BG Kritik: „The Devil all the Time“

17. September 2020, Christian Westhus

Spider-Man Tom Holland und Bald-Batman Robert Pattinson in einem starbesetzten Thrillerdrama. Der amerikanische mittlere Westen in den 50ern/60ern; die Nachwehen des Krieges, die Armut, die Tradition aus Kirche und Religion, und die Familienbündnisse, die sich darin verweben. „The Devil all the Time“ alias „Das Handwerk des Teufels“ ist ganz frisch bei Netflix erschienen.

The Devil all the Time
(USA 2020)
Regie: Antonio Campos
Darsteller: Tom Holland, Bill Skarsgård, Robert Pattinson, Riley Keough, Haley Bennett, Jason Clarke uvm.
Veröffentlichung: 16. September 2020 (Netflix)

Die Versuchungen des Teufels lauern immer und überall. Oder ist es lediglich menschliche Schwäche? Vom Kriegsende 1945 bis in die späten 60er reicht diese Geschichte aus dem tiefsten und einfachsten Eckchen zwischen Ohio und West-Virginia, in dem die Welt entschieden langsamer zu verlaufen scheint. Der junge Willard Russell (Bill Skarsgård) kehrt gerade aus dem Krieg heim und bringt Erinnerungen an erlebte Gräuel gleich mit. Wie Willard, lernen etwa zeitgleich – als führe Gott oder eben der Teufel persönlich die Zügel des Schicksals – auch zwei andere Männer die Frauen kennen, mit denen sie durchs Leben gehen und denen wir durch diesen Film folgen sollen. Es ist eine Geschichte über die Erbarmungslosigkeit des Lebens, über Kriege und Rachegewalt, über Armut, Perspektivlosigkeit, über wütende Männer und ihre zerstörerischen Machenschaften, und über die Frauen, die darunter leiden oder sich mit hineinziehen lassen. Eine Geschichte über Gott, Kirche und Religion, die zu frommem Wahn wird, die angreifbar machen, oder die als Instrument der Macht missbraucht werden kann, als Alibi, hinter dem man sich verstecken kann.

Die Geschichte einer Zeit und eines Ortes, eines Sturms des Schicksals und der Personen, die darin herumtaumeln. Es ist nur zu leicht zu erkennen, wie aus diesen Versatzstücken, mit diesen Figuren und den angeschnittenen Themen eine spannende Geschichte erzählt werden könnte. Etwa in einem Roman, wie ihn Vorlagenautor (dt. „Das Handwerk des Teufels“) Donald Ray Pollock mit leicht autobiographischem Einschlag verfasst hat. Antonio Campos‘ Filmversion kommt dem erzählerischen und charakterlichen Potential der Geschichte häufig nahe, ohne es je ganz zu erreichen. Campos, der mit seinem Bruder zusammen das Drehbuch verfasste, übernimmt einige Worte Pollocks direkt, lässt einen unweigerlich literarisch anmutenden Voice Over Erzähler immer wieder kommentieren, Ungesagtes offenbaren und Hintergründe beschreiben. In einem Film kann ein solcher Erzähler schnell künstlich und wie ein Ausdruck der Hilflosigkeit wirken, einen literarischen Text nicht adäquat in einen Film übersetzen zu können. Und tatsächlich mutet vieles an „The Devil all the Time“ störend literarisch an. Doch andererseits unterstreicht die Erzählstimme die eigenartig zufällige Natur der Handlung, die „Short Cuts“-artigen Verbindungen und Zufälle, ja die potentiell spirituelle Aura, in welcher diese Figuren herumwandern. Noch dazu ist – zumindest im Originalton – Autor Pollock höchst selbst als Erzähler zu hören.

© Netflix

Greift man zum englischen Originalton, bekommt man es mit allerhand dicken Akzenten zu tun. Die Sprache des mittleren Westens, die berühmte heiße Kartoffel im Mund, und damit ein Sprachklang, den nicht ein einziger Darsteller privat selbst besitzt. Robert Pattinson nutzt dies, um seine Prediger-Figur noch mehr zur grellen Karikatur zu machen. Die Prominenz der Besetzung kann hilfreich sein, wenn der Film gerade im ersten Drittel etwas unelegant und holprig zwischen Zeiten, Orten und Personen herumspringt. Auch verleiht ein bekanntes Gesicht beim Zuschauer oft ein Gefühl der Sicherheit, der Wichtigkeit, dass mit dieser Figur noch für eine gewisse Zeit zu rechnen ist. Wenn das Schicksal dann auf die eine oder andere Art zuschlägt, kann es theoretisch jeden treffen, selbst wenn man bald schon durchschaut hat, dass die harschen Umstände dieser Gegend insbesondere (aber nicht ausschließlich) Frauen zum Verhängnis werden.

Obwohl es ein Ensemblefilm ist, steht Familie Russell und insbesondere Arvin Russell (Tom Holland) stärker im Fokus. Holland spielt und interpretiert diese Rolle, als könne er sich nicht weit genug von seinem hibbelig-euphorischen Spider-Man entfernen. Arvin ist ruhig und verschlossen, eigentlich ein guter Mensch, hat jedoch von seinem Vater ein paar Grundsätze verinnerlicht, wie mit den Widerständen des Lebens (es gibt viele „sons of bitches“ in der Welt) umzugehen ist. Sein Vater ist dabei nicht der einzige Einfluss auf Arvin: Da sind seine Großeltern, seine überfromme Stiefschwester (Eliza Scanlen) und da ist die Erinnerung an seine sanfte Mutter (Haley Bennett, die eine an Michelle Williams erinnernde Wärme ausstrahlt). Doch wir ahnen bereits, dass Arvin nicht ohne gewisse Widerstände durchs Leben gehen wird. Dabei ist „The Devil all the Time“ nicht einfach ein finsterer Akt der Deprimierung, der menschliches Elend und Verrohung vorführt. Es gibt Momente des Lichts in dieser Geschichte, Augenblicke, in denen der Teufel einmal nicht sein vergiftendes Handwerk ausübt. Doch ob und wenn ja wie lange man sich auf diese lichten Momente verlassen kann, auf einen hilfsbereiten Tankwart, auf eine liebende Großmutter oder auf einen inneren Entschluss zur Besserung, ist eine Frage der Hoffnung oder des Glaubens.

Das alles verpackt Antonio Campos, der Indie-Filmer in seinem bisher größten Werk, durchaus gekonnt, gibt sich geduldig, ohne zu verspielte Schlenker und in bemühter Nähe zu den Figuren und ihrem Innenleben. Doch womöglich ist der Wust aus rund zwanzig Schicksalen in zwei Jahrzehnten unmöglich zufriedenstellend zu stemmen. Die rund 135 Minuten von „The Devil all the Time“ wirken mitunter länger als sie sind und scheinen doch zu kurz, um diese vielen faszinierenden Facetten gelungen zusammen zu führen. Den inneren Antrieb von zum Beispiel Polizist Sebastian Stan oder die Psychologie hinter Jason Clarkes Roadtrips mit Riley Keough kann man benennen, uns wird etwas gegeben, doch es bleibt oberflächlich. „The Devil all the Time“ ist besessen von kleinen Details und Nuancen, von der Mechanik menschlicher Entscheidungsfindung und der bitteren Ironie, die oftmals darin steckt. Doch wenn es darum geht, eine runde filmische Geschichte zu erzählen, geht dem Film auf hohem Niveau ein wenig die Puste aus.

Fazit:
Eine reichhaltige Buchvorlage, viele spannende Ansätze, eine starke Besetzung und ein ambitionierter Regisseur. „The Devil all the Time“ macht vieles richtig und bleibt doch hinter den Erwartungen zurück.

6/10

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.

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