BG Kritik: Birds of Prey – The Emancipation of Harley Quinn

11. März 2020, Christian Mester

Das facettenreiche Fiasko von Jokers Freundin? Die Trailer versprachen was herrlich Farbenfrohes, Verrücktes, doch wie schon bei „Suicide Squad“ verkaufte er eigentlich was anderes, vermutlich weil man wieder gemerkt hat, dass das Ergebnis nicht genügt. Margot Robbie ist zwar nach wie vor entzückend als gagaesker Derwisch und Ewan McGregor als schleimiger Choleriker mit schwarzer Skullmaske ein brauchbares Ekel für die Gegenseite, aber so wirklich zusammenpassen will da nicht viel. Birds of Ney?

© Warner Bros GmbH

Birds of Prey (and the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn) (USA 2020)
Regie: Cathy Yan
Darsteller: Margot Robbie, Ewan McGregor, Mary Elizabeth Winstead

Harley Quinn war fraglos das beste an „Suicide Squad“, und da „Wonder Woman“ schon gefeiert wurde, war es zweifellos Zeit für ein neues Comic-Abenteuer. Dieses Mal mit einer ganzen Gruppe an neuen Frauencharakteren, die wie kleine Vögelchen um Quinns quirlige Weltsicht herumzwitschern. Und wieso auch nicht? Harley Quinn, erfunden für das legendäre „Batman: The Animated Series“, ist eine tolle Comicfigur. Athletisch agil, vollkommen durchgeknallt, dem Joker loyal bis zum Tod, aber auch tückisch wie eine Kobra, selbstverliebt und ebenso dumm wie hochbehabt. Wie kann man daraus keinen guten Film machen?

Und Robbie selbst bleibt sogar irre unterhaltsam. Leider weiß der Film nichts wirklich mit ihr anzufangen. Sie hat sich vom Joker getrennt? Schulterzucken, who cares? Die halbe Welt will sie töten? Lästig, aber unwichtig. Also geht man guter Dinge auf Klau-Kurs und versucht was abzustauben. Eins der Probleme ist es schon, dass es um schier nichts geht.

Als Origin der Birds of Prey Heldenkombo scheitert der goldene Käfig daran, dass alle vier Raubvögel blass bleiben. Rosie Perez als toughe Polizistin wird von keinem ernstgenommen und ermittelt schauspielerisch in irgendeiner CSI Serie; Mary Elizabeth Winstead als Huntress soll cool sein, ist aber lahm gestaltet und hat nicht eine einzige nennenswerte Auftrittsszene, ist mehr „Blade: Trinity“ als „Blade“; Jurnee Smollett-Bell als Mutantin (Professor X ruft „nachsitzen!“) Canary sieht interessant aus, doch ihre Zweifel an den Taten ihres Chefs bleiben unserviert, und Ella Jay Basco ist eine 14jährige Diebin, die gern klaut und, tja, nur darüber definiert wird. Harley bekommt es mit allen zu tun, aber niemand hat Wirkung auf den anderen, geschweige denn irgendeiner auf Harley. Direkt zu Beginn deklariert sie ihre Freiheit von Männern, um den ganzen Rest des Films über bloß kichernd „Girls Just Wanna Have Fun“ zu zelebrieren. Teilweise funktioniert das sogar, etwa, wenn Sie sich als Haustier eine ausgewachsene Hyäne kauft oder sich immer wieder mit anderen Gangstern anlegt.

Brauchbar sind auch einige der Actionszenen, in denen Harley akrobatisch Polizisten und Gangster verdrischt und ihnen Konfetti ins Gesicht ballert, was 1A zur Figur passt und Spaß macht. Das Problem ergibt sich jedoch nicht in derartigen Details, sondern im Blick auf das größere Ganze um sie herum. Für einen seichten Funtrip hat „Birds of Prey“ vor allen Dingen wesentlich zu wenig Humor in petto, so wie es zurzeit selbst der „Sonic“ Kinostreifen besser hinbekommt. Eigentlich hätte es wie bei „Deadpool“ ausfallen müssen, aber soweit will „Birds“ nicht gehen, weiß aber ansonsten auch nicht, was er genau sein will. Als mitreißender Girlpower-Frauenfilm bleibt vor allem das Team zu uninteressant, als Harley Film ist zu wenig von ihr drin, und das was man von ihr sieht, bleibt unbehandelt. Die Regisseurin hat kein Interesse daran, Harleys Psyche oder Werdegang oder die Bedeutung ihrer Emanzipation zu beleuchten und zeigt immer nur Ansätze von dem, was in ihrem Kopf los ist, etwa, wenn sie sich eine Musicalsequenz vorstellt oder sie die Erzählreihenfolge durcheinander wirft.

(c) Warner Bros.

Dass der Film im Vergleich zu den anderen DC Filmen spektakeltechnisch sehr mickrig ausfällt, ist zum einen löblich. Andererseits bleibt der bittere Beigeschmack, dass der gesamte Film nach Sparprogramm ausschaut. Was im Trailer noch als visuell anregend verkauft wurde, ist im Film relativ spärlich eingesetzt. Vieles werkt merklich klein, auf Serienniveau. In „Suicide Squad“ war es der Fehler, das Team gleich gegen eine globale Gefahr antreten zu lassen – hier wiederum ist es zu klein geraten. Insbesondere der Showdown enttäuscht, obwohl er in einem alten Vergnügungspark angelegt ist. Der halb so teure „John Wick 2“ zeigte beispielsweise, wie viel interessanter man ein Spiegelkabinett einsetzen kann. Auch weiß der Film nicht so recht, wie er mit Gewalt umgehen soll. Die Kampfszenen beschränken sich auf meist blutloses Gekloppe – wenn geschossen wird, dann ungefährliche Gummigeschosse. Andererseits jedoch lässt Harley ihre Hyäne unliebsame Menschen essen und zeigt relativ wenig Empathie für die Schmerzen oder Tode anderer. Der Film will teilweise badass Tarantino sein, traut sich das aber nicht. Man traute sich schlicht nicht, sie so böse zu zeigen, wie sie eigentlich ist.

Dass Jared Letos Joker außen vor blieb, stört nicht sonderlich, hilft allerdings auch nicht. Warum die Rolle nicht im Film ist, hat mehrere Gründe. Da wäre die Tatsache, dass ein Leto Joker Film den Joaquin Phoenix Film gestört hätte – auf den hatte man lieber gesetzt, was das Einspiel und die gewonnenen Preise als gute Wahl bestätigten. Da wäre der Fakt, dass Letos Joker generell eher schlecht ankam, und Leto ein Oscar-Gewinner und Musikstar ist, der sicherlich darauf bestanden hätte, dieses Mal eine ebenbürtige Hauptrolle zu spielen, nachdem man ihn beim letzten Film so wegrationalisiert hatte.

Joker-Darsteller hin oder her, doch sein Fehlen fällt inhaltlich auf. Im Finale des letzten Films bricht er heroisch in ein Gefängnis ein, um sie zu befreien – hier ist er gar nicht zu sehen. Die Trennung geschah offscreen, und das fühlt sich wie eine billige Erklärung an, wieso man plötzlich einen anderen Ausgangspunkt hat. Ein bisschen wie beim letzten „Star Wars“, wo es mal eben plötzlich hieß, ach ja, der Imperator lebt übrigens doch noch und hat wieder einen Masterplan, der übrigens fast fertig ist. Vielleicht war es den Machern wichtig, dass Harley nicht nur primär „die Freundin vom Joker“ ist – aber das ist sie nun mal. Natürlich kann sie auch alleine agieren, aber eben weil sie ebenso durchgeknallt wie der Joker ist, weil sie ihn trotz all seiner Aktionen und seinen oft unfairen Aktionen ihr gegenüber liebt, und weil er ihre Identität definiert hat, kann man ihn nicht einfach komplett weglassen. Auch sollte man meinen, dass der Joker interagieren würde, wenn er mitkriegt, dass alle Gangster der Stadt Kopfgeldjagd auf sie betreiben.

Fazit:
Der Film ist der „Gwen Stefani macht plötzlich Popmusik“ des Comic-Films. Bunt und bemüht, teils sympathisch und catchy, nie sonderlich gravierend schlecht und besser als „Suicide Müll“, aber doch unauffällig banal und wenig denkwürdig. Sorry Warner Bros, aber wir brauchen wohl noch einen Versuch, bis wir einen guten Film mit Harley Quinn haben.

5/10

Autor: Christian Mester

Dieser Filmenthusiast (*1982) liebt es, manchmal auch mit Blödsinn, Leute für Filme zu begeistern. Hat BG im Jahr 2004 gegründet und ist dann für Pressevorstellungen, Interviews und Premieren viel rumgereist, hat als Redakteur u.a. für GameStar geschrieben, war dann mal Projektleiter in einer Werbeagentur mit Schwerpunkt dt, Kinostarts und - schaut gerad vermutlich schon wieder was.

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