BG Kritik: „Footloose“ (2011)

2. Oktober 2018, Christian Westhus

Das Remake zum Tanz-Kultfilm: Aus der Großstadt kommt der junge Ren McCormack in die dörfliche Gemeinde Bomont. Dort ist Reverend Moore mit seinen strengen Ansichten zu Sitte und Anstand das moralische Vorbild, und per Gesetz steht sogar Tanzen unter Strafe, nachdem vor einigen Jahren nach einem Tanzabend ein tödliches Unglück passierte. Ren eckt mit seinem großstädtischen Gedankengut schnell an und zieht das Interesse der rebellischen Ariel an, der Tochter des Reverends. Für Ren ist irgendwann klar: Er will tanzen!

Footloose
(USA 2011)
Regie: Craig Brewer
Darsteller: Kenny Wormald, Julianne Hough, Dennis Quaid
Kinostart Deutschland: 20. Oktober 2011

(Diese Kritik erschien ursprünglich zum Kinostart des Films im Oktober 2011.)

„I’ve heard he’s trouble.“ Das Dilemma der Moderne. Mit dem unaufhörlichen Aufmarsch der Remakes wollen die großen Alten der Filmindustrie die zahlungskräftige Jugend erziehen. Das Festhalten an alten Formaten ist wie das Festhalten an alten Verhaltensregeln. So gesehen sind sich Hollywood und Bomont, der Handlungsort dieses Films, gar nicht so unähnlich. Bleibt die Hoffnung auf einen Ren McCormack, der zeigt, dass man nach vorne und nicht immer zurück schauen sollte. Man lässt die flinken Füße modernisiert und recycelt auf die Massen los, obwohl 2011 so etwas wie ein Tanzfilm-Hype fehlt, den das originale „Footloose“ in den 80ern hatte. Wobei es aktuelle Tanzfilme fraglos gibt. Sollte man also gewarnt sein, wenn „MTV Films“ als Produktionsstudio zu Beginn bedrohlich lange auf der Leinwandwand flimmert? Im Zeitalter von „Step Up“ und Co. droht im Remake aus dem cool-naiven 80er-Kult eine hiphopfizierte Parade der Hinternwackler zu werden. Die gute Nachricht: Dem ist nicht so. Die schlechte Nachricht: Der Film taugt trotzdem nicht.

Der neue „Footloose“ Aufguss gehört zur langweiligsten und nervigsten Sorte von Remake. Solche, die beinahe völlig ohne eigene Ideen auskommen, in der denkfaulen Annahme, was 1984 funktionierte, funktioniert auch heute noch. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass „Footloose“ mit Kevin Bacon heute immerhin noch Nostalgie und Retro-Charme versprüht, während das Remake ideenlose Kalkulation ist. Die gesamte Prämisse war schon damals, trotz realem Vorbild, etwas an den Haaren herbei gezogen. Kinder, ihr dürft nicht mehr tanzen. Und die Pubertierenden gehorchen. Wen, außer die paar Hinderwäldler in den zwei, drei realen Bomonts dieser Welt (der USA), will man im Jahre 2011 denn damit noch erreichen? Das antiquierte Gedankengut geht gegen die schrankenlose Welt aus Internet und Smartphone doch gnadenlos unter. Welcher Jugendliche bricht denn bei Rens Vorwurf gegenüber Ariel, sie sei „viel geküsst worden“, nicht in schallendes Gelächter aus? Euphemismus des Vorwurfs hin oder her. 2011 noch immer Kids zu zeigen, die sich anständig und mühevoll per Petitionen und offiziellen Anträgen beim Stadtrat ihr Anrecht auf eine so traditionalisierte Fete wie den Abschlussball (Prom) erkämpfen, ist noch dazu ein hoffnungslos naives Signal. Das „Footloose“ Remake ist so weltfremd wie irrelevant.

Vom Start weg ist der Film dem Untergang geweiht. Zu krampfhaft klammert man sich ans Drehbuch des Erstlings und kopiert blind, statt zu hinterfragen. Also erst mal hereinspaziert zu Kenny Loggins fetziger Tanznummer, die immer noch ein cooler Ohrwurm ist. Dazu tanzende Füße im Close-Up. Wie im Original, nur ohne Wirkung. Die Zwischenschnitte zu den Menschen, die zu den tanzenden Füßen gehören, zerstören den ehemals frischen Stil und der verräterische Mief der Kopie wirkt sich auch negativ aus. Im Anschluss eine der wenigen Neuerungen. Wir sehen das Wie und Warum zum strengen „Du sollst nicht tanzen“ Gebot. Jugendliche im Auto und so. Wir bekommen in Bildern ausformuliert, was schon längst bekannt war. Auftritt Ren McCormack, der dieses Mal ohne seine Mutter seine Reise zu Onkel, Tante und Cousinen in Bomont antritt, was Rens psychologischen Hintergrund etwas verändert, vielleicht sogar verstärkt, aber ansonsten als Neuerung auch nicht viel bewirkt. Die erste Kirchensitzung, Ariel, Kumpel Willard – alles da. Sogar inklusive Bowie-Frisur, Schlips und Käfer. Allein der Umgang mit dem gelben Flitzer zeigt schon den ideenlosen Umgang mit den Materialien des Originals. Ren bringt den Wagen nämlich nicht mit, sondern muss die alte Rostlaube hier erst wieder zum Laufen bringen. Statt daraus aber eine symbolische, sich parallel durch den Film ziehende Aufgabe zu machen, an der Ren sich austobt, frustriert und schließlich wächst, ist der Drops nach einer funktionslosen Montage gelutscht und schon steht der Polizeibeamte wegen Ruhestörung auf der Matte.

© Universal / Paramount

Alles Weitere ist Filmemachen nach Checklistenprinzip. Ariels Freund Chuck ist nicht nur in exakt gleicher Form dabei, er bringt auch seine Traktoren mit. Damit es aber so richtig sinnbefreit zugeht, zeigt man diese nur kurz und steigt auf andere Fahrzeuge um. Die drollige Szene am Diner wird dieses Mal durch ein Autokino, statt durch eine einzige Stereoanlage angeheizt. Western-Bar? Natürlich dabei. Die Sache mit dem Joint? Aber Hallo! Ariels rote Stiefel? Aber so was von! Ja, sogar die Kleidung ist bis inklusive spießig-anständigem Abschlussballkleid kopiert. Aber Ren hat den iPod in der Hand. Es nützt alles nichts, der Film hat keine Chance. Dabei sind die Figuren einigermaßen sympathisch. An Kenny Wormald liegt es jedenfalls nicht, dass der Film versagt, auch wenn er nicht die Lausbuben-Coolness eines Kevin Bacon hat. Mit Miles Teller hat man zudem den perfekt kopierten Willard gefunden, der zur Abwechslung mal genau so sympathisch wie im Original ist. Dennis Quaid glänzt mit unangestrengter Routine und Ariels Freundin Rusty macht auch einen guten Eindruck. Schade nur, dass Andie MacDowell darunter leidet, dass man die entscheidenden Szenen der alten Dianne Wiest Rolle leider nicht kopiert hat.

Das einzige wirkliche Problem bei Figuren und Darstellern liegt bei Ariel, gespielt von Sängerin und Tänzerin Julianne Hough. Deren blaue Strahleaugen sind das einzige Glanzlicht einer ansonsten unglücklichen Darbietung einer im Script vergeigten Rolle. Während Ariels rebellischer Freigeist mit Aussteigerdrang im Original noch gut rüber kam, ist sie nun nur noch eine verzogene Karikatur, wenn sie nicht gerade die Schlampe vom Dienst geben muss, was auch immer das im „Postmodern-Retro“ Empfinden dieses Films bedeuten mag. Statt tatsächlicher Ideale, geht Ariel hier nur auf Konfliktkurs zu ihrem Daddy. Weil darum. Und so quält man sich mit ein paar netten Figuren durch einen Film, den man schon kennt, mit teilweise exakt 1:1 deckungsgleichen Szenen und genau so halbherzigen zwischen Wiederholung und Modernisierung pendelnden Songs. Nahezu sämtliche Lieder sind auf die eine oder andere Art wieder in den Film gepresst. Und Bonnie Tylers „Holding out for a hero“ gleich zwei Mal zu vergeigen ist schon ein starkes Stück. Statt mit Witz und Ironie an die überkandidelte Prämisse zu gehen, vielleicht mit ein bisschen bewusst trashigem Pop-Charme, wird mit aller Macht versucht, die exakt übernommene Story hip und modern zu machen. Nur mit ein paar Tanznummern mehr, die immerhin schmissig inszeniert sind. Das mag dem jungen Zuschauer dieser Tage reichen, insbesondere wenn das Original unbekannt ist, sollte es aber nicht. Herausgekommen ist ein irgendwie schaubarer, aber lebloser Haufen Aufgewärmtes für ein in der Form nicht vorhandenes Publikum.

Fazit:
Eine annähernd deckungsgleiche Kopie des 80er Originals, dessen kaum vorhandenen eigenen Ideen und ein paar nette Tanzszenen auch nichts retten. Eine faule Wiederholung eines nicht mehr zeitgemäßen Konzepts, das heute im günstigen Fall albern, meist aber nur peinlich ist. Die meisten Figuren sind weiterhin ganz nett, aber mit dem Original ist man in jedem Fall besser beraten.

4/10

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.

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