BG Kritik: Pokémon Meisterdetektiv Pikachu

11. Mai 2019, Christian Westhus

In einer Welt, in der Pokémon existieren und als Kämpfer für offizielle Duelle trainiert werden, trifft der junge Tim auf ein Pikachu, welches er aus unerklärlichen Gründen verstehen kann. Vielleicht kommt Tim mit diesem Pikachu, welches sich als Meisterdetektiv ausgibt, hinter das Geheimnis seines Vaters, der jüngst unter mysteriösen Umständen gestorben ist.

© Warner Bros. & Legendary Pictures

Pokémon: Meisterdetektiv Pikachu (USA 2019)
Originaltitel: Pokémon Detective Pikachu
Regie: Rob Letterman
Darsteller: Ryan Reynolds (US-Stimme)/Dennis Schmidt-Foß (D-Stimme), Justice Smith, Kathryn Newton, Bill Nighy

Komm und schnapp sie dir. – Eigentlich ist es ein großes Wunder, dass es so lange gedauert hat, bis eine groß angelegte Realverfilmung aus dem noch immer immens populären Pokémon-Kosmos die Kinos der Welt erobert. Mit unzähligen Variationen, Fortsetzungen, Ablegern und Erweiterungen gibt es eigentlich Möglichkeiten genug, diese seltsamen Tierwesen in eine Filmhandlung zu stecken, um damit Kinoerfolge zu erzielen. Von einigen Animationsfilmen abgesehen, mussten die Filmfans unter den Pokémon-Anhängern aber bisher durstig bei den Standards aus Videospielen, TV-Serie und Spielkarten bleiben. Schwer zu sagen allerdings, was uns dadurch erspart blieb. Die Pokémon Version eines „Super Mario Bros. – Der Film“ bleibt so jedenfalls nur eine dunkle Ahnung aus einem alternativen Universum.

Womöglich war die Technik einfach noch nicht so weit. Das hält zwar andere Studios nicht davon ab, jüngst erst u.a. Sega-Fans mit gewissen Trailern zu verstören, doch die bildliche Umsetzung der sonderbaren Wesen gehört zu den wichtigsten Gründen, warum „Meisterdetektiv Pikachu“ ein sehenswertes Familienabenteuer geworden ist. Zum allergrößten Teil sind die vielzähligen Pokémon nur Einzelfiguren, die einen witzigen oder – meistens – superniedlichen Moment bekommen, um einmal unterhaltsam eine Geste in die Kamera zu machen. Egal ob pelzig, schuppig oder ledrig, die Pokémon sehen farbenprächtig und technisch hervorragend umgesetzt aus, wirken real, ohne ihre cartoonige Originalgestalt zu verlieren, die zahlreiche Generationen prägen konnte. Doch das Herzstück ist Pikachu selbst, den Protagonist Tim (Justice Smith) aus lange ungeklärten Gründen verstehen kann. So viel muss man wissen: für gewöhnlich sprechen Pokémon nur ihren Namen; zumindest kommt nur das beim menschlichen Gehör an. Tim und der namenlose Detektiv Pikachu haben eine Verbindung, die einzigartig scheint. Und das führt dann dazu, dass wir von diesem Pikachu ein deutlich aufwändigeres Mienen- und Emotionsspiel sehen.

© Warner Bros. & Legendary Pictures

„Meisterdetektiv Pikachu“ ist nicht einfach nur eine sonderbare erste globale Mainstream-Geschichte aus dem Universum, sondern orientiert sich am gleichnamigen Detektiv-Abenteuerspiel für den Nintendo 3DS, übernimmt dessen Handlung sogar relativ direkt und unverfälscht. Statt der Formel der ersten Spiele zu folgen und eine eher sportliche Abenteuergeschichte mit „Rocky“ Anleihen zu erzählen, werden wir hier in eine lebendige Welt aus Menschen und Pokémon geworfen. Zu genau sollte man diese nicht hinterfragen (Gibt es andere Tiere? Werden Pokémon als Nutztiere gehalten? Werden sie gegessen? Wie konnte menschliche Zivilisation ohne Pferde, Rinder und Hunde gedeihen?), doch dafür verbringen wir auch den Großteil der Handlung in Ryme City, einer Metropole, in der Menschen und Pokémon ohne Kämpfe und Fangbälle vermeintlich harmonisch Seite an Seite leben. Doch irgendwas geht in Ryme City, wer hätte das gedacht, nicht mit rechten Dingen vor sich. Woher kommt die sonderbare Substanz, die das Wesen eines Pokémons verändert? Was hat der Großkonzern Clifford Enterprises damit zu tun? Und was wusste Tims verstorbener Vater, der Polizeikommissar war?

Dies sind die Aufhänger für eine recht simple, überraschungsarme und doch in Teilen erstaunlich ernst präsentierte Geschichte. Auf keinen Fall, so der Eindruck, sollte der erste Pokémon Film in infantile Comedy-Ebenen von „Minions“ und Konsorten abdriften. Da haben wir in einer Szene zwar ein Barkeeper Pokémon, dem der Kaktussombrero schon automatisch auf dem Kopf wächst, wohnen einer irrsinnig unterhaltsamen Szene mit einem Pantomimenpokémon bei und begegnen immer wieder einer psychotischen Ente (ja, wirklich), doch dann setzt sich der Film für geschlagene fünf Minuten auf seine vier Buchstaben und forciert das menschliche Drama um Tims Verlust und seine komplizierten Elternbeziehungen. Das ist einerseits löblich, denn ein derart schwieriger Hintergrund wird auch gerne mal unachtsam durch eine Filmhandlung geworfen. Doch das Drama und die damit verbundene Annäherung zwischen Tim und Pikachu sind reichlich dick aufgetragen, ohne wirklich viel Ertrag zu erzielen. Denn ein „Zoomania“ ist dieser Film auch nicht.

Und das führt schließlich wieder zu Ryan Reynolds (bzw. in der deutschen Fassung zu seinem Stammsprecher Dennis Schmidt-Foß) und der Darstellung von Pikachu. Immer, wenn man das Gefühl oder die Befürchtung hat, der Film könnte durch unangebrachte Ernsthaftigkeit kippen, könnte zu ernst oder – schlimmer noch – langweilig werden, kommt Reynolds‘ Pikachu hinzu, um uns und den Film zu retten. Mit der mittlerweile etablierten Motion Capture Technologie erweckt der Schauspieler den gelben Flauschball nicht nur stimmlich, sondern auch mimisch zu Leben, egal ob detektivisch ernst, witzig, zu Tode betrübt, singend oder durch Koffein angeregt. Reynolds‘ Casting ist nach „Deadpool“ kein Zufall, jedoch eine mehr als gelungene Entscheidung. So gelangt immerzu ein frischer Humor in den Film, ein Hauch „Deadpool“ genau richtig an den Grenzen der FSK6-Freigabe. Die austauschbare Grundgeschichte mit seinem übereifrigem Plot, dem menschlichen Drama und dem geradezu lächerlich platten Vorhaben der Schurken wird man am Kinoparkplatz schon wieder vergessen haben. Doch Reynolds‘ Pikachu und sein menschlicher Mitstreiter Tim alias Justice Smith, der Quasselstrippe Pikachu eine effektiv stoische „Was geht hier eigentlich ab?“ Ebene entgegen hält, bleiben positiv in Erinnerung.

Fazit:
Inhaltlich seicht, vielleicht sogar schwach, aber insgesamt unterhaltsam, sorgfältig und technisch überzeugend umgesetzt. Ordentliche Familienunterhaltung.

6/10

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.