BG Theorie: Wie könnte Game of Thrones enden?

14. April 2019, Christian Westhus

Ein „Wie könnte es ausgehen“ zur neuen und letzten Staffel „Game of Thrones“. Dieser Artikel beinhaltet logischerweise Spoiler für „Game of Thrones“ bis einschließlich Staffel 7 Episode 7. Bei Figuren- und Ortsnamen wird hier die englische Variante bzw. Schreibweise genommen – schlicht weil es das Original ist und die Serie so geschaut wurde. Außerdem lässt sich im englischsprachigen Netz besser recherchieren. Zitate sind größtenteils selbst übersetzt.

Endlich ist es so weit. Nach einer verkürzten (und inhaltlich extrem beschleunigten) 7. Staffel ist das lange Warten auf die 8. und letzte Staffel der erfolgreichen HBO TV-Adaption von George R.R. Martins „A Song of Ice and Fire“ alias „Game of Thrones“ nun vorbei. Während Leser noch um ein Vielfaches länger warten müssen, geht es für TV-Zuschauer nach gefühlten Ewigkeiten weiter, damit die epische Geschichte um die Herrschaft über den Kontinent Westeros ihren dramatischen Endpunkt erreicht.
Mit der Trennung von Jaime und Cersei, der vagen Ankündigung einer Söldnerarmee vom Nachbarkontinent, mit Jon und Daenerys in der Horizontalen, der Wahrheit über Jons Abstammung und dem Fall der Mauer gibt es allerhand Elemente und angedeutete Möglichkeiten, wie die Chefautoren David Benioff und D.B. Weiss ihrer Adaption ein Ende gestalten könnten. Natürlich hat HBO schon gleich ein halbes Dutzend Spin-Off Serien geplant (und geht zumindest eine aktiv an) – die meisten davon zeitlich angesiedelt vor den Ereignissen von „Game of Thrones“. Doch das Ende dieser popkulturell gigantisch gewordenen (ersten) Serie muss und wird etwas Besonderes sein. Nicht die finale Schlacht ist von entscheidender Wichtigkeit, sondern die letzten Aktionen, die Gesten, der Aufbruch ins Neue. Wie dies aussehen könnte(!), darum soll es hier gehen.

Für den Fall der Fälle und nach dem Online-Motto „You read it here first“, hier nun der unbegründete und doch ernst gemeinte Schuss ins Blaue. Getätigt von jemandem, der bisher noch nicht die Muße hatte, die Bücher zu lesen, was aber vorerst irrelevant ist, da die Serie die Bücher inhaltlich schon überholt und stark verändert hat. Nun denn…

Eine Theorie zum Ende von GOT: Ist Jon der Auserwählte?

© HBO

Alles dreht sich in „Game of Thrones“ um, nun, den Thron. Tadaa. Großartige Deduktionskunst meinerseits. Die Bücher, die noch immer unter dem „Ein Lied von Eis und Feuer“ Banner fahren, werden vermutlich verstärkt auf die Begegnung von Eis und Feuer, White Walker und Drachen, Jon und Dany eingehen, werden die Prophezeiung des Versprochenen Prinzen (Azor Ahai, „The Prince who was promised“) stärker in den Fokus rücken. Die TV-Version aber heißt „Game of Thrones“ und wird sich in ihren finalen Augenblicken zentral um eben jenen Thron drehen. Wer wird darauf sitzen und Westeros regieren? Und wie viel wird von Westeros übrig sein?
Der Iron Throne und das damit verbundene Reich, „the realm“, die Sieben Königreiche und Littlefingers obskure Chaosleiter. Eine metonymische Verbindung, die Petyr Baelish einst gegenüber Varys als „the thousand blades of Aegon’s enemies“ („die tausend Klingen der Feinde Aegons“) bezeichnete. Wer aber ist eigentlich dieser Aegon und ist er derselbe, von dem Daenerys immer spricht? Aegon I. Targaryen alias Aegon der Eroberer kam mit Drachen (drei, es sind immer drei) und Armee aus (… Dragonstone, aber ursprünglich aus …) Valyrien, Kontinent Essos, eroberte und einte die zerklüfteten Königreiche von Westeros. Mit Aegon I. begann vor rund 300 Jahren eine neue Zeitrechnung in Westeros. Als Zeichen seiner Macht und seines Herrschaftsanspruchs ließ Aegon die Schwerter seiner besiegten Gegner aus den zunächst sechs Königreichen (der Norden widersetzte sich, Dorne blieb zunächst unabhängig – it’s complicated!) zu einem eindrucksvollen Thron umbauen. Dieser Thron, ganz egal ob er so oder so aussieht, ist seitdem der politische Nabel in Westeros, die Zentralisierungsinstanz der Macht über das Reich.

Man bereite sich auf zahlreiche Namen vor: Diesen Aegon meinen sowohl Baelish als auch Daenerys. Doch nun lautet plötzlich auch Jon Snows richtiger Name Aegon. In einer Familiendynastie ist es nur zu geläufig, Kinder nach Vorfahren zu benennen. Sollte Jon als Aegon König werden, wäre er laut Targaryen Stammbaum Aegon VI. Doch Jons neuer echter Vater, Rhaegar Targaryen, hatte bereits einen Sohn namens Aegon. Gezeugt mit seiner Frau Elia, Schwester von Oberyn Martell, war Rhaegar, der älteste Bruder von Daenerys und Sohn von Mad King Aerys II, Vater von Aegon und Rhaenys. Doch Rhaegar brauchte ein drittes Kind, da es nun immer drei sein müssen, verliebte sich in die jugendliche Lyanna Stark, die bereits Robert Baratheon versprochen war, ließ dafür seine Frau Elia zurück und löste (parallel zur Hinrichtung zweier Starks durch den Mad King) die Rebellion von Robert Baratheon und Ned Stark aus. Im Zuge dieser fanden König Aerys, Elia, nicht-Jon/Aegon, Rhaenys und Rhaegar selbst den Tod. Geschichte ist kompliziert; selbst ausgedachte Geschichte. Lyanna Stark war mit Rhaegars Sohn schwanger und beide waren, wie sich nun herausstellte, legitim verheiratet, was den Sohn, den Lyanna im Tower of Joy genannten Turm geheim zur Welt brachte, zum legitimen Thronfolger der Targaryen Dynastie macht. Und so teilte die sterbende Lyanna ihrem Bruder Ned mit ihren letzten Atemzügen mit, als semi-romantischer Versuch, Rhaegars Dynastieträume und Familientradition zu ehren, der neugeborene Sohn möge Aegon heißen jedoch angesichts der Rebellion unter einem anderen Namen aufwachsen. Der Kreis schließt sich.

Welche Rolle spielt Cersei Lannister?

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Das also ist der Thron, die Klingen der Feinde Aegons. Doch Baelish bezeichnete den Thron und das Reich, das Monument und Vermächtnis Aegon Targaryens, als eine Lüge. „A story we agree to tell each other over and over until we forget that it’s a lie.“ („Eine Geschichte, die wir einander wieder und wieder erzählen, bis wir vergessen, dass sie eine Lüge ist.“) Geschichte ist eine Fabel, auf die man sich geeinigt hat, wie manch historisch bedeutsame Figur unserer Welt es formuliert haben soll. Aegon der Eroberer war in erster Linie das, ein Eroberer. Zunächst einmal nicht anders als z.B. Alexander der Große, dessen gewaltiges Reich bekanntlich nie wirklich geeint war und kaum seinen Tod überdauerte. Aegon Targaryen gründete zwar eine Dynastie, die mehrere Generationen überstand, doch die Einheit des Reichs und damit der Herrschaftsanspruch des jeweiligen Königs sind – so Baelish – eine Illusion, auf die man sich geeinigt hat. Das Reich sind sieben Königreiche, mal mehr, mal weniger erfolgreich in einem vagen Nichtangriffspakt vereint. Die Grenzen der Königreiche sind Kriegswunden, Risse und Narben auf der Landkarte, die jederzeit aufzubrechen drohen. Das zeigt nicht zuletzt die Rebellion Robert Baratheons, der mithilfe von Ned Stark (und Königsmörder Jaime Lannister) die Targaryen Dynastie beendete bzw. pausieren ließ. Das zeigt aber explizit die bisherige Handlung von „Game of Thrones“, wo der Tod bzw. der Mord an der Hand des Königs und ein paar wohlplatzierte Falschaussagen zu Krieg, Tod und Verderben führten.

Der „Krieg der 5 Könige“ hat mittlerweile allen fünf Königen (Joffrey Lannister/Baratheon, Robb Stark, Stannis Baratheon, Renly Baratheon, Balon Greyjoy) Kopf und/oder Leben gekostet. Die 7. Staffel sah jüngst die einst ruhm- und einflussreichen Häuser Martell und Tyrell quasi komplett ausgelöscht, kleinere und doch wichtige Häuser wie Tully, Frey, Tarly und Arryn erlitten ein ähnliches Schicksal oder fanden sich durch fingierte Hochzeiten (Ach, Littlefinger…) deformiert wieder. Cersei Lannister, Erste ihres Namens, jüngst nach einem als Unfall getarnten gewalttätigen Coup zur Königin von Westeros (abzüglich des abtrünnigen Nordens) gekürt, pocht in Episode 701 gegenüber Bruder/Liebhaber Jaime darauf, doch tatsächlich die Herrscherin der Sieben Königreiche zu sein. Sie meint es bildlich, meint das Reich, Jaime antwortet wörtlich: „Three, at best.“ Maximal drei Königreiche sind Cersei zum aktuellen Stand geblieben. Und kurz darauf sackt Daenerys den Lannister-Sitz Casterly Rock ein, den Jaime taktisch klug opferte.

Kann die Armee des Night King aufgehalten werden?

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Die Sieben Königreiche sind ein Reich, welches nie wirklich nur ein Reich war und dem gerade ein neuerlicher Krieg oder die komplette Vernichtung durch Untote droht. Gehen wir mal optimistisch davon aus, dass „Game of Thrones“ nicht mit der Vernichtung der Welt durch Eiszombies endet, obwohl die Serie ja immer dann am spannendsten war, wenn simplem Optimismus der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, wenn mutmaßliche Heldenfiguren schwerwiegende Makel und vermeintliche Schurken doch ein Herz oder politischen Scharfsinn offenbarten. Diese moralische Grauzone ist der Serie in den vergangenen Jahren ein wenig abhandengekommen, doch selbst in den ambivalenteren Zeiten von Ned Starks Tod, nach der Schlacht von Blackwater, der berüchtigten Red Wedding oder Joffreys Tod konnte man irgendwie davon ausgehen, dass diese Geschichte nicht in der Zombie-Apokalypse enden würde. Andererseits … warum spielen die Spin-Off Serien allesamt chronologisch vor „Game of Thrones“? Vielleicht, weil GOT das Ende der Welt bereithält?

Dennoch: es ist wahrscheinlicher und spannender davon auszugehen, dass die Armee der Toten um den Night(‘s) King irgendwie besiegt wird. Er ist nicht der zentrale Widersacher der Geschichte, ganz egal, ob er nun eine Metapher zum Klimawandel ist oder nicht. Die Widersacher und Antagonisten dieser Geschichte sind die Menschen selbst, ihre Gier, Eitelkeit und Selbstsucht. Der Night King ist nur ein höherer Einfluss, ein Mittel zum Zweck. Nicht ohne Grund wurde in Episode 706 explizit darauf hingewiesen, dass die Zerstörung eines echten White Walkers (denn die Wight bzw. Wiedergänger genannten Zombies sind bekanntlich etwas Eigenes) den „Tod“ umstehender bzw. von diesem Walker auferweckter Zombies zur Folge hat. Das heißt, dass der Night King trotz Eisdrachen mit Nuclear Breath irgendwann irgendwie tödlich getroffen und damit sämtliche Zombies verenden lassen wird. (Ich glaube nicht dran, aber ich würde applaudieren, servierte uns die Serie einen „Helden“ wie die Harry Potter Bücher und Filme mit Neville Longbottom, wenn plötzlich und unerwartet Podrick Payne den entscheidenden Treffer gegen den Night King landet.)

Wir schauen nun einmal „Game of Thrones“ und der Night King hat weder Anspruch noch Interesse auf und am Eisernen Thron. Wir wissen nicht genau was er will. Selbst wenn er über Westeros und die Welt regieren will, braucht er dazu nicht den Thron, diese für ihn irrelevante Erfindung der Menschen. Auf der Zielgeraden wird das Spiel der Throne zwischen Cersei Lannister und Daenerys Targaryen ausgetragen, mit Euron Greyjoy, Jaime, Sansa und Jon Snow als Zünglein an der Waage. Jon Snows neuer Name und neue Abstammung könnten zum Problem werden. Den bereits vollzogenen Inzest zwischen Tante und Neffe mal ignoriert (Inzest ist ja Targaryen Tradition, wie wir wissen. Und bei den Lannisters sieht es auch nicht besser aus.) ist Jon Snow alias Aegon als Sohn von Rhaegar Targaryen in der Thronfolge über Daenerys anzusiedeln. Jon/Aegon ist der letzte legitime männliche Erbe von Mad King Aerys II und könnte die kurze Passage der Baratheons und Lannisters wieder umkehren. Denn Thronfolge ist eine Sache von erstgeborenen Söhnen und deren Söhnen; Frauen, und damit Daenerys, wären eine Ausnahme aus Mangel an Alternativen, wie sie in der Geschichte der Targaryens in Westeros noch nicht vorgekommen ist.
Doch Jon Snow ist ganz seines Ziehvaters Ned Starks Sohn; ein bescheidener Mann, der weder Lord Commander der Night’s Watch sein wollte, der nicht Lord of Winterfell und nicht King in the North sein wollte, und der demnach wohl nur zu gerne Daenerys den Vortritt gewähren würde. Das entspräche vielleicht nicht der offiziellen Rangfolge – und Dany wird sich daran stören – doch die Thronübernahme wäre so oder so eine Art gewaltsame Übernahme; wer schert sich da noch um die rechtmäßige Rangfolge? Das alles vorausgesetzt, dass Jon/Aegon nach dem Krieg gegen die Armee der Toten überhaupt noch lebt. Die Serie könnte dies noch etwas verstärken, doch in gewisser Weise sehnt sich Jon doch nach dem Tod, wenn auch erst, nachdem alles geklärt wurde.

So vollendet und wiederholt Daenerys das, was ihr Vorfahr Aegon I. begonnen hatte. Beide kamen mit drei Drachen und einer gewaltigen Armee als Invasoren aus dem Osten und eroberten Westeros. Aegon der Eroberer und Daenerys die Eroberin. Als Mutter der Drachen, Sprengerin der Ketten und der ganzen Litanei, die die arme Missandei mittlerweile bei jeder offiziellen Vorstellung runterrattern muss, ist es Daenerys‘ explizites Ziel, den Thron zu besteigen, die Sieben Königreiche zu beherrschen und zu einen, eine gnädige und liebende Königin zu sein, die Frieden und Wohlstand in einer „besseren Welt“ verspricht. Doch Drachenmutters Befreiung der Sklavenbucht von Essos, in Astapor, Yunkai und insbesondere Meereen war ein schwieriges und nur bedingt erfolgreiches Unterfangen. Daenerys war unerfahren, naiv, „impulsiv“, wie Tyrion es später nennen würde. Westeros und die Sieben Königreiche sind um ein Vielfaches größer als die Sklavenbucht und mit ihrer verzwickten Historie sicherlich nicht einfacher zu regieren als Meeren. (Was macht Daario Naharis eigentlich?)

Zumindest in dieser Theorie ist Daenerys Targaryen die zentrale Figur am Ende.

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Was also – und jetzt kommt wirklich der sprichwörtliche Punkt – wenn Daenerys erkennt, dass sich das Reich nicht einen lässt? Was, wenn ihr ständiges Beharren auf „bend the knee“ („knie nieder vor mir“) und rigide Loyalität auf wenig Gegenliebe stößt, wenn sie einsehen muss, dass die Lüge um den Thron, um die Klingen der Feinde Aegons, wahr ist? Daenerys ist bis zum aktuellen Stand noch immer zentral motiviert, ihrer Familienbestimmung nachzukommen und den Eisernen Thron zu besteigen. Ungefähr dort war sie bereits am Ende von Staffel 1. Die Armee der Toten ist für sie ein ernstzunehmendes, aber in erster Linie lästiges Side Quest, wenn man so will. Es soll noch etwas zum Regieren geben, also müssen die Toten, nun ja, sterben. Daenerys will den Thron, will den Platz der ihr, wie sie glaubt, rechtmäßig gebührt. Sie will sich einreihen in die Ahnengalerie ihrer Vorfahren, will es Aegon dem Eroberer gleichtun und es besser machen. Es war immer klar, dass die Serie und die Macher ein besonderes Faible für Daenerys hatten. Das färbte auch auf mich ab. Der „Kauf“ der Unsullied (Unbefleckten) in Astapor (304) mit dem ersten (zweiten?) „Dracarys“ der Serie ist noch immer der wirkungsvollste „Epic Moment“ in GOT überhaupt, noch stärker als Hardhome, die Vernichtung der Dothraki Khals oder jüngst die flammende Zerschlagung von Jaime Lannisters Armee. Die Serie stand auf Danys Seite selbst wenn sie unbeschreiblich plump und naiv (wie u.a. auch schon in Qarth, Staffel 2) agierte, in der Hoffnung auf Besserung. Mit Jon (und Davos), Tyrion und Varys (und Jorah und Missandei) an ihrer Seite kann sie besagte „Impulse“ kontrollieren und überlegter handeln. Doch die finale Erkenntnis, der Wandel, die maßgebliche Epiphanie im Entwicklungsprozess von Daenerys Targaryen fehlt noch.
Die Sprengerin der Ketten, die so viel durchlitten hat, um ihrem einen Traum vom Eisernen Thron nahezukommen, könnte zur Sprengerin des Reichs werden. Wenn der Night King und die Totenarmee Geschichte sind, wenn Cersei Lannister und ihr Ungeborenes das Zeitliche gesegnet haben, kommt für Daenerys Stormborn die Erkenntnis über die Wahrheit des Reichs. „A story we agree to tell each other over and over until we forget that it’s a lie“, wie Baelish sagte. Aegon der Eroberer hatte kein Anrecht auf den Thron; er zwang sich auf ein neu geschaffenes Symbol und herrschte über Länder, die nicht zusammen gehörten. Die Targaryen Dynastie in Westeros ist, betrachtet man ihren Ursprung, nicht legitim, womit auch der Anspruch von Daenerys nicht legitim ist. Durch ihre zahlreichen Berater (wäre es nicht schön, Lady Olenna noch an Danys Seite zu sehen?) hat Daenerys‘ Vorstellung ihrer eigenen absoluten Herrschaft neue Facetten bekommen. So, wie sie auf Jon, Tyrion, Varys, Jorah, Missandei und sogar Grey Worm vertraut, wie sie ihren Rat sucht, hört und (bisher noch schwammig) befolgt, so erkennt sie eine neue Zukunft des Reichs. Ein Reich unabhängiger Königreiche und Häuser, die in einem gleichwertigen und sicherlich nicht immer rosigen Vertrauensverhältnis stehen, ihre jeweilige Unabhängigkeit jedoch bewahren. Unterstützung statt Beherrschung: Eine Westerosi Union.

Petyr Baelish hatte in seinem großartigen Monolog über Throne, Klingen, Chaos und Leitern ähnliche und doch ganz andere Pläne. Varys warnte vor dem Chaos, dem Abgrund („gaping pit“), der sich auftun würde, sollte man das Herrschaftsprinzip des Throns abschaffen. Aus diesem Abgrund, aus diesem Chaos zog Baelish seine zentrale Motivation. „Chaos is a ladder“ gehört zu den markantesten Zitaten der Serie. Im Chaos könne selbst ein Petyr Baelish irgendwann auf den Thron und an die Spitze der Macht klettern. Inzwischen ist Lord Littlefinger abgestürzt, ist tot und wird mit Sicherheit nicht durch den Lord of Light wiederbelebt, wie es Jon erfuhr. Baelish war besessen vom Leiterwettrennen um Macht; alles Weitere – Liebe, Religion, Illusionen wie „das Reich“ – seien nur Hindernisse, sagte er. Daenerys hat nicht zuletzt auch den warnenden Varys an ihrer Seite. Sie erkennt die Gefahr des Chaos und findet eine Alternative zu Abgrund und Leitern. Vieles hängt davon ab, wie Westeros nach der Eiszombieinvasion aussieht und wer noch lebt, doch Team Targaryen hat bereits Vorkehrungen zu einer Alternative getroffen. Sollte Euron besiegt werden, besteht zwischen Dany und Yara und Theon Greyjoy von den Iron Islands bereits ein Vertrauenspakt. Der Norden, egal ob unter der Herrschaft von Jon/Aegon, Sansa Stark oder Lyanna Mormont, dürfte wohl kaum einen neuerlichen Aufstand anzetteln, solange Daenerys ihre „Impulse“ kontrolliert. Tormund (und Brienne?) erleichtern die Integration weiterer Wildlinge, die sicherlich noch irgendwo rumlaufen. Der Süden ist ohne Martells und Tyrells führungslos, kann von einem Sieger neu besetzt werden. Und in King’s Landing könnten zwei Brüder (obwohl Jaime nahezu garantiert sterben wird) regieren, von denen einer bereits jetzt auf Danys Seite steht. Oder Ser Bronn of the Blackwater erhält mit King’s Landing endlich sein ersehntes Schloss, während Daenerys von Dragonstone aus ein kleines Gebiet regiert und die Führer der übrigen Reiche an einem runden Tisch (klingt vertraut, oder?) als Gleichwertige empfängt.

Daenerys sprach zuletzt von der Zerschlagung eines metaphorischen „Rads“ in Westeros; das Rad der Knechtschaft, der Diktatur ihrer Vorgänger auf dem Thron. Am Ende von „Game of Thrones“ wird Daenerys Targaryen erkennen, dass dieses Rad der Eiserne Thron selbst ist, den es zu zerschlagen gilt. Sie ersetzt dieses Rad durch ein Netzwerk aus Freunden und Vertrauten mit flacher Hierarchie. Die letzte Überlebende der mächtigsten Dynastie aller Zeiten beendet die zentralisierte Machtinstitution ihrer Familie, zerstört und beendet das Spiel um den Iron Throne. Und welch treffende Ironie wäre es, hätte sie dabei einen Mann namens Aegon Targaryen an ihrer Seite – oder trüge sein Kind in sich.

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Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.