BG Kritik: „Outside the Wire“

17. Januar 2021, Christian Westhus

Netflix versucht es mal wieder mit großbudgetierter Action. Nach „Tyler Rake“, „The Old Guard“ und „Project Power“ nun also Anthony Mackie als Supersoldat in einem neuen futuristischen Kriegsszenario.

Outside the Wire
(USA 2021)
Regie: Mikael Håfström
Darsteller: Anthony Mackie, Damson Idris, u.a.
Veröffentlichung Deutschland: 15. Januar 2021 (Netflix)

[Wie schon der Trailer – der ohnehin recht viel zeigt – offenbart auch diese Kritik eine mittelgroße Offenbarung der ersten 15 Minuten. Diese Kenntnis ist nicht entscheidend, doch wer komplett unbeeinflusst bleiben will, sollte erst nach der Filmsichtung zur Kritik zurückkehren.]

Auch das amerikanische Actionkino der Trump-Jahre verortet die Konfliktzonen gerne fernab der Heimat. „Outside the Wire“ beginnt 2036. In Osteuropa (genauer: in der Ukraine) herrscht ein Kriegszustand, bei dem amerikanische Truppen bewachen und aushelfen sollen/wollen, indem sie ihre neue und von reichlich Lobby- und Steuergeld teuer erkaufte Technik auszuprobieren. Im Jahre 2036 sind nicht nur unbemannte Drohnen überall, sondern auch klobige und schwer bewaffnete Mecha-Soldaten, Gumps genannt, greifen ebenfalls ferngesteuert ins Geschehen ein. Der Krieg, den manche mit ihren Leben bezahlen, ist für Bot- und Drohnenpiloten tatsächlich nur eine Art Videospiel. Den Joystick bedienen, Menschenleben auslöschen und dabei Fruchtgummis essen. Lieutenant Harp (Damson Idris) ist ein solcher Drohnenpilot, der einige tausend Kilometer entfernt ein paar Knöpfe und Hebel bedient und dann eine folgenschwere „Für das höhere Allgemeingut“ (‚the greater good‘) Entscheidung trifft. Da Harp direkte Befehle missachtet hat, wird er strafversetzt. Er soll nicht vom Leben, aber vom Krieg lernen, soll Erfahrungen in echter Kriegsempathie lernen. Zu Deutsch: er soll direkte Kampferfahrungen machen. Dafür wird Harp Captain Leo (Anthony Mackie) überstellt, ein Soldat mit einem gewissen Ruf.

Leo selbst ist eine Maschine, ein Roboter, ein maschineller Prototyp und streng geheim. Der Clou dieser Paarung wird sofort ersichtlich: auf der einen Seite ein junger Soldat, der seine Entscheidungen mit maschinenartiger Rationalität trifft, auf der anderen Seite eine tatsächliche Maschine, die kurz darauf kumpelhafte Sprüche über Harps Freundin drückt. Russland will derweil die Ukraine annexieren, die USA und die UN sind mittendrin und eine Rebellengruppe versucht Widerstand zu leisten. Harp und Leo sollen zunächst einen Impfstoff transportieren, doch natürlich ist das nur der Anfang, denn im Hintergrund zündelt Terrorist Viktor Koval (Pilou Asbæk), dem das Handwerk gelegt werden soll. Es geht um viel.

© Netflix

Nicht nur durch Anthony „Falcon“ Mackie ist man geneigt, mehrfach an Captain America zu denken. Leo ist nicht nur eine spezielle Art von Supersoldat, ein Unikat, er lässt auch noch das markante Cap-Zitat ab, er könne dies den ganzen Tag machen. I can do this all day. Und sein militärischer Rang? Natürlich Cap(tain). Die Action ist in diesem leicht überlangen Film relativ rar gesät, in den entscheidenden Momenten aber originell konzipiert, mit Leos Superstärke, die auf ansehnliche Art Entsprechung findet. Schade nur, dass der Schnitt den Unterhaltungsfaktor ein wenig trübt. Überhaupt krankt der Film von Mikael Håfström („Escape Plan“) an einer etwas unrunden Inszenierung und einer oft biederen Optik, nie in der Lage, der unnötig verkrampften Ernsthaftigkeit ein Gegengewicht zu verpassen.

Doch ein derart militärischer Film – Science-Fiction Szenario hin oder her – der einen Drohnenpiloten auf einen Lernprozess in Richtung Menschlichkeit und Mitgefühl schickt, ist immer auch politisch. Und hier gerät „Outside the Wire“ so richtig ins Wanken. Die Science-Fiction spielt fast keine Rolle, wird zu einer minimalen Verstärkung eines Arguments, welches sich auch schon mit heutigem Militärgerät aufstellen ließe. Es ist „Black Mirror“ ohne echtes existentialistisches Dilemma. Und der gute Isaac Asimov mit seinen Robotikgesetzen wird praktischerweise auch direkt ausgehebelt. So ist der Film stärker an Militär-Ethik interessiert, setzt auf Harps anfängliche Entscheidung noch mindestens ein Statement drauf und führt dem jungen Soldaten mehrfach vor, dass „echter“ Krieg grausam und hart ist, dass Töten dazu gehört. Beim Versuch, diese Gedanken zu einer klaren These zu ordnen, entgleitet nicht nur der gesamte dritte Akt, auch die These selbst ist angesichts der Tragweite schnell schwammig und voller Widersprüche, wobei „Widerspruch“ noch zu den netteren Deutungen gehört. Damit ist „Outside the Wire“ auch für Netflix ein weiterer teurer Lückenfüller, der mit großen Gesten wenig leistet und noch weniger aussagt. Ein Actionfilm für die Content-Maschinerie: zu belanglos, um haften zu bleiben, zu langweilig, um als Spektakel zu fesseln.

Fazit:
Durchschnittlich unterhaltsamer Sci-Fi Actioner, der wenig aus seiner – ohnehin schon nicht sonderlich originellen – Prämisse holt. Kein explizit schlechter Film, nur einer, der rasend schnell vergessen ist.

5/10

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.

Um an dieser Diskussion teilzunehmen, registriere dich bitte im Forum:
Zur Registrierung