BG-Streitgespräch: The Rise of Skywalker

15. April 2019, Christian Westhus

April 12th ist kein so clever-dämliches Wortspiel wie May 4th, doch das hielt JJ Abrams, Kathleen Kennedy und die Disney Shareholder nicht davon ab, auf der Star Wars Celebration den neuen Titel für den neuen und angeblich abschließenden Teil der aktuellen Star Wars Trilogie zu veröffentlichen. Einen Trailer gab’s für „The Rise of Skywalker“ gleich mit dabei, um erste Eindrücke zu liefern, wie Rey, Finn, Poe und BB-8 mit Kylo, Hux und einer abermals neuen dunklen Bedrohung umgehen. Doch seit „The Last Jedi“ ist in Sachen Star Wars nichts mehr wie es war. Ein großer Riss ging durchs BereitsGesehen Kollegium. Diesen versuchen Christian Mester, Christian Westhus und Daniel Schinzig in einem Streitgespräch zu schließen – oder zumindest soll er nicht größer werden, der Riss.

Aufstieg des Skywalkers? Welcher denn? Und wie? Und warum überhaupt?

© Disney

Westhus: Um es mal ganz dramatisch und unnötigerweise mit Dante zu sagen: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren.“ Das ist natürlich auch überaus voreilig, denn was können der Titel und dieser erste Teaser-Trailer schon groß kommunizieren? Ich kann aber ehrlich gesagt gerade nicht anders. Schon als ich den Titel sah, ist ein Teil von mir gestorben, wenn ich mal den dramatischen Ton beibehalten darf. Jetzt könnte ich fair sein und erkennen, dass sich so vermutlich einige Fans bei „The Last Jedi“ gefühlt haben, dass ich nun endlich mal verstehe, „wie das ist“. Bleiben wir dramatisch: Die Filmwelt steht vor einem gewaltigen Wandel und Disney schickt sich an, Absoluter Herrscher des Haufens zu werden. Einen Tag zuvor gab Disney-Chef Bob Iger einen ersten konkreteren Blick auf den Disney+ Streamingdienst, der Ende des Jahres starten soll. Kurz zuvor wurde der Plan von Apple+ TV konkreter. Und so ganz nebenbei hebt Netflix seine monatlichen Kosten, obwohl noch immer Fragen bestehen, was nach dem Disney+ Start bei Netflix übrig bleibt und wie man als Endverbraucher mit einem gewissen Interessensspektrum überleben soll. Was hat das alles mit Star Wars und dem Aufstieg des Skywalkers zu tun? Eigentlich nichts und doch alles. Im Zuge der Star Wars Celebration behauptete Bob Iger auch, dass nach „The Rise of Skywalker“ vorerst keine Filme angekündigt werden. Abgesehen von der neuen Serie für Disney+ soll es eine Pause geben. Das mag für ein Jahr oder sogar zwei zutreffen, denn offiziell in Produktion ist tatsächlich kein neuer Star Wars Film. Doch wer glaubt denn wirklich, dass Disney das Prunkstück seines Popkultur Imperiums links liegen lassen wird? Wir werden doch auch weiterhin mit Star Wars in allen Form und Farben (innerhalb der Konzerngrenzen) zugeschmissen, damit Disney seine Monopolstellung und die damit verbundene Macht ausweiten kann. Noch ist der Produktionsaufwand zu groß, um von der Verramschung der Marke Star Wars zu sprechen. Doch die Filme werden berechnender, simpler und in ihren Geschichten kleiner. Mehr Star Wars sollte, finde zumindest ich, mehr Wagemut und mehr Abwechslung heißen, sollte das Universum vergrößern, sowohl räumlich als auch zeitlich. Doch nichts davon ist geschehen, wenn die neue Trilogie weiterhin die Ur-Trilogie zum Vorbild nimmt und wenn die Spin-Offs wahlweise unnötige neue Vorgeschichten sind oder zu einer Episode 3,5 umfunktioniert werden. Rian Johnson hatte mit „The Last Jedi“ etwas versucht, gar nicht mal so sensationell viel, doch er hat es gewagt und man hat ihn gelassen. Das Ergebnis war „kontrovers“ genug, um die Star Wars Zuschauerschaft bis heute zu beschäftigen. Und nun kommt JJ „Meister des 1. Akts“ Abrams daher und suggeriert klar und eindeutig: ‚Sorry, Leute, wir versuchen das wieder zu korrigieren.‘ Schon wieder ein verdammter Skywalker. Im günstigsten Fall geht es um den Macht-Geist von Luke, doch zumindest das Marketing will doch dem gekränkten „Fan“ verklickern, dass Rey vielleicht doch eine Skywalker ist, eine Auserwählte. Die Sache mit ihren Eltern war mit der beste Einfall in „The Last Jedi“ und jetzt war es, so scheint es zumindest, eine Finte. Und dann der Todesstern und es kichert am Ende der Imperator, denn nichts ist wirklich dauerhaft weg. Wozu gibt es denn Digitaltechnik? Selbst wenn ich „The Last Jedi“ verabscheut hätte, würde mir doch spätestens jetzt stinken, dass man bei Disney so agiert wie damals bei „Lost“. Spontan die Geschichten weiter führen und – der größte Fehler – bitte immerzu auf Fans hören, sie mit Fan-Service und Vertrautem ködern, sich seine eigenen Geschichten verbauen, da man die größtmögliche Masse zufriedenstellen will. Sie sehen den Disney Kanal, um ein Simpsons Zitat mal abzuwandeln. – Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie sehr übertreibe ich gerade, werte Kollegen?

Schinzig: Gar nicht mal so sehr, würde ich behaupten. Wobei ich das alles durchaus gelassener sehe. Allerdings ist das eine Gelassenheit, aus der Angst tropft. Denn ich teile zumindest im Ansatz deine Bedenken. Die werden doch wohl nicht wirklich Rey zu einer Skywalkerin machen, oder? Das wäre ein Supergau. Es kann nicht das Ziel sein, nun alle ungeliebten Entscheidungen, die bei Episode 8 getroffen wurden, rückgängig zu machen. Das sage ich nicht nur als „Die letzten Jedi“-Wertschätzer, sondern ganz objektiv: Fehler ausbügeln und dem Vorherigen widersprechen kann nur nach hinten losgehen. Kylos Helm, der da im Trailer wieder zusammengebastelt wird, wird Herrn Ren auf jeden Fall ziemlich zwicken, wenn er ihn aufsetzt. So wird es auch dem Zuschauer einer Episode 9, die nur den Zweck als heilender Klebstoff erfüllen soll, ergehen. Aber: Das sind Ängste, die ich nicht zuletzt wegen des nun enthüllten Titels – das promiente Vorhandensein des Namens Skywalker ist mir zu plump – habe, aber noch nicht mehr. Dennoch gibt es auch darüber hinaus nicht viel, was sich in mein Gedächtnis brennt. So sehr ich Rey als Charakter auch mag, so ist mir die Szene mit ihr zu Beginn auch ein wenig zu superheldenmäßig inszeniert. Nicht, weil ich sie als überpowert empfinde. Sondern eher aus filmsprachlicher Sicht. Die Art, wie sie sich bewegt und wie sie von der Kamera eingefangen wird – da fehlt ja fast nur der in Zeitlupe flatternde Cape. Ich sehe noch nicht so schwarz wie du, Herr Westhus. Aber ich bin unterwältigt. Und das sage ich als JJ-Fan.

Mester: Nun nehme ich mit meiner Wahrnehmung von „The Last Jedi“ (warf den Respekt vor der Saga weg wie Luke sein Lichtschwert) eine reichlich gegensätzliche Meinung ein, von daher begrüße ich die schleichende Rückkehr zum Kanonwesen prinzipiell mehr als ihr beide – auch wenn ich gestehen muss, dass das sichtlich mit Problemen verbunden sein könnte. Dass der Todesstern SCHON WIEDER dabei ist, lässt selbst mich als Fan facepalmen, und dass nach Darth Mauls Rückkehr in „Solo“ jetzt auch noch Darth Sidious wieder mit am Start ist, lässt schlechte Vorbereitung erahnen. Dass Star Wars alte Figuren und Orte zurückholt stört mich überhaupt nicht, auch wenn ich Westhus‘ Sehnsucht nach neuen Welten, neuen Figuren, neuen Abenteuern irgendwo teilen kann. Ich vermute da vielmehr drohende inhaltliche Differenzen, die aufkommen könnten. Könnten wohlbemerkt, kommt ja darauf an, was sie zu erzählen haben. Dass der Imperator in 4-6 und 1-3 der Hauptbösewicht war, ergab Sinn, allerdings telegrafierten 7+8 null, dass da noch jemand im Hintergrund agiert. Es jetzt als Twist zu bringen, dass er die ganze Zeit Snoke dirigiert und Hux und Kylo beeinflusst hat, wirkt einfach unharmonisch. Auch mindert es Vaders finalen Seitenwechsel samt Aufopferung, wenn der vermeintlich besiegte Oberendsuperbösewicht doch irgenwie überlebt hat und sich 20 Jahre später jemand anderes drum kümmern muss. Sollte Rey mit Luke verwandt sein, wäre es rückblickend bescheuert, im letzten Film keinerlei entsprechende Offenbarung erlebt zu haben (auch wenn ein „Nein Rey, ich bin dein Vater“ Moment äußerst platt ausgesehen hätte). Andererseits mag ich es durchaus, dass sie jetzt doch noch den Bogen zurück zu den Skywalkers spannen. Es ist schließlich die neunteilige Skywalker Saga und da hat es mich schon bei 7+8 ein wenig irritiert, dass das letzte Drittel dieser Familiensaga völlig anderen, neuen Leuten gewidmet ist. 7+8 wirkten da ein bisschen wie „Das Bourne Vermächtnis“ oder die finale Staffel von Scrubs, wo die Haupthelden alle nur Gaststars sind. Was die Trailerqualität betrifft, bin ich aber auch unterwältigt. Dafür, dass es das Finale einer so großen, so lang laufenden Filmreihe sein soll, wirkt das sehr planlos und nichtssagend. Es wird keinerlei Handlungsziel kommuniziert, es sind bloß random Eindrücke, und die sind nichtmal als Einzelszenen bemerkenswert. Wieso versucht da jemand, Rey mit einem Tie-Fighter zu überfahren? Wieso schießt er nicht? Das klingt, als habe jemand im Marketing bloß die Idee gehabt „wärs nicht cool, wenn Rey so in Zeitlupe Neo mäßig über ein Raumschiff springt?“. Kanns ja im Kontext des Films auch sein, aber die Werbekampagne des ganzen Films damit anzufangen ist doch höchst merkwürdig gewählt. Trotzdem bin ich irre gespannt, wie sie die Reihe zuende bringen und wie sie Ian McDiarmid integrieren: seine Auftritte waren immer spitze.

Unendliche Macht? Disney ist so erfolgreich wie nie.

© Disney

Westhus: Richtig, Herr Mester, 7+8 kommunizieren keinerlei zusätzlichen Strippenzieher im Hintergrund. Dass wir das noch erleben können! Ein Wunder! Ich kann nahezu jedem Wort deiner Beschreibung über Sinn und Unsinn der Rückkehr des Imperators zustimmen. Gerade auch in Bezug auf das Ende von „Rückkehr der Jedi-Ritter“. Ich habe aber diese neue Trilogie nie als dritten und letzten Teil der Skywalker-Saga aufgefasst. Klar, Onkel George hat immer irgendwo (angeblich) von neun Filmen gesprochen und bei Disney war man natürlich klug genug, nicht sofort alles auf Neu zu bürsten, aber „Force Awakens“ oder von mir aus die gesamte Trilogie ist für mich eben wirklich eine Staffelübergabe, der „X-Men: First Class“ des Star Wars Universums. Und nun machen die Verantwortlichen einen auf Bryan Singer und können sich praktisch nicht vom Alten lösen, was zur Folge hat, dass beides – das Alte und das Neue – Schaden nimmt. Ich sehe schon vor mir, wie JJ als Fanboy nun die Sache mit Darth Plagueis konkretisiert, der womöglich Rey geschaffen hat. Schauder.
Aber warten wir mal ab. Ich war nach der Kombination (linke Klebe + Uppercut) aus Titel und Trailer definitiv ein wenig gefrustet. Aber es ist nur ein Film, nur Star Wars. Davon geht die Welt nicht unter. Wirklich. Wer zum Beispiel unseren Podcast zum Filmjahr 2019 gehört hat (oder dabei war), wird wissen, dass ich ausreichend andere (Film-)Interessen habe, die deutlich über Star Wars stehen. Aber ja, eine Enttäuschung. Doch anders als sonst, wo das Internet doch dunkle Instinkte gekonnt verstärkt, habe ich in der Zwischenzeit ein paar Ideen und Theorien aufgeschnappt, die Mut machen. Eine Neue Hoffnung, sozusagen, wie die Aussicht auf einen neuen-alten Skywalker doch etwas Positives sein kann. Ich bin auf zwei Tweets gestoßen, die mir in ihrer knappen/vagen Möglichkeit einer Lösung sehr zusagen. Zumindest mehr als „Rey ist Lukes Tochter“ oder „Es gab einen dritten Skywalker“ oder so. Die Theorie: Am Ende, wenn die neue Ordnung (temporär) besiegt ist, steht Rey vor einer Entscheidung. Sie hat das Mantra „Lass die Vergangenheit sterben“ von Kylo, Luke und Yoda im Hinterkopf. Rey könnte die Jedi weiterführen. Nicht ohne Grund ist das markanteste Zitat des Trailers, Rey trage das Wissen von Tausend Generationen in sich. Doch sie hat auch verstanden, dass die Jedi nicht perfekt waren, dass das Konzept eine Generalüberholung benötigt. Als gründet sie, vielleicht mit Hilfe von Maz Kanata, ein neues philosophisches Prinzip, eine galaktische Friedenstruppe für „Mächtige“, eine Gruppierung innerhalb eines neuen Gleichgewichts der Macht. Und diese Gruppe nennt sie Skywalker(s). Nicht nur erspart uns das diesen Kokolores, dass erneut und weiterhin alles mit einer Blutlinie zusammenhängt, es ist auch in meinen Augen ein mehr als ordentlicher Versuch, die Skywalker-Saga zu beenden und gleichzeitig wirklich die Staffelübergabe zu bewerkstelligen. Am Ende ist das Konzept Skywalker wie Batman, eine Idee, die einzelne Leben überdauern kann. Denn „No one’s ever really gone“, wie es im Trailer heißt. – Was haltet ihr davon? Oder habt ihr andere Ideen, wie dieser Titel doch für etwas gut sein könnte?

Mester: Mit wem soll Rey denn eine Friedenstruppe gründen, mit Maz, Leia und wer sich noch so als Force Ghost beratend dazu stellt? Mit den Straßenkindern vom Ende des letzten Films? Böse Machtnutzer wird es immer geben, und ob die zwei Seiten nun Jedi+Sith oder Skywalkers+Fedoras heißen, macht es doch kaum Unterschied. So eine Sondereinsatztruppe wäre doch nicht groß anders als die Jedi, und was die falsch gemacht haben, lag doch an persönlichen Entscheidungen, nicht an gänzlich falscher Grundphilosophie. Rey machte mir in beiden Filmen bisher auch nicht den Eindruck, eine Führungspersönlichkeit werden zu wollen, die im Anschluss lange Jahre unterrichten möchte. Die wird genau so ein allein lebender Eremit bleiben wie vorher, keine Familie gründen und auch keine Skywalker-Schule leiten. Skywalker weiter tragen? Im Gegenteil also, ich würd mir wünschen, dass der Spirit Skywalker eben nicht von anderen fortgeführt wird. Genau so wie es in „The Dark Knight Rises“ behämmert war, Robin als nächsten Batman zu etablieren (davon ab, dass durch eine Rückkehr Batmans dessen Aufopferungstat für die Stadt nichtig gemacht wird, ist Batmans Batmannigkeit so besonders und auf dessen ganzes Leben geprägt, dass eine relativ spontane Übergabe an einen Neuling, der erst einen Film dabei ist, unsinnig erscheint). Wie würd ichs denn machen? Meinetwegen muss Sidious gar nicht in natura auftreten, es reicht ja, wenn er als Force Ghost Kylo beeinflusst, weil der so voller Hass ist, dass seine Energien Sidious‘ erreichen. Lass Rey doch Lukes Bücher studieren und dadurch Hinweise auf den Ursprung aller Jedimächte finden, die auf einem Planeten zu finden sind. Lass es in Form von großen Kristallen oder so sein. Und Rey spürt, dass es eigentlich pure Bösartigkeit ist, die in der Macht steckt, und sie muss sie finden bevor Kylo sie findet – obwohl sie nicht weiß, dass Kylo durch ihre mentale Verbindung überhaupt erst durch sie weiß, wo das zu finden ist. Und vor Ort versucht Sidious‘ Geist die wesentlich stärkere Rey auf die dunkle Seite zu kriegen, was er kurzzeitig schafft, wodurch Kylo sich gegen Rey und Sidious‘ Geist richtet. Mir würds gefallen, wenn besagte Kristalle zerstört werden, wodurch die Macht evtl für immer in allen erlischt. Das würd Sidious‘ verschwinden lassen und Rey und Kylo entmachen. Dann könnte Frieden folgen und es wär ein definitives Ende ohne Heldenopfer, Bösewichtniederlage oder Superwaffe. Und wer jetzt Reys Eltern waren, kann man doch vage lassen. Vielleicht hat Luke in seinen Notizen eine Frau erwähnt, die er damals kannte, die man in Flashbacks sieht und zufällig jenes Raumschiff aus Reys Flashback fliegt.

Schinzig: Und so mutiert unser Streitgespräch über den Episode 9-Teaser plötzlich zu einer wilden Spekulation über das, was sein könnte und wahrscheinlich nie so kommen wird. Offensichtlich ist das Marketing bei aller Fragwürdigkeit doch genau richtig, wenn es dazu veranlasst, in alle Richtungen gedeutet zu werden. Denn tatsächlich: Alles und nichts ist möglich nach den gezeigten Ausschnitten und dem offenbarten Titel. Die Art jedoch, wie es kommuniziert wurde, gerade auch von den Beteiligten während des Convention-Panels, biedert sich extrem den verärgerten Fans an. Und da bleibe ich bei meinem Punkt: Das ist schade. Aber nach den gespaltenen Extrem-Reaktionen auf den Vorgänger und dem Schulterzucken, das „Solo“ dem Publikum entlockte, scheinen die Eier der für die Sternensaga Zuständigen von Großkonzern Disney abgeschnitten worden zu sein. Das Motto: Lieber kastrierte Ja-Sager machen lassen, als nochmal einen Individualisten wie Rian Johnson dranzulassen.
Dabei haben es die Verantwortlichen bereits in der Planungsphase von „Das Erwachen der Macht“ verkackt. Wer kam bitte auf die fahrlässige Idee, keinen groben Schlachtplan für die neue Trilogie zu erarbeiten? Freiheiten im Detail für die an den jeweiligen Episoden beteiligten Filmemacher sind ohne Wenn und Aber wünschenswert. Aber nahezu ungebremste Freiheiten? Jetzt haben wir die unfantastischste aller möglichen Situationen: JJ Abrams etablierte Charaktere und warf Rätsel auf, für die er damals gar keine Antworten hatte. Rian Johnson nahm diese Fäden auf und spann die Geschichte auf seine Art weiter. Und jetzt soll Abrams eine Story, die er begonnen hatte, die sich dann aber gänzlich anders entwickelte, als er es ahnte, zu einem runden Ende bringen. Auch hier bleibe ich dabei: Die Gefahr ist groß, dass das Ergebnis weder Hater noch Fans von „Die letzten Jedi“ zufriedenstellen wird – und dass Episode 9 dem Franchise den großen Schaden anrichten könnte, den angeblich Episode 8 bereits mit sich gebracht hat.
Dennoch habe ich mehr Hoffnung als Angst – denn Angst führt ja auf den Pfad zur dunklen Seite der Macht. Und ehe ich mich versehe, nörgle ich darüber, dass Disney mit „Star Wars“ Geld verdienen möchte und schreie „Früher war alles besser“ durch die Filmwelt. Episode 7 hat mich sehr gut unterhalten. Mehr noch: Endlich gab es nach den schlecht gealterten CGI-Attacken der Prequel-Trilogie wieder praktische Effekte. Das scheint hier ja ebenfalls wieder so zu sein. Mit der Machart werde ich mich also erneut anfreunden können. Ich freue mich ebenfalls auf die letzte „Star Wars“-Komposition von John Williams. Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Rey und den anderen neuen Charakteren. Es ist nicht alles Scheiße, was verdächtig dampft. Aber das Zusammenspiel aus doofem Episode 9-Titel, feigem Zurückrudern und fehlenden Moneyshots lässt einen dann doch die Nase zusammenziehen. Schulterzucken statt Euphorie. Das kann eigentlich nicht im Sinne Disneys sein.

Niemand ist wirklich jemals ganz weg.

© Disney

Westhus: Noch einmal zurück zur Friedenstruppe: Mit wem wollte Luke denn die Jedi neu aufbauen, bevor es dann zum Zwischenfall mit Ben kam? Damals gab es auch nicht so viel Personal. Und Episode 8 hat nicht zufällig auf eine neue Generation potentieller Machtnutzer verwiesen. Vielleicht übernehmen sie auch erneut ein Motiv aus der Ur-Trilogie und lassen Kylo wieder in die Spur finden, lassen ihn sich beruhigen, was natürlich weniger dramatischer ist als damals Vader/Anakin, aber irgendwo rund (wenn auch nicht originell) wäre. Rey und Ben könnten dann ihre Ideale und Weltanschauungen zu einer neuen Philosophie verbinden. Dass bei den Jedi nämlich Grundsätzliches falsch lief, wurde doch durch 8 und die Prequels recht deutlich.
Die Sache mit dem fehlenden Plan, dass augenscheinlich alles spontan und ohne größeren Leitfaden vorwärts geht, irritiert aber weiterhin. Vielleicht sitzt aber auch einfach der „Lost“ Stachel noch tief und wird immer mit JJ assoziiert. Natürlich kommt jetzt u.a. Kathleen Kennedy um die Ecke und behauptet, die Rückkehr des Imperators sei von Anfang an und von Anfang für E9 geplant gewesen. Davon kann man halten was man will. Heutzutage wird beweisbar im Marketing gelogen, siehe Cumberbatch-Khan, Talia Al Ghul oder „Infinity War wird ein eigenständiger Film“. Wichtig ist das erst einmal nicht. Wichtig ist, ob es sich harmonisch anfühlt. Und wie bereits angedeutet, habe ich beim Imperator große Zweifel.
Die Frage ist auch: Wie gehen wir mit Star Wars um? Es werden auch in Zukunft bedeutend weniger SW Filme kommen als z.B. MCU Filme, aber es werden viele sein und für mein Empfinden ist es hier anders. Das war u.a. auch ein Punkt in einem alten Essay (der noch auf der alten Seite schlummert), dass Star Wars nicht zuletzt deshalb so besonders, so beliebt und bedeutungsvoll werden und bleiben konnte, weil es nur limitiert Star Wars gab. Das wird sich nun ändern bzw. hat sich schon geändert. Disney bzw. „Solo“ hat das schon zu spüren bekommen, auch wenn die Schuld dafür gerne (und meiner Meinung nicht zutreffend) „The Last Jedi“ in die Schuhe geschoben wird. Rückblickend hätte ich nichts verpasst, „Solo“ im Kino auszulassen. Aber man wollte dabei sein, „mitreden“ können, was auch immer das heißt. Und das ist die Schwierigkeit im aktuellen Mainstream- und Blockbusterkino: Wenn 300+ Filme im Jahr als DIE großen Events vermarktet werden, wenn diese Events praktisch wöchentlich stattfinden, dann sind es irgendwann keine Events mehr. Das gilt auch für Star Wars an sich. Dann muss man als Zuschauer strenger selektieren und irgendwann spricht sich vielleicht bei den Verantwortlichen herum, dass Filme eine gewisse Qualität haben sollten. Nur kann man die selten vorher sehen. Und was „gute Qualität“ überhaupt heißt, ist ja auch nicht objektiv zu beantworten, wie TLJ ja gezeigt hat.

Mester: Mein persönliches Schlusswort? „Star Wars“ hatte auch schon jede Menge andere Seiten. Ich denk da nur an die Ewok TV Filme, das Holiday Special und den Clone Wars Kinofilm. An die remasterten Neuauflagen oder den 3D-Release von Episode 1. Klar, mit dem „Solo“ Film ist der Fanservice zu weit gegangen und „The Last Jedi“ rüttelte zu zwanghaft auf, aber wenn Filme wie „The Force Awakens“ und „Rogue One“ den Durchschnitt an neuen SW Filmen stellen, bin ich der letzte, der Schwarz an die Wände malen wird. Womöglich werden wir nie wieder neue Figuren wie Han Solo, Luke Skywalker und Darth Vader kriegen, nie wieder derart markante originelle Musik erhalten und Nostalgie wird immer weiter anvisiert werden, aber für mich ist das offen gesagt okay, wenn immer noch gute Unterhaltung dabei rumkommt. Star Wars Kinect hat mir SW nicht ruiniert, dann wird es auch alles weitere nicht schaffen.

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.