BG Kritik: „71 – Hinter feindlichen Linien“

14. Juli 2015, Christian Mester

’71 (UK 2015)
Regisseur: Yann Demange
Cast: Jack O’Connell, Sean Harris
Story: Belfast, 1971: Gary, ein junger englischer Soldat, nimmt an einer Razzia in einem irisch-katholischen Viertel teil, bei der Polizeikräfte mit aller Härte gegen Bürger vorgehen. Als diese sich plötzlich zum Gegenschlag rüsten und außerdem IRA-Killer auftauchen, bleibt den Beamten nichts anderes übrig als zu fliehen. Der unerfahrene Gary jedoch bleibt im Getümmel zurück und muss sich allein durch die Straßen kämpfen…

Der Nordirlandkonflikt war fraglos einer der hässlichsten der modernen westlichen Welt. Von 1968 bis 1998 schlugen sich in Nordirland katholische Iren und protestantische Engländer die Schädel ein, da sich die ursprünglichen Bewohner Nordirlands mit aller Macht gegen die Besatzungskräfte des Empires aufwiegelten. Die IRA hatte schon seit 50 Jahren gegen die Kolonisationsmacht angekämpft, doch in den 70ern griffen nun auch die Bürger zu den Waffen, und es begann eine langjährige Unruhe gegen die vielen, in anliegenden Stadtteilen lebenden Protestanten. Dass Erwachsene die Schulkinder der „Feinde“ mit Steinen bewarfen, war zu der Zeit nichts Ungewöhnliches.

Über diese Ära wurden bereits so einige bewegende Filme gemacht, darunter Hunger, Michael Collins, Der Boxer oder Im Namen des Vaters. 71 – Hinter feindlichen Linien greift im Grunde auf die gleichen Aspekte zurück, die in dem Zusammenhang immer wieder besprochen werden: die Sinnlosigkeit der Gewalt, der Einfältigkeit und Gewaltbereitschaft der Menschen zu der Zeit und natürlich die vielen unschuldigen Opfer, die Konflikte wie dieser immer fordern. Im Vergleich zu den genannten dramenlastigen Titeln ist 71 wohl aber ein Straßenthriller mit Kriegsfilmatmosphäre.

Mobs sind gefährliche Bewegungen, da sich zurückhaltende, gewöhnliche Menschen darin plötzlich mutig und beschützt fühlen, und leicht dazu angefeuert werden können, selbst einmal Gewalt auszuüben, in einer Härte, wie sie es allein niemals zustande brächten. Der Film von Yann Demange zeichnet die Flucht Garys vor solchen Mobs als überaus spannend und lässt daher gehörig mitfiebern, wie er in Verstecken ausharrt und oft rennen muss. Gary mag zwar inmitten von Müttern, Handwerkern und Omis in Wohngebieten stecken, ist dort aber als Soldat im Feindesgebiet, in dem viele seinen unmittelbaren Tod wollen. Die Wut der Bürger auf die Soldaten wird vorher exemplarisch durch Garys ältere Kollegen erklärt, die ihre Staatsgewalt mit sadistischer Freude ausleben. Demange versucht jedoch gar nicht erst zu weit auszuholen, stattdessen nutzt er Garys Figur als armen Tropf, der zwischen die Fronten hasserfüllter Parteien kommt, die in ihrer Verblendung keinen anderen Ausweg mehr sehen und jeden für ihre Zwecke zu animieren versuchen.

Herausgekommen ist dabei ein recht einfacher, aber spannender Film über Zorn und Entladung. Wirkt sehr realitätsnah, und verfällt nie der Versuchung, 71 zu sehr Actionkost werden zu lassen. Schade ist jedoch, dass der Kameramann des Öfteren auf die elendige Shaky Cam Schütteltechnik setzt, die abgesehen von den Bourne Filmen nie funktioniert, so auch nicht im Land der Leprechauns und Irish Pubs. Demange stellt das Geschehen ansonsten gut in Szene und lockert den simplen Plot immerzu mit brauchbar interessanten Randschicksalen und kleineren Wendungen auf. Hauptdarsteller Jack O’Connell ist nach Unbroken und Mauern der Gewalt erneut solide, verfehlt es aber zum dritten Mal, so richtig gut in Szene gesetzt zu werden. Entweder ist der junge Mann doch kein wirkliches Talent für Hauptrollen, oder er hat bisher echtes Pech gehabt.
Fazit:

71 ist kein Actionthriller zum Fingernägel abkauen und Spektakel gibt es auch keins, wer aber mal wieder einen spannendes Drama über den noch gar nicht so lange zurückliegenden Nordirlandkonflikt sehen will, ist hinter diesen feindlichen Linien gut beraten.
7 / 10

Autor: Christian Mester

Dieser Filmenthusiast (*1982) liebt es, manchmal auch mit Blödsinn, Leute für Filme zu begeistern. Hat BG im Jahr 2004 gegründet und ist dann für Pressevorstellungen, Interviews und Premieren viel rumgereist, hat als Redakteur u.a. für GameStar geschrieben, war dann mal Projektleiter in einer Werbeagentur mit Schwerpunkt dt, Kinostarts und - schaut gerad vermutlich schon wieder was.