BG Kritik: „Sleeping Beauty“ (2011)

21. Juli 2019, Christian Westhus

Nein, dies ist keine Dornröschen Geschichte. Jedenfalls nicht direkt: Die junge Studentin Lucy (Emily Browning) nutzt die unterschiedlichsten Jobs und Aktionen, um sich in ihrer Studienzeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Durch eine Annonce gerät sie an eine mysteriöse Agentur, in der junge Frauen erotische, aber nicht sexuelle Dienstleistungen ausüben.

Sleeping Beauty
(Australien 2011)
Regie: Julia Leigh
Darsteller: Emily Browning, Rachael Blake, u.a.
Kinostart Deutschland: 09. März 2012 (DVD)

(Diese Kritik erschien im Rahmen der Kritikenreihe Treasure Monday, ursprünglich veröffentlicht im April 2015.)

Das Regiedebüt der australischen Romanautorin Julia Leigh spaltete seinerzeit in Cannes die Gemüter und Kritiker. Eine Reaktion, die nur zu verständlich ist, die jedoch nicht abschrecken sollte. Leigh stellt sich der Filmwelt als kühle, distanzierte Formalistin vor. Ihre in klaren Linien gleitende und wohlüberlegt schwenkende, zumeist aber fest verankerte Kamera erforscht das Umfeld vor sich und präsentiert es in einer formschönen, aber affektlosen Symmetrie, die auch einen Michael Haneke ein anerkennendes Nicken abverlangen würde. Leigh untersagt sich und damit dem Publikum eine Dramatisierung und unterbindet dadurch die Emotionalisierung ihrer Hauptfigur. Wir sind passive Beobachter einer jungen Studentin namens Lucy, die uns als Hauptfigur in einem Film präsentiert wird, der Lucy regelmäßig auf Bildschirmen oder über Kameras zeigt.

Schnell wird uns jedoch deutlich, dass diese inszenatorische Kälte zu Hauptfigur Lucy passt. Auch Lucy gleitet gleichförmig und überwiegend teilnahmslos durch die Welt, zeigt ihrer Umwelt ein höfliches Minimum an menschlichen Reaktionen, bleibt jedoch die meiste Zeit über verschlossen und damit ein Rätsel. Wir wissen nicht, was Lucy antreibt, was sie zu ihren Jobs führt, wie sie ihr Leben nach dem Universitätsabschluss sieht. Wir wissen dies alles nicht, sind jedoch schon ohne Julia Leighs Einfluss darauf getrimmt, es herausfinden zu wollen. Und genau da packt uns Leigh und führt uns herum, hält uns hin und Informationen zurück; häufig auch bis über das Ende des Films hinaus.

© Capelight

„Sleeping Beauty“ ist ein Film, der sich komplett seiner eigens geschaffenen Ambiguität unterwirft; die undurchsichtige, wechselseitige und teilweise bewusst widersprüchliche Welt der Hauptfigur, einiger Nebenfiguren, der Agentur, in der Lucy bald arbeiten wird, wie auch der Undurchsichtigkeit der Inszenierung. Julia Leigh wirft Fragen auf und ist nicht daran interessiert, uns am Ende mit einem vollen Sammelband simpler Antworten zu entlassen. Emily Browning spielt Lucy äußerst reduziert, in sich gekehrt und geheimnisvoll, beinahe charakterlos, doch nie leblos. Wir werden nie den Verdacht los, dass unter Lucys teilnahmsloser Fassade etwas schlummert, und es ist Browning zu verdanken, dass dieser Eindruck Bestand hat. So sehen wir Lucy bei ihrem Alltag, wie sie in der Vorlesung sitzt und ihren diversen Teilzeitjobs nachgeht. Lucy verkauft sich, verkauft ihre Zeit an eine Bar und ein Büro, wo sie als Kopierhilfe eingestellt ist, verkauft ihren Körper zu Testzwecken an Medizinstudenten und für Sex an zahlungswillige Männer. Es ist eine Routine in allem, was Lucy macht, eine emotionale Distanz, die ihr gesamtes Wesen umgibt. Wir gehen davon aus, Lucy sei eine motivierte, aber finanziell knappe Studentin, die von ihrem Vermieter wegen Geld und von der Uni wegen Zeit unter Druck steht und dafür eine Vielzahl Opfer bringt.

Doch natürlich ist alles nicht so simpel, wie es zunächst aussieht. Lucy entdeckt die Annonce der Agentur, verfolgt mit Neugierde die kryptischen Hinweise und scheint bald, ohne dem spürbar Ausdruck zu geben, fasziniert von dieser Subkultur aus Unterwäschekellnerinnen und narkotisierten Nackten. Julia Leighs Inszenierung lässt uns nie sicher wissen, wie wir gewisse Szenen einzuschätzen haben. Stattdessen gibt sie uns Hinweise, wie wenig es Lucy um Geld geht, und vage Andeutungen über die Mutter, einen Ex-Freund und Lucys ungewöhnliche Freundschaft zu einem einsamen Alkoholiker namens Birdman. Hin und wieder sehen wir echte menschliche Reaktionen in Lucy. Sie ist kein in Stein gemeißeltes, ewig erstarrtes Gesicht, auch wenn Emily Brownings zerbrechliche Porzellanschönheit – wohl ganz bewusst – dieses Gefühl verstärkt. Wir sehen oder vielmehr ahnen, dass hinter Lucys kühlem Blick etwas ruht das nun, da sie durch die Agentur ganz symbolisch in einen Schlaf gebracht und wie eine Tote aufgebahrt wird, langsam erwacht. Es ist leicht zu sehen, dass Leigh der Objektivierung und Selbst-Objektivierung von Frauen auf der Spur ist, wie sie Lucy explizit und auf vielfältige Weise zu einem veränderbaren, vielseitig einsetzbaren Ding macht. Das ist spannend und von bis heute zeitloser Relevanz, jedoch scheint es nur ein großer von vielen Faktoren in diesem Film zu sein, dessen umwerfender und mitreißender Schluss uns fasziniert fragend und ein wenig verloren zurücklässt. So verloren, wie seine Hauptfigur.

Fazit:
Kalt, langsam und befremdlich, aber auch enorm faszinierend, nicht zuletzt dank einer hervorragenden Emily Browning in der Hauptrolle.

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.

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