BG Kritik: „Der Gigant aus dem All“ („The Iron Giant“)

6. Juni 2019, Christian Westhus

Ein unterschätzter Animations Quasi-Klassiker: In den USA der 1950er Jahre ist die Angst vor den Kommunisten und einem nuklearen Angriff das vorherrschende Thema. Der junge Hogarth turnt dennoch mit kindlicher Energie durch die Gegend und entdeckt einen gewaltigen Roboter. Die intelligente Maschine stürzte aus dem All auf die Erde und zieht bald die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich, die eine russische Kriegsmaschine vermuten. Hogarth versucht seinen neuen Freund zu beschützen.

Der Gigant aus dem All
(Originaltitel: The Iron Giant | USA 1999)
Regie: Brad Bird
US-Sprecher: Jennifer Aniston, Eli Marienthal, Vin Diesel, Harry Connick Jr.
D-Sprecher: Nadja Reichardt, Till Völger, Jürgen Kluckert, Johannes Berenz
Kinostart Deutschland: 16. Dezember 1999

(Diese Kritik erschien im Rahmen der Kritikenreihe Treasure Monday, veröffentlicht ursprünglich im Oktober 2014.)

Vom Verleih Warner Bros. ein wenig ungeschickt unters Volk gebracht und vom Publikum damals größtenteils verschmäht, ist das Regiedebüt des späteren Pixar Zauberers Brad Bird („Die Unglaublichen“, „Ratatouille“) das vielleicht letzte überwiegend handgezeichnete Animationsfilm Meisterwerk des amerikanischen Kinos.

„Der Gigant aus dem All“ vereint klassische Handzeichnung mit einigen kleineren und größeren Computerelementen. So ist der eiserne Gigant selbst eine Computerfigur, was in einigen wenigen Momenten aufzufallen scheint, ansonsten aber keine Probleme verursacht. Es ist sogar ein außerordentlich schöner Film, einmal mehr in prächtigen Farben erzählt, mit Hintergründen wie aus einem hochwertigen Kinderbuch. Basierend auf dem tatsächlichen Jugendbuch „Der Eisenmann“ von Ted Hughes erzählt Brad Bird eine Geschichte irgendwo zwischen Superman und „E.T.“. Als würden Steven Spielberg und Hayao Miyazaki gemeinsam auf die vaterlose Kindheit eines Jungen in den 1950ern blicken, ist „Der Gigant aus dem All“ ganz auf den jungen Hogarth zugeschnitten.

Hogarth liebt Comics, liebt trashige B-Horrorfilme und versucht das fehlende Element seiner Familie zunächst durch Haustiere zu ersetzen, sehr zum Unmut seiner eigentlich gutmütigen und liebevollen Mutter Annie, die sich zwischen ihrer Arbeit in einem Diner und der steten Finanzknappheit nicht auch noch pausenlos Sorgen machen will, wenn Hogarth durch die Weltgeschichte turnt und wildes Getier anschleppt. Hogarth ist ein wunderbar lebendig entworfener Junge; kein Kleinkind mehr, aber noch einen guten Schritt von der Pubertät entfernt. Wenn er den gewaltigen Roboter im Wald entdeckt und seine erste Panik abgeschüttelt hat, sieht er in dem sanften Riesen einen Spielkameraden, mit dem man Arschbomben im See machen kann oder der zum eigenen rasanten Karussell umfunktioniert wird. Schnell erkennt Hogarth eine vertraute, selbst noch kindliche, noch lernende Seele in der Maschine. So wird aus einem Spielzeug ein echter Freund.

© Warner Bros.

Ohne dass die Abwesenheit des Vaters groß angesprochen wird, ist sie ein zentrales Element der Handlung. Kein Wunder, dass bald zwei menschliche Männer in Hogarths und damit auch in Annies Leben treten, die zwischen autoritärer Dominanz und kumpelhafter Vertrautheit schwanken. Der Film versucht glücklicherweise gar nicht erst, aus diesen zwei Kerlen eine Art Wettbewerb um die freie Stelle als Mann im Haushalt der Familie Hughes zu machen. Es entwickelt sich ganz natürlich, während der zweite Kandidat gar nicht erst ein Kandidat ist. Kent Mansley von der Regierung personifiziert Autorität und Befehle, aber auch Befehlsgehorsam. Mansley wird zunehmend von der allgegenwärtigen Angst übermannt, fremde Invasoren könnten das Land angreifen und mit einer einzigen Bombe nahezu komplett auslöschen. Einmal vom Giganten Wind bekommen kennt Mansley nur noch das Ziel, die vermeintliche kommunistische Bedrohung auf zwei metallenen Beinen unschädlich zu machen. Koste es, was es wolle. Schrott-Künstler Dean, selbst vielleicht noch in einer Vorphase zu erwachsener Verantwortung, ist da ein ganz anderer Typ von Mann.

Der Reiz von Birds Film liegt in seiner mitreißenden, hochunterhaltsamen und emotionalen Abenteuerhandlung, der so natürlichen Freundschaft zwischen Hogarth und dem irgendwie seelenverwandten Roboter, sowie der klaren Metapher, die diesem Abenteuer zugrunde liegt. „Der Gigant aus dem All“ hat eine klare und universelle Aussage, die man nur dann als plump auffassen kann, wenn man noch nie eine wirklich gute Kindergeschichte gelesen hat. „I am not a gun“, spricht der Gigant in einem Moment der Selbsterkenntnis. „Ich bin keine Waffe.“ Angesiedelt in einer Zeit der Angst, in der die Narben des zurückliegenden Krieges noch frisch sind und in der Militärgewalt auf allen Seiten für einen bedrohlichen Scheinfrieden sorgen, macht „Der Gigant aus dem All“ ein hochemotionales und effektives Statement gegen Militarismus, gegen Waffengewalt und für individuellen Frieden, hervorgebracht durch individuelle Entscheidungen für eben diesen Frieden, gegen die vermeintliche Zweckbestimmung. Ein Film, der so etwas auf so leichtfüßige, unterhaltsame und ehrlich emotionale Weise vermitteln kann, ist ohne Zweifel ein besonderer Film.

Fazit:
Brad Birds Regiedebüt ist ein zauberhafter Animationsfilm. Eine wunderbare Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft und über Selbstverantwortung. So unterhaltsam wie emotional, mit einer tollen Botschaft.

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.

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