Treasure Tuesday Spezialkritik: „Excalibur“ (1981)

22. September 2020, Christian Westhus

Wer jüngst „Cursed: Die Auserwählte“ bei Netflix angefangen hat und sich fragt, wo der Spaß noch hinführen könnte, oder wer nach „King Arthur: Legend of the Sword“ Lust auf die komplette Legende hatte, dürfte seine Freude mit John Boormans „Excalibur“ (1981) haben. Unser heutiger Treasure Tuesday Tipp. Jeden Dienstag auf Erkundungstour gehen. Wir stöbern nach vergessenen Filmen, unterschätzten Filmen, alten Filmen, fremdsprachigen Filmen. Nach Filmen die sich lohnen, auch wenn gerade nicht die halbe Welt über sie spricht.

© Warner Home Video

Excalibur
(USA, UK 1981)
Regie: John Boorman
Darsteller: Nigel Terry, Nicholas Clay, Nicol Williamson, Helen Mirren, Gabriel Byrne u.a.

Was ist das für ein Film?
Regisseur John Boorman nimmt sich der klassischen Artuslegende an. Zusammen mit Drehbuchkollege Rospo Pallenberg, mit dem Boorman schon seinen größten Erfolg „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972) schrieb, gehen sie die Legende um König Artus bzw. King Arthur ganz traditionell an, ohne dabei auf Unterhaltungs- oder Schauwerte zu verzichten. Konsequenterweise nahm man Sir Thomas Malorys „Le Mort d’Arthur“ zur Grundlage, einem im 15. Jahrhundert erstellten erstmaligen Komplettwerk der Legende. Und so findet sich hier auch alles, was man von König Artus erwartet: Merlin, Uther Pendragon, die Herrin vom See, das Schwert im Stein, und der Junge, der das Schwert herausziehen kann, um neuer König zu werden. Wir haben Camelot, die Ritter der Tafelrunde, die gefährliche Anziehung zwischen Guinevere und Lancelot, haben Morgana und den Gral.

Versionen der Artussage gab und gibt es in der Filmgeschichte zu Hauf. Erst kürzlich versuchten Warner Bros. mit „King Arthur: Legend of the Sword“ (2017) eine großbudgetierte und „coole“ neue Filmreihe mit reichlich Fantasy loszutreten. Ein Sechsteiler hätte es werden sollen, doch als der erste Film an den Kinokassen floppte, wurden weitere Filme eingestellt. „Legend of the Sword“ wollte hip, cool und modern sein, statt einfach „nur“ episch zu sein. Ganz aktuell wagt sich Netflix mit „Cursed: Die Auserwählte“ in Serienform und mit anderer Perspektive an den Artusstoff heran, erzählt die Vorgeschichte mit König Uther, Magier Merlin und einem jungen Arthur, folgt aber eigentlich der von Katherine Langford gespielten Nimue, die über kurz oder lang zur Herrin vom See werden soll. Die Sage ist also noch immer lebendig und aktuell, doch abgesehen von der parodistisch-satirischen Sezierung durch „Die Ritter der Kokosnuss“ (1975) gibt es womöglich nur eine wirklich relevante Filmversion des Stoffs, nämlich diese hier.

Warum sollte mich das interessieren?
Es gibt einen Grund, warum diese Geschichten Jahrhunderte überdauert haben und auch heute noch nicht bloß nacherzählt, sondern neu erzählt werden. Die Artussage ist Mythologie und somit durchzogen von klassischen Motiven und Versatzstücken, die sich schon in Erzählungen aus dem antiken Griechenland wiederfanden. Oder mit anderen Worten: Joseph Campbell hätte bzw. hatte seine helle Freude an König Artus. Es ist nicht nur die Grundstation von Artus als klassischer Held, als Heros, sondern es sind auch kleinere Details. So haben wir gleich doppelt Verwandlungen und falsche Identitäten, die zu Nachkommen führen. Und spätestens die Suche nach dem Gral und die Begegnung eines Ritters mit Morgana erinnern an Odysseus, an seine Irrfahrt und die Begegnung mit Magierin Circe.

Diese Elemente sind von besonderem Interesse für Regisseur Boorman. Sein Film erforscht nicht nur innerhalb von Artus die Polarität zwischen Mensch und Legende, dem Sterblichen und dem Auserwählten, sowie der Berührungspunkte dazwischen. Trotz eines gelegentlich herumulkenden Merlins ist „Excalibur“ ein ernster, ernsthafter und auch harter Film, der keine falsche Scheu vor den magischen Elementen der Legende hat. Im Gegenteil; diese Details sind mindestens ebenso wichtig wie die klassischen Archetypen und Motive der Erzählung. Alles was Spaß macht an der Legende wird hier konsequent aufgegriffen und narrativ verwoben. „Excalibur“ vergisst keineswegs, auch einfach nur ein wunderbar schepperndes Fantasyabenteuer mit Rittern zu sein. Fast folgerichtig setzt Boorman auf Orffs „Carmina Burana“, natürlich auf die „O Fortuna“ Passage, das epischste und „Metal-igste“ Stück mittelalterlichen Chorgesangs überhaupt. Und Apropos „Metal“ bzw. Metall: Die blankgeputzten, prächtigen Rüstungen, die selbst im finstersten Wald funkeln und glänzen, sind ein absoluter Knüller. Dies scheint der Schlüssel zum Erfolg für „Excalibur“, warum dieser Film noch heute eher lohnt als fast alle übrigen King Arthur Versionen: auf der etablierten epischen Grundlage der klassischen Legende ist der Film ohne auffällige post-moderne Mätzchen ein krachendes und stark bebildertes Mittelalter-Rittergetümmel. Keine ausgedehnte Origin-Story, die erst in Film 3 von 6 (oder so) dort ankommt, wo die allermeisten Zuschauer von Minute 1 an hinwollten.

„Excalibur“ ist auf DVD/BD erhältlich und bei allen größeren Anbietern digital leih- und kaufbar.

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Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.

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