Vergebung hier bereits vergangen und geschehen sind, wird eher offen gelassen – könnte ja wie bei den ebenfalls von Sonys stammenden Dan Brown Verfilmungen mit Tom Hanks sein, und man ändert mehr oder weniger schlicht die Reihenfolge – ist Salander hier zu Beginn sauer auf Blomkvist, da der irgendwann zuvor und ungefragt einen Enthüllungs-Artikel über Salanders Vergangenheit in seinem Millenium Magazin gebracht hat. Und eigentlich ist Salander immer noch sauer auf ihren Blomkvist. Aber sie braucht jetzt nun ein­mal die Hilfe vom superduper – nein, nicht Super Trouper, das war auch schwedisch, aber was anderes – Reporter Blomkvist. Nur wofür eigentlich? Denn genau genommen trägt Blomkvist hier nichts bei. Man hätte ihn gar auch völlig streichen können, und nichts würde sich ändern, da für die Handlung völlig unerheblich, ja, unnötig. Den einen (noch dazu dummen) Moment der Erhellung seinerseits auf Salander übertragen, fertig. Der selbe Film mit einer Figur weniger. Dass der neue Blomi nichts beisteuert ist eine Sache, und der (eh nicht besonders guten) Story geschuldet. Aber auch Regie und Darsteller wussten offenbar nichts aus dem Wenigen zu machen, was ein Craig sicherlich von Natur aus mitgebracht hätte. So hat Sverrir Guðnasons Blomkvist so ziemlich genau keine erkennbaren Merkmale und Befähigungen eines klugen, mit allen Wassern gewaschenen Investigativer Journalisten, verpackt in die männlich kernige Ausstrahlung eines Michael Cera. Ok, mit Dreitagebart. Craig wirkte verbissen, in die Arbeit vertieft, getrieben, suchend... nahm sich dabei aber zurück, wirkte verletzlich, menschlich. Guðnason ist einfach da, wirkt dabei in jeder Faser fehlbesetzt und hat noch dazu nichts zu tun. Bravo. Wo Guðnason völlig fehlbesetzt erscheint, da wirkt die von Sylvia Hoeks gespielte Antagonistin gut bis verdammt stark - kein Spoiler, da der Film keinen Hehl daraus macht, wessen Spinnennetz dies hier ist - aber zugleich auch wie im falschen Film. Denn ihr scheint irgendjemand am Set verklickert zu haben, noch in Blade Runner 2049 zu sein und so spielt Hoeks ihre jetzige Figur der Camilla eigentlich exakt wie seinerzeit Luv, nur mit blondierten Augenbrauen und Haaren und im schicken roten Mantel vor verschneiter Kulisse Schwedens.

Vor seinem Tod plante Autor Stieg Larsson zehn Bücher mit und über Lisbeth Salander.


Dafür, sich zwingend von David Finchers Cast distanzieren zu müssen, scheint Fede Alvarez den Rest von Finchers (manchmal tatsächlich als nur gut verkanntem) US-Remake dann doch nicht ganz so zwingend distanziert betrachtet zu haben. Denn irgendwie wirkt Verschwörung an allen Ecken und Kanten so, als lautete die interne Vorgabe in etwa: Mach es wie Fincher es gemacht hätte. Nur günstiger. Nur ist Fede Alvarez offensichtlich nicht David Fincher. Und spielte bisher auch nie in dessen Liga. Auch hier nicht. Und das dürfte nicht nur am kastriertem Budget gelegen haben, und auch die Story spielt ihm dabei nicht gerade in die Hände. In dieser ist Lisbeth Salander begehrt wie noch nie. Gejagt von einem Ex-Hacker und Ex-Soldaten, der nun irgendwas tolles bei der NSA macht – bei dem er offensichtlich niemandem Bericht erstatten oder für irgendwas gerade stehen muss – namentlich Edwin Needham (Keith Stanfield), der Russen-Mafia, der Stockholmer Polizei, dem Flughafen-Sicherheitsdienst... und vermutlich sogar der Rückgabe-Abteilung der örtlichen Leihbibliothek. So falls es die noch gibt. Ja, es fühlt sich zu voll an, an der Verfolger-Front von Salander. Und irgendwie und wann scheint aus dem Prototypen des schwedischen Krimis, offensichtlich ein Bond in light geworden zu sein, denn die Story erscheint viel zu weltumspannend, ja, gar potenziell die ganze Welt(!) bedrohend und mehr wie ein Fall für 007 oder die Avengers, denn für Frau Salander. Serienmörder, kriminelle Industrielle, Vergewaltiger und Pädophile reichten offensichtlich nicht mehr, sind nicht cool genug... aber das kommt ja offenbar alles aus der literarischen Vorlage von Herrn Lagercrantz. Jene erwies sich seinerzeit allerdings als so trocken und zäh geschrieben, dass sie von hier aus nie beendet wurde. Änderungen also möglich.

Passend zum Bond Light - oder ist es trotz weiblichem Helden Zero, weil kantiger und cooler? - kommt auch das Intro daher, aber auch das stammt ja von der Idee bereits von Fincher, dessen Verblendung ja ebenfalls wie ein Bond begann. Dabei allerdings mit Immigrant Song einen cooleren Song hatte. Auch da verliert Verschwörung. Sorry. Und auch beim musikalischen Rest wandelt Fede Alvarez Stamm-Komponist Roque Baños (noch bekannt für u.a. Im Herzen der See, The Commuter) dabei in den Spuren des 2011er Remakes, und so klingt der Score durchaus etwas nach Trent Reznor und Atticus Ross, erreicht aber nie dessen Klasse. Eben ganz passend zum überwiegenden Rest vom Film, der von Finchers Klasse nur träumen kann und z.B. auch nie die gute und recht durchgehende Spannung von Alvarez Don't Breathe erreicht. Stattdessen dümpelt man oft und lange eher dahin, bringt dann und wann so drei bis vier recht große und auch gute Action-Szenen mit hinein. Und die sitzen auch. Nur Story-technisch bleibt man leider sehr vorhersehbar und noch dazu will Verschwörung sein Publikum entweder für dumm verkaufen, oder hält dieses zumindest für dumm. Dazu zählen nicht nur mehrheitlich absurd toll wirkende Hacks oder der gesamte den Hauptplot anstoßende Teil, sowie eine gefühlt zwischen Das Netz (aus 1995) und der nicht zu fernen Zukunft dahin schwankende technologisierte Welt - je nachdem was man gerade zu brauchen scheint. Nein, dazu ist das Spinnennetz hier auch noch ein Ort, an dem auf Ermittler nach Bleihagel und gelöschter Feuersbrunst noch alle Hinweise fein säuberlich drapiert in einer Ecke warten... und ganz geheim versteckte Peilsender schön offensichtlich blau blinken. Hier litten definitiv etliche Beteiligte an Verblendung.

Fazit:

Auf den amerikanischen Verblendung folgt Verschwendung. Wenig Spannung mit guter Action trifft hanebüchene Handlung und Szenen, getragen von einer guten Hauptdarstellerin die man gerne in einer anderen, besseren und vor allem passenderen Story gesehen hätte. Gerade noch so passabel, was nicht nur nach dem 2011er Einstieg von Fincher aber auch einfach nicht gut genug ist. Dürfte unterm Strich tatsächlich der schwächste aller Millennium-Filme sein.

4 / 10


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