BG Kritik: „Friedhof der Kuscheltiere“ (2019)

6. April 2019, Daniel Schinzig

Familie Creed zieht in ein Haus im ländlichen Ludlow. Für den ehemaligen Notaufnahme-Arzt Louis die Chance auf ein ruhigeres Leben und mehr Zeit mit seiner Frau Rachel, der achtjährigen Tochter Ellie und Sohn Gage. Dass zum neuen Grundstück offensichtlich ein Haustier-Friedhof gehört, auf dem regelmäßig Rituale abgehalten werden, stört die Neuankömmlinge zuerst wenig. Doch als Kater Church vor dem Haus überfahren wird, überredet Nachbar Jud Familienvater Louis, den Tierkadaver tief im nebligen Wald zu vergraben. Einen Tag später kehrt das geliebte Fellknäuel quietschlebendig zurück. Aber irgendwas ist anders…

Maskenball ist überall. Ich würde solche Kinder ja von meinem Grundstück verscheuchen…

© Paramount Pictures

Friedhof der Kuscheltiere (USA 2019)
Originaltitel: Pet Sematary
Regisseure: Kevin Kölsch, Dennis Widmyer
Cast: Jason Clarke, John Lithgow, Jeté Laurence

Kritik:
Manchmal ist Halloween, auch wenn gar nicht Halloween ist. Dann schreitet man durch einen dunklen Wald, der Nebel kriecht unheilvoll über den Boden und scheint zeitweise nach einem zu greifen. Beunruhigende Schreie hallen durch die sich im Wind bewegenden Bäume. Unwirkliche Blitze malen verzerrte Fäden in den Nachthimmel, untermalt von Donner, der gemeinsam mit einem tiefen, brummigen Basston eine akustische Symphonie des Wahnsinns eingeht. Wenn wir uns in so einer Situation wiederfinden, haben wir entweder ein Halloween-Event in einem Freizeitpark besucht – oder ein Kinoticket für die filmische Neuinterpretation von Stephen Kings Erfolgsroman „Friedhof der Kuscheltiere“ gelöst.

Der nächtliche Check zeigt: Alle Nebelmaschinen funktionieren.

© Paramount Pictures

Das Regie-Duo Kevin Kölsch und Dennis Widmyer macht es sich leicht und setzt von der ersten Sekunde an alle filmsprachlichen Hebel in Bewegung, um dem Zuschauer klar zu machen: „Ihr schaut einen Horrorfilm, also fürchtet euch!“ Schon wenn Filmtochter Ellie das erste Mal die Waldlichtung mit den Haustiergräbern und der wuchtigen Grenze entdeckt – eine an sich harmlose Szene, in der das Mädchen lediglich leichtes Unbehagen aufgrund des mysteriösen Ortes verspürt – inszenieren die Regisseure dieses Ereignis, als ob jede Sekunde die Gespenster aus der Erde hüpfen. Kamerafahrten, subjektive Perspektiven, der Blick des Mädchens, die Schnitte – alles schreit regelrecht in den Kinosaal, wie sich das Publikum gefälligst zu fühlen hat. Dazu kommt noch der Score von Christopher Young, der bereits während dieses Expositions-Augenblicks die Kinosessel zum Vibrieren bringt vor lauter basslastiger Unbehaglichkeit für die Ohren.

Keine Frage: Die Filmemacher verstehen ihr Handwerk. Die Atmosphäre ist dicht, die Jump-Scares sitzen, das Sounddesign ist conjurig. Einige Szenen bieten wunderbar eklige Maskenarbeit, entstellte Körper und blutige Wunden. Andere verbreiten durch klischeehafte Horror-Bildsprache eine leicht pulpige Atmosphäre. Wer sich drauf einlässt, bekommt ein wirkungsvolles Horrorerlebnis. Doch kommt bei genauerem Hinsehen schnell die Frage auf: Ist der gewählte Inszenierungsansatz überhaupt der Richtige? Oder wird dadurch der wahre Schrecken, den der Stoff in sich trägt, mit lautem Jahrmarktsbombast übertönt?

Vielleicht hat Hundetrainer Martin Rütter ja einfach Recht und Katzen sind ziemlich große Arschlöcher…

© Paramount Pictures

Denn eigentlich werden hier Themen ins Spiel gebracht, die ohne unnötige Effekthascherei noch viel tiefer unter die Haut gehen würden: Der Umgang mit dem Tod, Urängste von Eltern, Schuldgefühle. Doch persönliches Drama wird nur gestreift, dient als Aufhänger für den nächsten Geisterbahn-Trip, statt näher beleuchtet zu werden. Und das ist umso tragischer, da es in der zweiten Filmhälfte Momente gibt, die eine Ahnung von dem geben, was möglich gewesen wäre. Hier wird das widmyer-kölsche Gruselkabinett unterbrochen durch psychologischen Horror. Unbehagen wird ausgelöst durch die Situation, das Gesagte und das Schauspielerische, nicht durch grobschlächtiges Getöse. Bevor es mit Erschreckern und Blut weitergeht, geben einige Minuten lang die leisen Töne dem neuen „Friedhof der Kuscheltiere“ eine ungeahnte Qualität.

Diese hochwertigen Minuten werden im Gedächtnis bleiben. Sowohl als Beispiel für hervorragend gelungenen psychologischen Horror, als auch als bittersüße Erinnerung daran, wie gut „Friedhof der Kuscheltiere“ hätte werden müssen. Auch so werden sich viele an dem gebotenen Grusel erfreuen, auch so stechen einige interessante Änderungen gegenüber Buchvorlage und erster Verfilmung hervor, auch so überzeugen die Darsteller, allen voran Jeté Laurence, Jason Clarke und John Lithgow. Aber es lässt sich nicht verdrängen: Hier bleibt viel Potenzial vergraben. Und statt großer Horror-Kunst bekommen wir doch nur eine anspruchslose Halloween-Attraktion.

Kurz und Knapp:
„Friedhof der Kuscheltiere“ ist in der 2019er Variante ein durch und durch solider, handwerklich gut gemachter Gruselschocker. Seine Wirkung verdankt er zum Großteil aber altbekannten, recht faulen inszenatorischen Tricks. Mit mehr Raffinesse, Subtilität und Mut hätte etwas weitaus Besseres, das auf wesentlich tiefgreifender Ebene mit unseren Ängsten spielt, entstehen können.

6/10