BG Kritik: „True Grit“

26. Januar 2011, Christian Mester

Mattie (Hailee Steinfeld) ist gerade einmal vierzehn Jahre alt, als sie erfährt, dass ihr Vater von einem kaltblütigen Killer namens Chaney (Josh Brolin) getötet wurde. Erbarmungslos schwört sie Rache und sucht Hilfe bei einem ehemaligen Revolverhelden namens Reuben Rooster Cogburn (Jeff Bridges), der mittlerweile als einäugiger Alkoholiker und notorischer Faulenzer berüchtigt ist. Cogburn hält zunächst nichts von ihrer Bitte, doch als diese ihn unbeirrbar weiter nervt und zudem mit einer stattlichen Summe Geld lockt die er durchaus gebrauchen könnte, sagt er widerwillig zu.

TRUE GRIT (2011)
Regie: Joel / Ethan Coen
Cast: Jeff Bridges, Josh Brolin, Hailee Steinfeld

Kritik:
Kündigen die Regisseure, Autoren und Gebrüder Joel und Ethan Coen einen neuen Film an, so darf man sich in der Regel immer darauf freuen, da sie nahezu Garant für interessante, ausgefallene und gut gemachte Titel sind. Filme wie „The Big Lebowski“, „Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?“, „O Brother, Where Art Thou?“, „Fargo – Blutiger Schnee“ und „No Country for Old Men“ überraschten jeweils mit einfallsreichen Handlungen, schrägen Figuren und vielen denkwürdigen Szenen. Die Projekte untermauerten zudem, dass die Coens sowohl hinter ihrer Kamera, als auch an ihrer Schreibmaschine hervorragende Arbeit leisten können.

Für ihren neuen Film wechselten sie ins heutzutage leider nur noch selten besuchte Genre des klassischen Westerns und wagten sich darin an ein Remake eines John Wayne Klassikers. Ihr Film „True Grit“ ist eine Neufassung des Films „Der Marshal“ aus dem Jahre 1969, der der Genre-Ikone Wayne dessen einzigen Oscar einbrachte. Auf ähnliches spekuliert nun auch sein Nachahmer Jeff Bridges, der 2011 in derselben Rolle für den gleichen Preis nominiert ist; den gleichen, den er erst im letzten Jahr für das Country-Drama „Crazy Heart“ gewann. Darüber hinaus ist „True Grit“ noch für neun weitere Oscars nominiert, darunter auch für Bester Film des Jahres.

Eines der wichtigsten Elemente eines jeden guten Western ist es, jenes Gefühl vermitteln zu können, alleine, oder nahezu allein durch die schier unbeschreiblich große Gegend der Prärie zu reiten. Das Gefühl zu erwecken, dass man isoliert ist, dass hinter jeder nächste Ecke eine bedrohliche Gefahr lauern könnte und man völlig aufgeschmissen ist, verletze man sich weitab der Zivilisation. Ein Aspekt, den True Grit hervorragend umzusetzen weiß. Der Film erschlägt mit einer tollen, aber immer gefährlich wirkenden Naturkulisse, die die Spannung der Handlung effektvoll unterstützt. Die Konstellation der drei Helden hätte in anderen Händen womöglich unpassend ausfallen können, doch hier ist sie überaus gelungen. Das Mädchen überrascht mit einer starken Präsenz, die in unterhaltsamen Kontrast zum eher gelassenen alten Cowboy steht. Ihre Gegensätze und ihr Zwang, trotz allem miteinander arbeiten zu müssen, schafft eine oftmals lustige, interessante Bindung, die vor allem in den ernsteren Momenten zu greifen weiß. Der Ranger bekommt eher weniger zu tun, hält das ungleiche Team jedoch wie ein Band zusammen. Ihr Abenteuer ist mit merkwürdigen, gefährlichen und tödlichen Ereignissen gefüllt, das am Ende in einem klassischen, großen Shoot-Out endet. Insgesamt ist es ein eher sehr ruhiger Film, der in erster Linie durch starke Figuren und interessante Dialoge auffällt, und Action nur nebenbei anbringt.

Die Coens sind dafür bekannt, ein Händchen für gute Schauspieler zu haben und beweisen es hier einmal mehr. Allen vorweg reitet Hollywood-Titan Jeff Bridges, der aktuell sogar noch gleichzeitig in „Tron: Legacy“ in den Kinos zu sehen ist. Als ständig betrunkener Kauz ist er sehr authentisch und erinnert mit seiner zerrütteten Gelassenheit unweigerlich des Öfteren an einen alternden Dude. Auf unterhaltsame Weise zofft er sich mit seinen beiden eher ernsten Weggefährten, wobei besonders eine Wettschießerei mit Damons Ranger im Auge bleibt. Dafür, dass die junge Hailee Steinfeld hier gegen Kaliber eines Damon und Bridges anspielen muss, ist sie bemerkenswert. Glaubhaft zeigt sie immenses, wenn auch stets zerbrechliches Selbstbewusstsein, mit dem sie die Älteren gekonnt herum dirigiert. Ebenso gut ist die Seite der Bösen besetzt. Die Coens schielen ein wenig auf Spielbergs „Der Weiße Hai“ und sorgen dafür, dass Brolins Bösewicht, der Kern der Geschichte, ebenso wie Furchtfisch Bruce erst am Ende zu sehen ist. Es baut sich folglich eine große Spannung auf, die später effektiv genutzt wird. Brolin macht aus wenigen Minuten Leinwandpräsenz eine umfassende Rolle und wird dabei von Bandenanführer Barry Pepper („Battlefield: Earth“) unterstützt, der in herunter gekommender Maskerade kaum zu erkennen ist. Trotz der späten Ankunft der Bösen bleibt die Suche von Anfang bis Ende gefährlich, auch wenn Mattie anfangs größtenteils damit beschäftigt ist, ihr Team zusammenzuhalten. Die einzige merkliche Achillesferse des Films findet sich in seinen letzten Minuten, in denen der sonst so knörrige Western urplötzlich etwas sehr konstruiert wirkt und beinahe kurz davor steht, ein kitschiges Disney-Happey-End zu erleben.

Es handelt sich nur um wenige Minuten und endet auf der richtigen Note, doch im ansonsten exzellenten Film ist hier etwas Rost zu findet, der wirkt, als habe man etwas voreilig gehandelt. Von allen Coens ist „True Grit“ wohl am ehesten mit ihrem vor-vorletzten Titel „No Country for Old Men“ zu vergleichen, da sie sich farblich ähneln, eine relativ vergleichbare Stimmung einsetzen und es amüsanter Weise in beiden Filmen inhaltlich der Fall ist, dass Josh Brolin Unrechtes tut und daraufhin gejagt wird. Auffällig ist auch, dass „True Grit“ nicht ganz so hart ist. Es wird zwar nichts verharmlost, doch insgesamt ist der Ton des Films trotz unerbittlicher Jagd auf einen Mörder nicht völlig eiskalt. Im Vergleich zu anderen Western ließe sich dieser also eher zu „Open Range“ und „Todezug nach Yuma“, als zu „Erbarmungslos“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“ stellen; wenngleich dieser Aspekt eher irrelevant ist, sind es doch alles hervorragende Filme.

Fazit:
Das Coen Remake des John Wayne Klassikers ist ein hervorragender Western, der mit authentischen Figuren und stimmigen Bildern gelungen Atmosphäre schafft. Erwarten sollte man jedoch, dass es ein eher ruhigerer Vertreter des Genres mit Fokus auf Dramenaspekte ist. Es gibt zwar mehrere Shoot-Outs, doch der Schwerpunkt des Films liegt auf der Bindung zwischen altem Cowboy und mutigem Kind. Wer damit klar kommt, erlebt einen der besten Western der letzten Jahre.

8/10

Autor: Christian Mester

Dieser Filmenthusiast (*1982) liebt es, manchmal auch mit Blödsinn, Leute für Filme zu begeistern. Hat BG im Jahr 2004 gegründet und ist dann für Pressevorstellungen, Interviews und Premieren viel rumgereist, hat als Redakteur u.a. für GameStar geschrieben, war dann mal Projektleiter in einer Werbeagentur mit Schwerpunkt dt, Kinostarts und - schaut gerad vermutlich schon wieder was.

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