BG Kritik: „The Highwaymen“ auf Netflix

6. April 2019, Christian Mester

1934 zieht das junge Räuberpaar Clyde Barrow und Bonnie Parker bereits seit 2 Jahren stehlend und mordend durch die Staaten, der hiesigen Polizei irgendwie immer eine Nase voraus. Während das Paar in den Nachrichten gefeiert wird, beschließt der berühmte pensionierte Texas Ranger Frank Hamer (Kevin Costner), die gesuchten Übeltäter jagen zu gehen. Dafür holt er sich die Hilfe seines alten Partners (Woody Harrelson), der schon bessere Tage gesehen hat.

© Netflix

The Highwaymen (2019)
Regie: John Lee Hancock
Mit: Kevin Costner, Woody Harrelson, Kim Dickens

(Randinfo: Christian Mester hat Waterworld übrigens damals im Kino gesehen und ist bei der offiziellen Waterworld Stuntshow A Live Sea War Spectacle nass geworden)

Die Toten Hosen, Marilyn Manson, Beyonce, Serge Gainsbourg und Eminem haben über Bonnie und Clyde gesungen, und spätestens seit dem 60er Film mit Warren Beatty und Faye Dunawaye besteht das idolisierte Bild eines Pärchens, das sich gemeinsam Regeln widersetzt, sich nimmt, was es will und ständig auf der Flucht ist, verliebt bereit, in einem spektakulären Kugelhagel das Zeitliche zu segnen. „The Highwaymen“, endlich mal ein neuer markanter Film mit Kevin Costner, versucht das ganze Mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Costner spielt einen alteingesessenen Ex-Cop, der die Barrow Gang realistischer sieht und genau weiß, was sie hinterlassen. Gleichgültig, welche Persönlichkeiten oder Gefühle die notorischen Bankräuber haben mögen, sieht er überhebliche Kriminelle, die über hundert Überfälle begehen und Polizisten und Zivilisten kaltblütig erschießen – und so weiter machen werden und andere inspirieren werden, bis man sie gewaltsam stoppt. Also zieht er mit einem ganzen Stapel Waffen und seinem alten Partner los, die beiden zu finden.

Der Film bleibt dabei ausschließlich bei den alten Hasen, die mit ihren Zweiteilern und schicken 30er Wagen durch die Pampa fahren und zwischen Backwoods und schwarz Gebranntem ermitteln. Mag man Costner und Harrelson, mag man auch ihren Roadtrip, auf dem sie dezent übers Älter werden scherzen, den Wandel der Zeit beobachten und sich gegen junge, übereifrige Bundesagenten durchsetzen, die andere Herangehensweisen haben als die zwei cowboyartigen Urgesteine, die noch den Jahrtausendwechsel miterlebt haben. Man sei bald in der Lage, Telefongespräche abzuhören, wundert sich der alte Harrelson, wie das wohl funktioniere. Sonderlich gefordert werden die zwei nicht, brauchen sie aber auch nicht, da ihre typische Art hervorragend zu den Figuren passt und die zwei großartige Chemie haben.

© Netflix

Interessant ist, dass der Film die Ranger nicht selbst idolisiert. Sie haben keinerlei Freude an ihrem Job und sind auch nicht von Rache getrieben, sind weit trockener unterwegs als Clint Eastwood in Erbarmungslos oder Tommy Lee Jones in Auf der Flucht. Zwar werden sie von anderen als legendär bezeichnet, doch die zwei können kaum noch schießen, haben Blasen- und Rückenprobleme und mit Laufen haben sie es auch nicht mehr so. Dennoch haben sie Würde und eine gewisse Eleganz, überzeugen durch lange Jahre Erfahrung und sehen es als ihre Pflicht an, zu helfen. Sie haben das Gefühl, dass sie helfen können, obwohl sie wissen, dass es anstrengend ausfallen und hässlich enden wird. Sie sehen sich keineswegs als Helden und suchen keinen Ruhm, eher als pflichterfüllte Männer, die einen Job erfüllen, ein Problem lösen müssen.

Was das gesuchte Pärchen betrifft, wählt der Filme eine interessante kreative Entscheidung. Zwar sind sie hin und wieder zu sehen, aber nicht als typische Antagonisten oder gar Nebenfiguren. Die Kamera filmt sie meist so, dass sie nicht in den Vordergrund gerückt werden, distanziert sich von den Gesichtern. Der Film lässt keine Einblicke in ihre Persönlichkeiten. Sie bleiben wortkarge Raubtiere, die ihren Verfolgern immer wieder entwischen können und mysteriös bleiben. Zwar nicht cartoonig böse, aber die Entscheidung ist offensichtlich. Man will explizit zeigen, wie es für die Männer war, die diese zwei jagten – und die wussten nun einmal nicht viel über Barrow und Parker. Dabei lässt der Film aber auch den Freiraum, die Flüchtlinge trotzdem heroisieren zu können. Sie sprechen zwar kaum und agieren in erster Linie kriminell, doch der Reiz dieses jungen schmucken Pärchens und ihres Machttriebs kommt auch hier rüber. Keineswegs erhebt der Film den Zeigefinger um belehrend drauf hinzuweisen, dass sie falsch waren. Jedenfalls nicht in herablassender Weise, stattdessen bleibt er eher faktisch und verbindet es. Ja, sie waren erfolgreich und kamen lange davon und waren ein bemerkenswertes Pärchen – doch ja, sie waren auch selbstgefällige Mörder, die Unschuldige getötet haben, oft auch unnötigerweise – und jemand musste sie stoppen: die Highwaymänner.

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Regisseur John Lee Hancock, der bisher eher mittelmäßige Filme gemacht hat („The Alamo“, „The Blind Side“, „The Founder“, „Saving Mr Banks“), liefert mit „The Highwaymen“ seinen bisher stärksten Titel, diesmal für Netflix. Zwar ist es kein Meisterwerk geworden, doch neben den sehenswerten Protagonisten und der gut gewählten Perspektive besticht auch John Schwartzmans Kameraarbeit. Während er die Schönheit der 30er einfängt, mit dem Faible für heutige Oldtimer, Frauen in Kleidern und Herren in Anzügen, die Schönheit der schier grenzenlosen Weiten der Leere zwischen den großen Städten, vermag es ebenso, die Gefährlichkeit der Gegend zu signalisieren. 100 Kilometer außerhalb von Chicago hilft dir niemand, wenn du mit dem Wagen liegen bleibst, Polizei kann nie rechtzeitig da sein und in jedem noch so kleinen Dorf können Handlanger oder Verwandte von Barrows Gang lauern, die den Auftrag haben, Verfolger zu erledigen.

Könnte das Ding besser sein? Gewiss. Viele Gelegenheiten, die Auftritte des legendären Duos spannender zu machen, werden nicht so recht genutzt. Das haben „Zodiac“, „No Country for Old Men“ und auch „The Town that Dreaded Sundown“ in ähnlichen Situationen weit besser gemacht, wobei fraglich ist, ob Hancock das nicht bewusst vermieden hat, um die zwei nicht noch gefährlicher erscheinen zu lassen. Unter manch anderer Regie hätte der Film sogar ein echter Oscar-Contender werden können, doch dafür hätt der Film noch aufreibender, packender, oder gar düsterer werden müssen. Neben der King Verfilmung „1922“ ist „The Highwaymen“ also ein weiterer toller Periodenfilm von Netflix, die so gerne weiter machen dürfen. Schade, dass Michael Manns Film „Public Enemies“ mit Johnny Depp und Christian Bale über den im gleichen Jahr gestorbenen John Dillinger nicht ebenso gut werden konnte.

Interessant zu wissen ist noch, dass Hancock damals den 93er Costner „A Perfect World“ geschrieben hat, in dem der einen Clyde Barrow artigen Gangster spielte, der vor Clint Eastwood auf der Flucht war.

Kurz und knapp:
„The Highwaymen“ mag weniger actionreich sein als es der Trailer vermuten lässt, überzeugt aber als atmosphärischer Roadtrip mit zwei kernigen gegerbten Veteranen bei der Arbeit, die das ikonisierte Verbrecherpärchen Bonnie und Clyde auf den (blutigen) Boden der Tatsachen zurückholen.

7/10

Autor: Christian Mester

Dieser Filmenthusiast (*1982) liebt es, manchmal auch mit Blödsinn, Leute für Filme zu begeistern. Hat BG im Jahr 2004 gegründet und ist dann für Pressevorstellungen, Interviews und Premieren viel rumgereist, hat als Redakteur u.a. für GameStar geschrieben, war dann mal Projektleiter in einer Werbeagentur mit Schwerpunkt dt, Kinostarts und - schaut gerad vermutlich schon wieder was.