BG Kritik: „Roma“

4. Januar 2019, Christian Westhus

Mexiko-Stadt Anfang der 70er Jahre: Während in der Stadt zunehmend gewalttätige Studentenproteste brodeln, lebt eine recht wohlhabende Familie vermeintlich sicher in ihrem Haus im Stadtteil Roma. Doch Veränderungen nahen. Es ist die Geschichte von Haushälterin Cleo, die sich um die vier Kinder kümmert, für die sie Teil der Familie ist, obwohl sie es eigentlich nicht ist.

Roma
Origintaltitel: Roma (Mexiko, USA 2018)
Regisseur: Alfonso Cuarón
Cast: Yalitza Aparicio, Marina de Tavira, Verónica García, u.a.

© Netflix

Kritik:
Alfonso Cuarón blickt auf seine eigene Kindheit zurück. In jeder Faser, in jedem Einzelbild dieses bemerkenswert konstruierten Films erkennt man die Authentizität und die persönliche Färbung. „Roma“ ist ohne Zweifel der persönlichste Film in der Karriere von Alfonso Cuarón und wird das wohl auch dauerhaft bleiben. Doch als sei dieses Gefühl noch nicht genug, schickt Regisseur, Autor, Produzent, Kameramann und Cutter (!) Cuarón seine Figuren ins Kino, wo sie und wir eine Szene aus „Verschollen im Weltraum“ (1969) sehen. Dort hängt ein Astronaut, nun, verloren in der Unendlichkeit des Alls und wird gerade noch rechtzeitig von einem Kollegen mit Rucksackantrieb gerettet. Es erübrigt sich, darauf hinzuweisen, dass Cuaróns Film „Gravity“ eine Szene besaß, die fast identisch aussah.

Einen kleinen Cuarón Proxy gibt es hier nur theoretisch. Er wird, mehr oder weniger, einer der drei Jungs der vier Kinder sein. Doch dieser Film, so persönlich wie er sein mag, ist nicht komplett auf Cuarón als Individuum zugeschnitten. „Roma“, benannt nach dem Stadtteil in Mexiko-Stadt, ist eine Erinnerung, Würdigung und Danksagung an das Hausmädchen der Familie. Hier wird dieses Hausmädchen Cleo genannt, Cleodegaria. Die junge Mixtekin, eine Mexikanerin mit Ureinwohnervorfahren, ist eine von zwei Frauen, die sich um Kinder, Haus und Haushalt kümmern, in einem kleinen separaten Zimmer auf der Dachterrasse wohnen. Cleos Familienzugehörigkeit ist lange Zeit nicht eindeutig zu klären, schwankt, je nach dem wen man fragt. Während die eigentliche Familie, Vater, Mutter und Kinder, gemeinsam vor dem Fernseher sitzen, läuft Cleo im Hintergrund herum und räumt Geschirr zusammen, bleibt quasi unsichtbar, will nicht stören. Auch sie wirft für einen Moment einen Blick auf die Flimmerkiste. Als sie sich neben die Couch kniet, findet sie wie selbstverständlich eine Kinderhand voll Zuneigung auf ihrer Schulter.
Für die Kinder gehört Cleo zweifellos zur Familie, doch sie ist keine Ersatzmutter. Eher ist sie eine Zweitmutter, denn obwohl Mutter Sofía selbst arbeiten geht, ist sie immer für ihre Kinder da. Es ist der Vater, der zum Problemfall wird, und mit ihm andere Beispiele unzuverlässiger Männer. Der erste Auftritt des Vaters hat Symbolcharakter. Mit einer dominanten Selbstverständlichkeit vollführt der vermeintliche Herr im Haus eine Art Ritual, leistet Millimeterarbeit, wenn er nach Feierabend mit dem Nobelauto in den schmalen Garagenflur einsetzt. Seine Präsenz ist gewaltig, doch sein Gesicht ist für die Kamera nur selten von Bedeutung. Auch Cleo hat Probleme mit einem Mann, dem jungen Fermín, den sie zu lieben glaubt. Als sich die Schwierigkeiten der Frauen überschneiden, wird auch Cleos Familienzugehörigkeit und der generelle Zusammenhalt in der Familie auf eine Probe gestellt.

© Netflix

Cuaróns Plot, wenn man das überhaupt so nennen kann, mäandert, reiht geduldig „Slice of Life“ Szenen aneinander und forciert dabei doch stetig die emotionale Narrative. Durch lange anhaltende Einstellungen und perfekt getimte Schwenks wird die Kamera zu einem eigenen Charakter, zu einer Figur, die manchmal mehr zu wissen scheint, die gelegentlich bereits an einer Stelle verweilt, die erst kurz darauf mit Leben gefüllt wird. Die Kamera ist wie ein Geist aus der Zukunft, der zurückkehrt, um die Vergangenheit mit älteren Augen erneut zu betrachten. Eine irgendwie glückliche Fügung also, dass Cuarón nun erstmalig selbst hinter der Kamera steht, nachdem sein enger Freund und dreifacher Oscargewinner Emmanuel Lubezki, der mit Ausnahme von „Harry Potter und der Gefangene von Azkaban“ bisher sämtliche Filme Cuaróns gefilmt hatte, aus Termingründen absagen musste. Von einem der besten Kameramänner unserer Zeit hat Cuarón einiges gelernt und da der Mexikaner ohnehin schon ein einzigartiger Meister des Erzählens ist, steigert sich „Roma“ kontinuierlich, bis zum meisterlichen und still emotionalen Ende.

Fazit:
Meisterhaft inszeniertes, stark gespieltes und geduldig aufgebautes Drama, in dem Privates und Gesellschaftliches zu einem sehr subjektiven und doch ungemein empathiefähigen Ganzen vermengt wird.

8,5/10

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.