BG Kritik: „Anna und die Apokalypse“

6. Dezember 2018, Daniel Schinzig

Highschool-Schülerin Anna träumt davon, nach ihrem Abschluss die Welt zu bereisen, Erfahrungen zu machen, die große Freiheit zu genießen. Ihr alleinerziehender Vater jedoch ist damit überhaupt nicht einverstanden. Und auch ansonsten gibt es in Annas Freundeskreis so einige typische Teenie-Probleme: Schule nervt. Gefühle spielen verrückt. Überhaupt ist die ganze Welt unfair. Und dann tauchen auch noch Zombies auf. Da hilft nur eins: Singt um euer Leben!

@ Splendid Film

Anna und die Apokalypse (UK 2017)
Originaltitel: Anna and the Apocalypse
Regisseur: John McPhail
Cast: Ella Hunt, Malcolm Cumming, Paul Kaye

Kritik:
Die Filme von Edgar Wright leben vor allem von ihrer grandiosen Filmsprache, durch die nicht selten Komik und Narration vermittelt wird. Schnelle Zooms auf Gesichter und Gegenstände, gut durchdachte Schnitte, dazu noch übertriebene, die mechanisch anmutenden Bewegungen der Kamera unterstreichende Geräusche. Es liegt irgendwo auf der Hand, dass sich Regisseur John McPhail für Anna und die Apokalypse an Wright orientiert, der mit Shaun oft the Dead schließlich eine der bekanntesten Komödien rund um die wandelnden Toten inszeniert hat. Und es ist bezeichnend, dass er sich den wright’schen Stil lediglich in zwei, drei Momenten zu eigen macht, ihn in anderen Szenen wiederum ganz fallen lässt. Das entlarvt eine Szene wie das morgendliche Aufstehen von Anna, eingefangen in schnell hintereinander geschalteten Close-Ups der Aus-dem-Bett-komm-Routine inklusive einer komischen Brechung – Hallo, Shaun – als eine seelenlose Kopie. Und wenn Anna fröhlich singend mit Kopfhörern auf dem Kopf über die Straße tanzt und nicht wahrnimmt, wie ihre Nachbarn von zähnefletschenden Menschenfleischfressern verspeist werden, erinnert auch das an eine Musicalversion von Shaun, der damals gähnend seiner Alltagsroutine nachging und nichts von der Katastrophe um ihn herum wahrnahm.

„Nun, dann hat McPhail an einigen Stellen etwas genauer bei Shaun hingeschaut. Na und?“, wird sich jetzt der ein oder andere fragen. Nur leider ist das gar nicht so „Na und“ wie man eventuell meinen könnte. Denn es offenbart ein Grundproblem von Annas Weltuntergang: Oft hat man als Zuschauer das Gefühl, der Film wisse nicht so recht, was er sein will. Hüpfen die Darsteller in den anfänglichen Musicaleinlagen noch übertrieben wild durch die Gegend, was in Verbindung mit einigen epischen – also die Fiktion offenlegenden – Momenten den Genre-Beitrag wunderbar in die Nähe einer liebevollen Parodie verortet, kommen andere Gesangspassagen überraschend ernst daher, streifen selten sogar die Grenze zum Kitsch. Nicht nur, wenn es musikalisch zugeht, zeigt sich diese Uneinheitlichkeit. Generell fallen immer wieder sehr gestellt wirkende Szenen auf, die abgelöst werden von ernst gemeinten. Mal soll unser Herz bei Problemen und Gefahren kalt bleiben, dann wieder schneller schlagen. Mal sind die Figuren als reine (komische) Stereotypen angelegt, im nächsten Moment sollen wir sie ernst nehmen.

@ Splendid Film

Um bei dem Vergleich mit dem Genre-Primus zu bleiben: Auch die Stimmung in Shaun of the Dead kippt spätestens im Finale in die Ernsthaftigkeit. Doch hier funktioniert das hervorragend, weil in den vielen komischen Augenblicken zuvor schon immer auch das Ernste mitgedacht wurde. Der Übergang wurde vorbereitet, die Atmosphäre war von Beginn an stringent und leicht beunruhigend. Anna und die Apokalypse jedoch fühlt sich gespalten an, gibt uns mal ein solches, dann ein anderes Gefühl. Als ob Elemente aus verschiedenen Vorbildern visionslos in den eigenen Zombie-Cocktail übernommen wurden.

Und ja: Visionslos ist vielleicht genau das richtige Wort. Denn je länger der Film läuft, desto mehr drängt sich der Gedanke auf, dass das kreativste der Filmemacher die Grundidee selbst war: Der Mix aus High-School-Musical und Zombie-Horror. Doch gefüllt wurde diese Hülle mit einer Handlung, die sich oft nach pflichtbewusstem Abhaken typischer Zombiefilmmomente, inspirationsloser Splattereinlagen und etwas Gesellschaftskritik anfühlt, immer wieder unterbrochen von einigen Glückstreffern.

Warum es sich trotzdem lohnt, sich Anna und die Apokalypse anzuschauen? Zuerst einmal: Es ist ein gottverdammter High-School-Zombie-Musical-Film, der nicht vollkommen scheiße ist! Da geht man als Fan des High-School-Zombie-Musical-Genres rein, keine Ausrede! Ansonsten: Die Choreografien sind in ihrer Überdrehtheit und gelegentlichen bewussten Amateurhaftigkeit mitreißend, die Popsongs bieten vielleicht nicht unbedingt Ohrwurm-qualität, aber dröhnen mächtig und wissen zu gefallen. Und trotz all der Probleme ihrer Darstellung: Irgendwo schauen wir den Figuren doch gerne zu. Denn auch, wenn nicht wirklich etwas daraus gemacht wird, ist es doch kurzweilig, die typischen Highschool-Film-Stereotypen durch die Zombieapokalypse stolpern zu sehen: Das obercoole Alphamännchen der Schule hat natürlich auch im Weltuntergangsszenario alles unter Kontrolle und Spaß daran, sich (singend) durch Horden von Untoten zu kämpfen. Annas bester Freund John leidet natürlich auch im Angesicht von infizierten Menschen an der unerwiderten Liebe der Titelheldin. Und das Traumpaar des Schulhofs kämpft natürlich darum, den jeweils anderen wiedersehen zu können. Wohin es die Figuren am Ende führt, ist dann auch ganz nett und folgerichtig. Aber leider bleibt auch das wieder zu sehr an der Oberfläche.

@ Splendid Film

Ein wirkliches Highlight findet sich dann aber in der Figur des Schuldirektors Savage (Paul Kaye), der schon zu Beginn übertrieben herrschsüchtig wirkt und später herrlich durchgeknallt agieren darf. Die Musical-Einlage im Finale mit ihm ist mit Sicherheit einer der darstellerischen Höhepunkte. Nur über eines lässt auch dieser Glanzmoment nicht hinwegsehen: Dass Anna und die Apokalypse am Ende ein Zombie-Musical geworden ist, in dem die Untoten nicht ein einziges Mal singen oder tanzen dürfen. Eine vertane Chance, die fast so sehr schmerzt, wie ein Zombiebiss in die Weichteile.

Fazit:
John McPhails Zombie-Musical ist kein Fail, aber es gibt genug Momente, an denen noch hätte gefeilt werden müssen. Zu sehr ruht sich Anna und die Apokalypse auf seiner reizvollen Grundidee aus, findet dabei aber nie zu einem eigenen, einheitlichen Ton.

5,5/10

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