BG Streitgespräch: Das Ende von „Game of Thrones“

27. Mai 2019, Christian Westhus

Winter ist vorüber. Neun Jahre lang beherrschte „Game of Thrones“ die Fernsehlandschaft. Nicht alleine und nicht ausschließlich, aber doch in immer weiter zunehmender Stärke und Größe. Es war eine Serie der Superlative, die nun ihr verdientes Ende genommen hat. Doch ist dieses Ende auch eines, welches die oft enthusiastischen Zuschauer verdienten? Verdienen Zuschauer überhaupt irgendetwas, außer das eigentliche Produkt? Die letzten ein, zwei Staffeln sorgten schon für die eine oder andere gerunzelte Stirn, doch diese abschließende achte Staffel bekam praktisch vom ersten Augenblick an Gegenwind und geriet zwischendurch in einen Sturm der Fan-Entrüstung. Wie gut oder schlecht war das GOT Finale nun wirklich? Und wie sehr beeinflusst ein Ende die Gesamtheit einer Serie, noch dazu wenn sie in Bezug auf ihre Vorlage eine solche Kuriosität ist? Dieses Mal im Duett besprechen die BG Redakteure Christian Westhus und Daniel Schinzig das Ende und versuchen, sich diesen Fragen zu nähern

Das heißt aber natürlich und logischerweise, dass es hier Spoiler für „Game of Thrones“ in seiner Gesamtheit gibt, von Staffel 1 bis zum ganz frischen Ende der 8. Staffel.

Die größte Serie unserer Zeit ist vorbei. Konnten die Erwartungen erfüllt werden?

© HBO

Westhus: Ende Gelände, aus die Maus. Oder auch nicht. Der König (die Königin) ist tot; lang lebe der König. (Hat noch jemand Jeremy Irons bzw. seinen Synchronsprecher im Kopf?) Ein Hoch auf Bran the Broken of House Stark, Erster seines Namens, König von Westeros. Als sich mit Tyrions Auftrag in Richtung Jon abzeichnete, dass dies ein nahezu komplett und von vorne bis hinten überraschungsfreies Finale wird, fragte ich mich, ob überhaupt die Möglichkeit bestand, dass das Ende nach dem Vorlauf dieser Staffel noch irgendwie zufriedenstellend werden könnte. Nun, da es vorüber ist, frage ich mich, ob es überhaupt Zuschauer geben kann, die dieses Ende nicht antiklimatisch und unbefriedigend fanden. Hier wurde eine Menge liegen gelassen.
Aber so witzig es auch ist, den (offenbar von ihren Verträgen befreiten und) nun komplett ungeniert und offen sprechenden Castmitgliedern zu lauschen und zu sehen, wie sie wenig bis keinen Hehl daraus machen, dass auch sie unzufrieden mit dem Finale waren, will ich gar nicht so sehr auf der Staffel und auf der Serie rumhacken. Es spielt auch keine wirkliche Rolle, was die Darsteller denken. Mark Hamills Meinung bezüglich „The Last Jedi“ (sorry) hat ja auch nicht über Wohl oder Übel des Films entschieden. So ist es auch hier. Ich persönlich möchte in diesem Streitgespräch gar nicht zu sehr in Negativität abdriften – jedenfalls nicht sofort. Ein paar direkte, oft ultimativ nach der Sichtung entstandene Reaktionen zu den Episoden von S8 finden sich im Forum. Deswegen halte ich es für wichtig, eine Sache früh zu betonen: „Game of Thrones“ ist ohne Frage ein Meilenstein der TV-Geschichte und war lange Zeit eine Sensation, ein absolutes Meisterstück. Soll heißen: Wir würden uns nicht seitenweise Texte durchlesen und stundenlange Podcasts hören, uns nicht über die verpatzte finale Staffel in Streitgesprächen einen (Dire-)Wolf diskutieren, wenn GOT nicht etwas Besonderes wäre oder zumindest war. Ich will durch das schwache Ende nicht vergessen, wie gut und oftmals unglaublich gut diese Serie oft und lange war. Ich möchte herausstellen, wie stark die Adaptionsarbeit (abgesehen von Dorne) war; eine immer undankbare und schwere Aufgabe. Ich möchte mich erinnern, wie absolut perfekt und bemerkenswert das Casting unter der Leitung von Nina Gold und Robert Sterne war, dass Leute wie Lena Headey, Peter Dinklage, Aidan Gillen und Conleth Hill von Minute 1 an „perfekt“ waren, dass Leute wie Emilia Clarke, Sophie Turner, Maisie Williams und Alfie Allen in ihre Rollen hereinwuchsen, und wie Größen wie Liam Cunningham und Charles Dance ihre Figuren ausfüllten. Ich möchte Ramin Djawadis Musik loben und die stetig wechselnde Titelsequenz herausstellen, die nichts anderes als revolutionär war. Und was wäre die Serie ohne diese prächtigen Sets (Productiondesigner Deborah Riley und Gemma Jackson) und die schier unfassbare Kostümarbeit von Michele Clapton. Allein Cersei Lannister trug ein Dutzend Kleider, nach denen sich jeder großbudgetierte Historienfilm die Finger leckt. All diese Elemente wurden verwoben und erhielten einen narrativen und emotionalen Bedeutungskontext, den man in dieser Qualität einfach unglaublich selten sieht – egal ob im TV oder im Kino.
Dies will ich nicht aus den Augen verlieren. Und dennoch, Staffel 8 (und nicht nur Staffel 8) war echt schwach und eine echte Enttäuschung. (Ach ja: Können Drachen Symbole/Metaphern verstehen?)

Schinzig: Drachen sind sogar Feuer und Flamme für Metaphern. Hat man in der Szene, auf die wir hier anspielen, ja gesehen. Hätte man mir am Anfang der Serie gesagt, der Thron sei Sinnbild für die dahinscheidende Qualität von einstmals guten Serien, ich hätte dem keinen Glauben geschenkt. Und doch sah ich den Thron schmelzen, wie auch die Qualität des Storytellings dahinschmolz.
Na gut, jetzt bin ich zu gemein. Denn eigentlich werde ich im Verlauf dieses Streitgesprächs wohl die Befürworter-Rolle des GoT-Finales einnehmen. Warum, weiß ich selbst noch nicht so genau. Vielleicht, um eine Intrige zu schmieden? Vielleicht, um mich dem Verhalten der Figuren in Staffel 8 anzunähern, die auch oft nicht zu wissen schienen, was sie da eigentlich machen? Vielleicht, um einfach die Streitgespräch-Dramaturgie nicht zu gefährden? Oder wer weiß: Vielleicht gefiel mir ja doch tatsächlich, was in den letzten Folgen geboten wurde?
Zu Beginn sei gesagt, dass mit 8.6 für mich eine monatelange Reise ein Ende gefunden hat. Vor Jahren sichtete ich schon einmal die Thrones-Staffeln 1 bis 3. Doch aus welchen Gründen auch immer: Ich schaute damals nicht weiter. Angestachelt von einem spannenden GoT-Vortrag einer Freundin im Januar begann ich Anfang des Jahres also noch einmal mit der Pilotfolge, um stressfrei, aber ohne große Unterbrechungen das gesamte Abenteuer zu erleben. Das Serienfinale war die erste Folge, die ich nahezu aktuell miterleben durfte. Mission erfüllt. Diese Herangehensweise hat mir natürlich einen anderen Blick auf die letzten Episoden gegeben. Denn ich hatte nicht über ein Jahr Zeit, um mir nun Theorien für den Showdown zu machen oder bestimmte Erwartungen wachsen zu lassen. Für mich ging Staffel 7 direkt in Staffel 8 über. Der Sog wurde nicht unterbrochen, baute sich stattdessen immer weiter auf. Doch am Ende bleibt die entscheidende Frage die gleiche: Haben sich diese rund 73 Stunden Abenteuer gelohnt? Ein entschiedenes „Ja“ von mir.
Kollege Westhus, du zählst ja schon unzählige Sachen auf, weshalb dieses HBO-Prestige-Projekt ungeachtet unglücklicher Entwicklungen auf den Zielgeraden auf ewig in die Geschichtsbücher der Fernsehunterhaltung eingehen wird. Ich ergänze: Auch das, was uns in Staffel 8 erzählt wurde, war große Klasse. Wie es uns erzählt wurde, allerdings nicht…

Ein Stark ist König von Westeros. Doch ist Bran überhaupt noch Bran?

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Westhus: Okay. Haken hinter. Wir haben festgestellt und noch einmal betont, dass GOT in seiner Gesamtheit eine große und lange Zeit wirklich herausragend gute Sache war. Jetzt kann es ans Eingemachte gehen. Also zu den valyrischen Klingen gegriffen, um mal unnötig verspielte Rhetorik zu bemühen. Ungefähr so, wie die finale Folge unnötig verspielte Symbolik und Bilder bemühte. Nein wirklich, als Daenerys „ihre“ großen Flügel ausbreitete, um ihre ergebenen Krieger zu empfangen, musste ich derart laut lachen, dass ich befürchtete, die halbe Nachbarschaft aufgeweckt zu haben. Das war die Art von super plumper Bildsprache, die GOT siebeneinhalb Jahre praktisch nicht nötig hatte. Ich setze mir mal kurz den Alu-Hut auf und spinne herum, weil es irgendwie so gut zusammenpasst, auch wenn es eigentlich unfair und womöglich unzutreffend ist: Benioff und Weiss sind Autoren, aber keine Regisseure. Sie haben zuvor zwei Episoden inszeniert, in Staffel 3 und 4. Durchschnittsepisoden, wie es scheint, auf dem hohen Grunddurchschnitt dieser Staffeln. Aber als Chefs haben sie sich natürlich auch das Finale gesichert, wollten den Abschluss komplett selbst in die Hand nehmen, auch als Regisseure. Literarisch kann man so eine metonymische Verbindung zwischen Daenerys, ihrer Abstammung und den Drachen problemlos machen. So wurde es auch in den Büchern gehandhabt und in der Serie im Dialog übernommen. Dany ist ein Drache, der Drache, die Drachenkönigin – wie auch immer. Man hat es verstanden. Deutlicher hätte man nicht werden müssen. Wurde man aber. Super dick aufgetragen, ohne weiterführenden Nutzen. Und dann Drogon, der böse ist auf den Thron. Oder der nach dem Motto „Wenn Mama ihn nicht besitzen kann, dann darf ihn niemand besitzen – buwaaaargh!“ agiert. Einfach super seltsam. (Und wirklich, war im Finale keine Zeit, um Daenerys eine vernünftige Schlussszene zu verpassen? Musste sie derart seltsam und lieblos aus dem Plot entsorgt werden? Warum nicht in der albernen Montage am Ende eine kurze Szene, in der wir Drogon über dem alten Valyrien kreisen sehen? Er hat Dany wieder nach Hause gebracht. Irgendwie so. Aber es gab gar nichts und das haben weder Daenerys Jelmāzmo noch Emilia Clarke verdient.)
Und vielleicht projiziere ich ein wenig, da nach spätestens zehn Minuten nahezu vollständig klar war, was in der restlichen Stunde folgen wird, aber die finale Folge war super zäh, sehr schleppend inszeniert, mit einer aufgesetzten Dramatik, die nur Tempo rausnimmt, statt wirklich zu berühren. Die humoristischen Einschübe beispielsweise durch (Drogon,) Sam und die erste Versammlung des neuen Small Council wirkten deplatziert, ungeschickt integriert. Bronn plötzlich und unvermittelt dort sitzen zu sehen, ist an unfreiwilliger Komik kaum zu überbieten. Ich hatte es nach 805 im Forum schon vermutet und es hat sich bewahrheitet: Die gewaltige Tragik, wenn der große Held seine gefallene Liebe zum Schutz der Welt opfern und töten muss, verpufft einfach. Da war nichts. Nicht nur war es nach 805 absolut sonnenklar, es war auch noch schwach inszeniert, irgendwie beiläufig. Und das ist nur in Teilen Benioff/Weiss anzukreiden, denn es fällt zurück auf das zentrale Problem der späteren Staffeln: die Beziehung aus Daenerys und Jon Snow funktioniert einfach überhaupt nicht. Null. Oder hast du das anders empfunden, Daniel? – Ganz abgesehen davon ging mir arg gegen den Strich, wie sehr Jon im Folgenden durch Musik und Bildsprache zum großen tragischen Helden stilisiert wird, der zusätzlich die Last als Bauernopfer auf sich nehmen muss, denn potzblitz, Undank ist der Welten Lohn und der stille Held wird ins Vergessen abgeschoben und so. Ist das hier noch GOT? Denn nicht nur ist diese „notwendige“ Ermordung einer Geliebten ein beschissenes Klischee, es ist auch maximalst problematisch und unangenehm, insbesondere dann, wenn es narrativ so unnötig ist und von der Regie so zelebriert wird. Westeros hatte nun nach Jahrtausenden zum ersten Mal zwei Frauen hintereinander an der Macht. Beide sind zu schlimmen Tyranninnen geworden und mussten mit Gewalt abgesetzt werden. Ist das die Message?
Das ist dann die große Frage danach: was lernen wir aus dieser Serie, was nehmen wir mit? War es einfach nur gute Unterhaltung und lange Zeit gutes Drama? Ich bin ja der Meinung, keine Geschichte kann jemals a-politisch sein. Und GOT war oft explizit politisch. Was für ein Statement ist diese Serie mit diesem Abschluss im Jahr 2019 und darüber hinaus?

Schinzig: Kann man überhaupt die Frage nach dem Statement für das Jahr 2019 stellen? Denn offenbar ist der Ausgang ja schon von Beginn an so vorgesehen gewesen und basiert auf Notizen von Martin selbst. Was heißt, dass man sich wohl eher die politische Situation der Realität zu Beginn des Werks anschauen müsste. Wobei das natürlich müßig ist. Denn dass das Finale nunmal jetzt ausgestrahlt wird, heißt für die Rezepienten, dass es auch mit dem Hier und Jetzt verbunden wird.
Wunderbar, da ich mich nun in wenigen Sätzen direkt selbst widerlegt habe, kommen wir nun zu dem, was du eigentlich wissen möchtest: Was sagt uns „Game of Thrones“ am Ende eigentlich? Was stellst du eigentlich immer für intrigante Fragen? Egal, was ich antworte, du stichst mir dann ja doch wieder den Dolch in den Rücken. Aber nun gut, Paranoia beiseite. In aller Plumpheit: Politik ist kacke. Monarchie verdirbt den Charakter, Diktatur ist nur was für die ganz Irren und über Demokratie kann man eh nur lachen. Setzen, Sam, Sechs! Der Thron als Zeichen für das, was das Schlechteste im Menschen hervorbringt und dann verschwinden musste: Joa, warum denn nicht? Eigentlich ganz nett, dass der Zuschauer ewig rätseln sollte und wollte, wer am Ende seinen Allerwertesten auf den tausend Schwertern parkt und sich dann anschauen darf, wie die wohl berühmteste Sitzgelegenheit der jüngeren Popkultur mal eben so in sich zusammenfällt. Die nächsten Könige werden nicht mehr durch Abstammung bestimmt, sondern gewählt. Eigentlich auch nett, wobei: Ob das nun jetzt für weniger Ärger sorgt sei dahingestellt. Und dass sich Bran auf Wahn reimt kann auch kein Zufall sein. Übrigens, ein kleiner Fanwunsch, der nichts mit dramaturgischer Logik zu tun hat (also zur achten Staffel passt): Ich hatte mir Davos als neuen König gewünscht und dachte bei Tyrions Ansprache sogar kurz, dass er es werden könnte. Ach, Davos. Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Immerhin durfte er im Finale noch ein paar nette Momente haben: „Ich weiß gar nicht, ob ich stimmberechtigt bin, aber: Ja!“. Ach, herrlich.
Man merkt glaube ich anhand der Art, wie ich gerade auf die finalen Geschehnisse zurückblicke, dass ich desillusionierend hinnehme, hier nun nicht mehr und nicht weniger anspruchsvolle politische Botschaft herauszulesen, als aus einem typischen, qualitativ ordentlichen Sommerblockbuster. Ja, ich neige generell eher als du dazu, mich der Oberflächlichkeit der Dinge hinzugeben und fragwürdige Sachen zu übersehen oder übersehen zu wollen. Aber in diesem Fall bin ich da selbst sehr traurig drüber. Denn mindestens fünf bis sechs Staffeln lang wurde anderes geboten. Und auch ich als Fan der seichteren Unterhaltung wusste das extremst zu schätzen. Ob Staffel 8 das ist, was der Zuschauer verdient hat oder ob Zuschauer generell etwas verdienen, um die Formulierung aus der Streitgespräch-Einleitung mal aufzugreifen, steht auf der einen Seite. Ich beantworte stattdessen die andere Seite: Staffel 8 ist etwas, das die Serie so nicht verdient hat. Sie hätte Staffel 8, 9 und 10 verdient. Jeweils gefüllt mit 10 Episoden. Staffel 8 konzentriert sich auf die Weißen Wanderer mit der Schlacht als Finale. Staffel 9 konzentriert sich auf den Kampf um den Thron gegen Cersei, im Finale passiert, was langsam in vielen Folgen vorbereitet wurde: Daenerys wird wahnsinnig. Staffel 10 konzentriert sich dann nochmal komplett auf den Kampf gegen die faschistische Daenerys und lässt sich lange Zeit für einen Epilog. Dazwischen noch die ehemals üblichen Intrigen und Verwicklungen, die ungeahnte Seiten der Beteiligten zum Vorschein bringen und ganze Ketten an grausamen Geschehnissen in Kraft setzen, statt einer Cersei, die Wein saufend aus dem Fenster guckt und schließlich im Keller stirbt. Ja, das wäre was gewesen. Gut, an der fehlenden Chemie zwischen Jon und der Drachenkönigin hätte das nun auch nichts geändert – ja, ich gebe dir hier recht – aber vielleicht hätte die Beziehung zwischen den beiden ja mit wesentlich mehr Zeit trotzdem etwas mehr hergemacht. Was hältst du von meinem Vorschlag?

Die finale Staffel polarisierte stark.

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Westhus: Intrigante Fragen? Ich?! Niemals. Das ist nur mein innerer Varys. Was ich von deinem Vorschlag halte? Er ist mindestens eine Staffel zu lang, aber die Eckpunkte sind vollkommen richtig. Mehr Zeit wäre nett gewesen. Es wäre auch schon viel geholfen, wären die Staffeln 7 und 8 in gewohnter Form gekommen, mit jeweils zehn Episoden. Das hätte schon viel bewirken können. Eine ganze Episode nach dem Tod des Nachtkönigs, in der Daenerys den Verlust ihres wichtigsten menschlichen Beraters, Jorah, verarbeitet, in der sie und Missandei noch einmal daran erinnern, wie wichtig sie auch emotional für einander sind, ehe dann das offenbar Unvermeidliche passiert. Und ja, auch mehr Zeit für Cersei, die dann mehr zu tun gehabt hätte, als beschwipst aus dem Fenster zu schauen. (Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, aber was für eine abartig unwürdige finale Staffel für Cersei und für Lena Headey.)
Die Sache mit der „Botschaft“, mit der Frage nach der zentralen Idee innerhalb von GoT, will ich noch nicht ruhen lassen. Du sagst, man müsste sich bei GRRM orientieren, bei seinen Anfängen. Du relativierst es ja selbst ein wenig und ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Martin interessiert in diesem Fall erst einmal (fast) gar nicht. Seine Inspirationen aus Tolkien und englischer Geschichte, insbesondere der Rosenkrieg (War or the Roses), sind bekannt. Kann man z.B. Cersei als Thatcher-Analog sehen? Ist eigentlich zu spät und für das Serienende irrelevant. Benioff/Weiss haben die Bücher überholt und bereits zu Adaptionszeiten in einigen großen Details verändert. Sie hatten letztendlich sämtliche Freiheiten, das Ende so zu gestalten, wie sie es für richtig hielten. Sie hatten die Freiheiten, auf die Umstände unserer (und damit auch ihrer) Zeit zu reagieren. Und selbst wenn sie es nicht bewusst taten, so schleicht sich ein solcher Einfluss einfach auch automatisch ein. Und losgelöst von Autorintention (Tod des Autors und die ganze Chose), reagiert Kunst eben immer mit dem Rezeptionskontext. Das klingt jetzt dick aufgetragen, aber selbst wenn Martin Mitte der 90er schon festgelegt hatte, dass Sansa Königin eines unabhängigen Nordens würde, so wirkt Sansas Wunsch nach Unabhängigkeit in der Serienversion doch eigentlich unmissverständlich wie ein Pro-Brexit Statement. Es ist zudem ein arg naiver Wunsch, ist der Norden doch nach der Versorgung von Danys Armee und dem gewaltigen Krieg mehr als geschwächt und steht dem angeblich längsten Winter seit Generationen bevor. Ist es damit doch Brexit-Kritik? Ich würde das verneinen, doch das ist ein anderes Thema.
Arya stellt die Frage, was es westlich von Westeros gebe, bereits in einer vorherigen Staffel, aber das Ziel ihrer Reise am Ende von S8 ist klar: die Neue Welt, Amerika. Quasi. Um doch noch einmal auf Autorenschaft zurückzukommen: Martin, Benioff und Weiss sind allesamt Amerikaner, doch Bücher und Serie sind durch britische/europäische Geschichte inspiriert und explizit britisch kodiert. Auch das beeinflusst, wie wir eine Geschichte wahrnehmen. (Und Tyrion erinnert uns in seiner Ansprache ja, dass Geschichten die beste Waffe seien.) Vielleicht hatte ich diesen Aspekt unterschätzt, als ich meine „Wie könnte GOT enden“ Theorie im Prinzip zu einer Anti-Brexit/Pro-EU Botschaft konkretisierte. Stattdessen haben wir nun die Abschaffung einer rigiden Erbmonarchie. Immerhin. Doch der Umgang mit Cersei, Daenerys und auch Jon wirkt zumindest auf mich stärker als die politische Neuformung von Westeros. Es wirkt auch ohne Eisernen Thron alles irgendwie vertraut. Nun sitzt jemand auf einem neuen (fahrbaren) Thron, bei dem man in Frage stellen muss, ob er überhaupt noch wirklich ein Mensch ist, wie viel Bran wirklich noch in ihm steckt.
Aber, um das in unserem finalen Akt vielleicht noch einmal in eine andere Richtung zu lenken: Was genau ist mit der Serie passiert und wann ist es passiert? Oder ist das alles nur subjektiv und wir halten es für unmissverständlich, da wir beiden einer Meinung sind, was die Qualitätsverflachung der letzten Jahre betrifft?

Schinzig: Was ist passiert und wann ist es passiert? Wunderbare Fragen. Zu sagen, das Schiff begann zu wanken, als die Vorlage erschöpft war, ist mir zu einfach. Denn bei der Adaptionsarbeit haben die beiden Showrunner ja zum großen Teil gute Händchen bewiesen. Und schon die sechste Staffel musste zu einem Großteil ohne Vorlage auskommen, hatte in meinen Augen aber noch eine wahnsinnig hohe Qualität – Alleine das Staffelfinale war Gold wert. Ich behaupte also einfach mal, dass Benioff und Weiss gute Autoren sind. Gute Autoren, die eventuell ausgebrannt waren und eine Auszeit von Westeros brauchten? So etwas habe ich zumindest mal aufgeschnappt. Mit Staffel 7 begann dann das Hetzen.
Nun ist das hier aber immer noch ein Streitgespräch. Also lass uns streiten. Mir hat Staffel 7 noch wunderbar gefallen. Das wesentlich beschleunigte Tempo und sich durch den Fantasy-Kontinent beamende Truppen waren auffallend, der Plot um ein „Selbstmordkommando“ nördlich der Mauer, das einen Weißen Wanderer fangen und nach Königsmund bringen soll, überbietet an Dummheit sogar das Meiste aus Staffel 8 – aber doch, ich mochte Staffel 7. Die letzte Folge hatte gar eine ganz vortrefflich melancholische Atmosphäre.
Und jetzt kommt der Knaller: Ich mochte irgendwie auch Staffel 8! Hier wurde mit ganz vielen Tugenden gebrochen. Das haben wir nun schon mehr als genug erwähnt. Plötzlich ging es den Strippenziehern (die hinter der Serie, nicht die innerhalb der Serie…) nicht mehr darum, dass Handlung durch Entscheidungen, Intrigen und Pläne der Protagonisten in Gang gesetzt wurde, sondern nur noch darum, dass die Protagonisten um jeden Preis zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sind. Nicht mehr die Handlung ergab sich aus den Taten der Charaktere, sondern die Charaktere wurden zu Sklaven der Handlung, ohne Rücksicht darauf, ob deren dafür notwendiges Tun überhaupt noch im Sinne der Figur ist. Keine Zeit mehr für Umwege, keine Zeit mehr für Charaktertreue.
Zumindest in auffällig vielen Momenten war das der Fall. Was aber blieb – und eigentlich ist das nicht genug – waren liebgewonnene Gesichter und ein extrem hoher Produktionsaufwand, gepaart mit der Ahnung, dass es in die Endphase geht und schlimme Sachen passieren könnten. All diese negativen und gar nicht mal so negativen Aspekte sorgten dafür, dass mein Puls in dieser so umstrittenen Staffel so hoch schlug wie selten zuvor. Folge 2 war meiner Meinung nach sogar ein Höhepunkt der gesamten Serie und selten war „Die Ruhe vor dem Sturm“ so wörtlich zu nehmen wie hier. Die „Lange Nacht“ hat mich dann auch sehr bei Atem gehalten. Ich bin wohl einer der wenigen, die sogar die sehr dunkle Atmosphäre vollkommen in Ordnung finden. Gestört hatte mich hier nur, dass sich plötzlich ein paar zu auffällig nach Hollywood-Kino anfühlende Momente eingeschlichen haben. Der endgültige Sieg über den Nachtkönig war dann sogar unverschämt konventionell.
Und jetzt kommt der größte Aufreger: Ich bin sogar noch mit Folge 4 komplett mitgegangen. Ja, hier hagelte es Logikfehler und dummen Momente. Aber ich wurde in einen solchen Sog gezogen – hier waren aber auch der im Nolan-Zimmer-Modus agierende Ramin Djawadi und das eigentlich doofe gehetzte Erzähltempo dran Schuld. Letztendlich war das aber ein Seherlebnis, das ich nicht missen möchte. Also kann ich für mich ganz persönlich sagen: Das Kartenhaus ist erst mit der vorletzten Folge in sich zusammengestürzt. Dany ist zu abrupt komplett durchgetickert, die aufwendige Zerstörung war zu sehr mit Hollywood-Klischees vollgestopft und jetzt wurde ganz deutlich, dass einige Figuren die ganze Serie hindurch gar keine richtige Funktion hatten. Gast-Regie: Michael Bay? Für dich ist das alles aber schon viel eher in sich zusammengebrochen, oder?

Wie werden wir GOT bewerten, wenn wir in zehn Jahren darauf zurückblicken?

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Westhus: Du immer mit deinem „Sog“. Ach. Was soll das überhaupt heißen? Das riecht nach dieser „Hirn aus“ Logik, mit der man sich gescheiterte Blockbuster schönreden will. (Gute Blockbuster machen auch mit Hirn an Spaß.) Dann sagst du ganz dreist und radikal, dir hätte Staffel 8 doch irgendwie gefallen, nur um danach einige der Gründe aufzuzählen, warum die Staffel eben nicht gut war. Wobei ich zustimme, dass 802 zum besten Drittel aller GOT Episoden gehört, wenn nicht gar zur Top 10. Dein Puls war also hoch. Okay. Was Falsches gegessen? Schlecht geschlafen? Zu viel Kaffee? Vielleicht solltest du zum Arzt gehen. Dass dieser Sog ausgerechnet bei 804 auftritt, macht mich schon stutzig. Ein wilder Euron Greyjoy erscheint. Euron benutzt Ballistas. Das ist super (unangebracht und nicht zu erklären) effektiv! (Euron ist die schwächste Figur der Serie, falls ich das noch nicht erwähnt hatte.) Aber wenn du sogesagt im Sog saßst, kann ich da nur schwer gegen argumentieren. Du erkennst die Schwächen, aber du reagierst und wertest das positiv. Gratuliere. Es sei dir gegönnt, aber bei mir überwog und überwiegt hier die Frustration über schlechtes Plotting, innere Widersprüche und nicht geleistete emotionale Grundarbeit. Und da nicht zuletzt auf diesem Blödsinn Danys „Wandel“ basiert, wirkt das alles noch stärker frustrierend bzw. enttäuschend. Und Djawadi hat auch schon Besseres abgeliefert.
Wann ist das Kartenhaus für mich eingestürzt? Nun, die Sache mit dem Kartenhaus ist ein in diesem Falle unpassendes sprachliches Bild. Ein Kartenhaus fällt plötzlich und mit einem einzigen Fehler in sich zusammen. Beim Scheitern einer Handlung ist es selten so einfach. Manchmal bleibt bei einem Kartenhaus noch ein kleiner Rest stehen. Erkennt man hier den ersten Fehler? Ist das übriggebliebene Gerippe der „gute Kern“ des Kartenhauses? Ideen und Gefühle zu kommunizieren, ist keine leichte Sache. … Aber genug gealbert: ich habe definitiv schon seit einer ganzen Weile einen Abwärtstrend bemerkt, eine Verflachung. Das ging spätestens mit Staffel 6 los. Oder, Moment, wann gurkte Arya gefühlt endlos bei den gesichtslosen Männern rum und bekam regelmäßig auf die Mütze? Andererseits gab es auch vorher schon mal Handlungsstränge, die nicht so gut waren wie der Rest. Alles rund um Dorne, abgesehen vom Casting von Pedro Pascal, war schwach und wurde dementsprechend schnell unter den Teppich gekehrt. Ich war auch kein Fan von Daenerys in Qarth, obwohl der dort (ehemals) residierende Xaro Xhoan Daxos mit einem göttlich-guten Fantasy-Namen gesegnet ist. Oder war. Aber spätestens mit der Schlacht der Bastarde wurde mir irgendwie klar, wohin der Fokus bei GOT gerückt war.
Man verlor sich (auch) in der eigenen Größe, im Wunsch nach Spektakel. Es ist vermutlich meine Lieblingsszene von Daenerys und meiner Meinung nach einer der besten Momente der Serie, wenn Dany die Unbefleckten in Astapor „kauft“. Das war in Staffel 3. Ich will nicht behaupten, dass GOT zu diesem Zeitpunkt mit einem Standard TV-Budget operierte; das war wohl schon damals überdurchschnittlich. Doch allein diese Szene zeigt, wie gut, intensiv und auch „episch“ GOT mit einem Zehntel der Mittel, der Effekte und der Spektakelgewalt wirken kann. Es ist Emilia Clarkes stärkster Moment (kurioserweise neben ihrem finalen Wandel zur wütenden Drachenkönigin in 805), kommt mit der donnernden Intensität des valyrischen Dialogs, dem perfekt platzierten „Dracarys“, dem wunderbar effektiv aussetzenden Ton, gefolgt von einem tief brummenden „shit just got real“ Sound (quasi), ehe ein 1A Schnitt diese kurze und doch sensationelle Szene zum brutalen, aber irgendwie auch befriedigenden Ende abrundet. Der Shot mit Daenerys im Closeup und dem aufsteigendem Feuer hinter ihr bei mittlerer Tiefenschärfe, hat was von Bay im TV-Format und ist, wenn man mir die Wortwahl verzeihen mag, „saugeil“. Nicht falsch verstehen: Staffel 8 hatte hin und wieder auch Momente, die wunderbar inszeniert waren. Obwohl inhaltlich saudämlich, war die ganze Sache mit den Feuerschwertern der Dothraki stimmungsvoll in Szene gesetzt. Aber in der Vergangenheit wurde visuelle Intensität mit narrativen und charakterlichen Kernmomenten kombiniert, die das Endergebnis um ein Vielfaches (Vielfaches!) intensiver wirken ließen, obwohl es streng genommen „kleiner“ war. Und je länger GOT lief, desto mehr ging es nur noch um Größe, rückte der narrative, charakterliche und emotionale Kontext in den Hintergrund.
Und warum nun? Ich denke, viele Antworten sind gleichzeitig wahr oder teilweise wahr. Mit der größeren Popularität steigt eine Erwartungshaltung. HBO war gerne bereit, das Budget zu erhöhen und die Schauwerte zu steigern, denn man war die TV-Serie mit den Drachen und den epischen Schlachten. Dass Benioff/Weiss nach so langer Arbeit an diesem Stoff irgendwann ausgelaugt sind, kann man auch verstehen. Manche behaupten, sie wären gedanklich schon bei ihren Star Wars Projekten. Und das Wegfallen der Vorlage spielte garantiert und zu 100% eine Rolle. Es ist nur Vermutung, doch vieles in den Staffeln 5/6/7 wirkt in die Länge gezogen, abwartend, läuft im Kreis. Vielleicht, da B/W auf Herrn Martin gewartet haben, in der Hoffnung, es würde wie bei Harry Potter laufen. Doch dazu kam es nicht, also war die Luft raus und der Turbo wurde eingelegt. Das sind alles nur Annäherungen, Vermutungen. Besser machen sie die finale Staffel und die Serie als Ganzes nicht. Aber, wie wir festgstellt haben, zu viel an GOT war zu gut, um über ein misslungenes Ende jetzt zu stark und zu lange erzürnt zu sein.

Mester: Um mich mal kurz Bran mäßig ins Bild zu rollen, mit der Weisheit des dreiäugigen Raben: ich für meinen Teil habe in erster Linie Überraschungen vermisst. Was und wie es gezeigt wurde hat mich offen gesagt wenig gestört, ich fand das alles überdurchschnittlich inszeniert, habe mich keine Minute gelangweilt und kann mit eigentlich fast allen Auflösungen d’accord gehen. Sicherlich können einige Logikfehler stören, man kann sich leicht bezüglich „wieso haben sie nicht…“ Ideen aufregen (Jon Snow ist so ein unfassbar schlechter Anführer) und ja, vor allem hätten sie das mit mehr Zeit würdigen können, aber die Tatsache, dass es so versimplifiziert zuende gegangen ist, ist für mich… tragbar. Natürlich repräsentiert die letzte Staffel nicht die Stärken der ersten, und ja, 8 hat sich fraglos auf seinem Budget ausgeruht, während man anfangs noch mit Charakteren, Dialogen und Handlungen überzeugen musste, aber wenns so gut gemahlen wird, gerne. Besser als ein „Akte X“, das zum Schluss lachend mit Rohrreiniger gegurgelt hat, weil man überhaupt gar keine Ideen mehr hatte. Dennoch waren es glaube ich die unberechenbaren Überraschungen, die GOT stets besonders gemacht haben. Über die längste Spielzeit konnte schlichtweg jeder jederzeit sterben, aber zum Schluss scheinen sie davon abgerückt zu sein, weil man bloß keinen Fanliebling mehr fallen lassen wollte. Und bei der beliebtesten Serie der Welt gibts leider viele beliebte auf einmal. Jep, das Ende von „Game of Thrones“ fiel sehr sanft und gewöhnlich aus, linear und unmutig, aber wenn man von awesome spannend abrückt und bei umwerfend unterhaltsam endet, kann ich gut damit leben. Mir gefiel auch, dass es zum Schluss nicht mehr so viele (meistens völlig unnötige) Sex- und Nacktszenen gab. Da bewies man tatsächlich etwas Reife. Klar, zu Beginn konnte es ruhig gezeigt werden, einige machten auch Sinn, z.B. Daenerys Eröffnungsszene oder ihr Feuerbad, aber gerade im Mittelteil der Serie wurds oftmals bloß belanglos eingestreut, weil eine gewisse Zuschauererwartung da war. So wurden dann belanglose Mönchsgespräche… in einem Bordell geführt, weil Boobs. Zum Glück wird man die Serie nicht dafür in Erinnerung behalten.

Westhus: Da platzt der Mester kurz vor Schluss ungeahnt in diese Diskussion, wie ein wild gewordener Euron Greyjoy. Nicht überraschend genug war es also. Ja, würde ich auch sagen, aber anders. Denn Überraschung ist nicht gleich Überraschung. Einige Überraschungen und Schocks der Serie, ganz zentral die berühmt-berüchtigte Rote Hochzeit, ergaben sich aus der Handlung, waren eingeleitet, vorbereitet und sowohl narrativ als auch charakterlich stimmig. In Staffel 8 war das häufig – und man kann inzwischen ahnen, worauf ich hinaus will – nur Mittel zum Zweck. Wie Eurons Flotte. Die finale Folge war definitiv geradlinig und überraschungsfrei, doch der Rest der achten Staffel hatte nicht zuletzt mit der Schlacht gegen den Nachtkönig, dessen Tod, mit der neuen Lannister-Zusammenarbeit, mit Eurons Flotte, mit Rhaegals Tod, mit Daenerys‘ Entscheidung in Königsmund etc. einige Elemente, die uns ohne Zweifel schocken und/oder überraschen sollten. Und auch das ist nur eine freche Behauptung, aber vieles an Staffel 8 wirkte so, als wollten Benioff/Weiss um jede gängige Facebook/Reddit Fan-Theorie herumschreiben, um bloß „originell“ zu sein. Zumindest beim Thema Nachtkönig wirkte das so. (Und die Nacktheit? „Zum Glück wird man die Serie nicht dafür in Erinnerung behalten“, sagst du und rufst es allen damit noch einmal ganz genau in Erinnerung. Ha.)
Aber na ja, wie gesagt, der Weg die 7000 Stufen hinauf zu Hoch Hrothgar bis zum politischen Neuanfang in Königsmund war es durchaus wert. Die Tatsache, dass unser zentraler Kritikpunkt lautet, die Serie habe mehr Zeit benötigt, dass wir also gerne mehr Zeit hier verbracht hätten, ist eigentlich ein gutes Zeichen. Abschlussfrage: Was wird die nächste Serie, die Popkulturausmaße wie GOT annimmt? Die GOT Spin-Offs? Eine der Star Wars Serien? Amazons Herr der Ringe? Oder war GOT vielleicht die letzte Serie einer gewissen Art, das letzte Beispiel einer quasi global „live“ ausgestrahlten Event-Serie? Wir haben das Finale mehr oder weniger gleichzeitig geschaut. Wird so was mit drölfzig neuen Streamingportalen und 300 neuen Serien monatlich jemals wieder möglich sein? (Und ist diese Frage eher was für ein neues Streitgespräch/den Podcast?)

Schinzig: Der Herr Mester – der fleischgewordene Streitgespräch-Twist. Das kam in der Tat überraschender als einiges in der achten Staffel GoT, wurde aber dramaturgisch nicht ganz so gut von uns eingeleitet. Keiner konnte es ahnen und – plöpp – war er da. Aber dieser Mester-Ex-Machina-Moment war es wert. So wie auch viele Momente der finalen Thrones-Folgen das Gucken und einige Frustmomente wert waren.
Kurzer Einschub: Einen Sog kann man nicht erklären, man muss ihn selbst erleben. Einschub Ende.
Wie geht es weiter? Was bleibt? Was wird kommen? Viele Fragen, viel Stochern im Zukunftsdunst, keine Antworten. Ich würde mich deinem Vorschlag anschließen und eine Annäherung an die veränderten Serien-Rezeptionsgewohnheiten auf einen Podcast vertagen. Generell aber zur Überlegung, was das nächste so große Popkultur-Seren-Phänomen wird: Etwas gänzlich anderes.
Natürlich werden sich jetzt unzählige Produzenten an weiteren Fantasy-Sachen versuchen. Mal düsterer, mal bunter. Mal geerdeter, mal verrückter. Ich behaupte: Nichts davon wird so groß und einflussreich wie GoT werden. Und das ist vollkommen ok. Der nächste Über-Hit wird aber natürlich kommen. Und ich denke, er wird aus einer Ecke kommen, die wir alle noch nicht auf dem Schirm haben. Und er wird vermutlich auch keinen bereits etablierten Franchise-Namen tragen. Aber wie das nächste Phänomen nun auch aussehen mag: „Game of Thrones“ wird unvergessen bleiben.

Und jetzt betretet ihr das Schlachtfeld: Wie hat euch die achte Staffel von „Game of Thrones“ gefallen? Und was haben die zwei Ritter Westhus und Schinzig und ihr Knappe Mester vergessen zu erwähnen? Einfach im Forum mitdiskutieren

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.