„Gotham“: Kritik zur Episode „Selina Kyle“ (S01E02)

4. Oktober 2014, Christian Schäfer

In der Folge „Selina Kyle“ der US-Serie „Gotham“ bekommen es Jim Gordon (Ben McKenzie) und Harvey Bullock (Donal Logue) mit einem Kinderhändler-Ring zu tun, der es auf die obdachlosen Kids der Straße abgesehen hat.

© Fox

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Vorweg: Dieser Artikel enthält Spoiler zum Handlungsverlauf der Episode.

Handlung, Handlung und noch mehr Handlung
Auch wenn sich die Haupthandlung darum dreht, dass Selina Kyle (Camren Bicondova) und andere Kids, die auf der Straße leben, sich vor den beiden Entführern Patti (Lili Taylor) und Doug (Frank Whaley) in Acht nehmen müssen, geht es ebenfalls bei fast allen anderen Figuren in dieser Episode weiter. Bruce Wayne (David Mazouz), Oswald Cobblepot (Robin Lord Taylor), Fish Mooney (Jada Pinkett Smith) – sie alle bekommen einiges an Screentime serviert und auch kleinere Rollen wie Edward Nygma (Cory Michael Smith) oder der Bürgermeister Aubrey James (Richard Kind) haben ein wenig zu tun. Außen vor bleibt diese Woche nur die kleine Ivy (Clare Foley).
Während das im Piloten noch ganz gut funktioniert hat, da alle Figuren im Rahmen der Nachforschungen im Mordfall Wayne zum Zuge kamen und darin eingeflochten wurden, fühlt sich die Episode „Selina Kyle“ etwas überladen an. Es ist zwar nichts dagegen einzuwenden, dass es mehrere parallele Handlungsbögen gibt und diese vorangetrieben werden – schließlich ist das die übliche Vorgehensweise bei einer solchen Figurenfülle wie in „Gotham“ – aber es wäre vielleicht besser, sich pro Folge auf weniger Figuren zu konzentrieren. Als Zuschauer möchte man schließlich nicht Gefahr laufen, den Überblick zu verlieren.

Wayne Manor
Bruce Wayne hatte in der letzten Episode bereits versucht, seine Angst zu meistern – diesmal treffen wir ihn dabei an, wie er sich darin übt, Schmerzen zu ertragen. Dass Alfred (Sean Pertwee) sich Sorgen um den Bengel macht, ist dabei verständlich. Und so bekommt Jim Gordon eine weitere Einladung ins Wayne Manor, denn er konnte bereits im Piloten besser zu Bruce durchdringen als andere Personen dazu in der Lage waren.
Offenbar wird weiter an einer schnellen Entwicklung zum späteren Batman festgehalten, was durchaus einige Fragezeichen im Kopf des Zuschauers verursacht: Klar, der Tod seiner Eltern ist der entscheidende Auslöser dieser Entwicklung von Bruce. Dennoch wäre es vielleicht angebrachter, zunächst ein wenig Trauer beim Milliardärssohn zu zeigen. Es wirkt, als wollten die Macher gleich von null auf hundert gehen, da kann man nur hoffen, dass sie dabei nicht stolpern. Praktisch auch, dass ein Psychiater gleich ausgeschlossen wird. Da könnte Alfred theoretisch nächste Woche gleich zur Waffenausbildung übergehen.
Es bleibt abzuwarten, was die Autoren mit Bruce vorhaben und wie weit sie in den kommenden Episoden gehen werden. Aber momentan fühlt es sich so an, als wenn Batman bereits zum Ende der ersten Staffel eingeführt werden soll – und das dürfte wohl kaum der Fall sein.
Sean Pertwee kann an dieser Stelle noch lobenswert erwähnt werden, seine Alfred-Darstellung lässt nichts zu wünschen übrig – und er bekommt auch jetzt schon zu spüren, dass Bruce sich lautlos anschleichen kann. Eine weitere Eigenschaft, von der die spätere Fledermaus bekanntlich Gebrauch macht.

Pinguin
Oswald Cobblepot sucht das Weite und bleibt Gotham City vorerst fern. Das bedeutet aber nicht, dass er sein Vorhaben, in Gothams Verbrecherkreisen aufzusteigen, bereits zu den Akten gelegt hat. Schon jetzt schmiedet er Pläne für seine Rückkehr und zeigt, dass er ein recht unangenehmer Zeitgenosse für seine Mitmenschen ist.
Taylor darf dabei eine weitere tolle Performance abliefern. Man erkennt den Pinguin jederzeit als solchen – auch die beiden Autofahrer, die den angeschlagenen Oswald mitnehmen, können sich dort eine Bemerkung in diese Richtung (zu ihrem Pech) nicht verkneifen. Die ganzen Schikanen vorher hat Oswald noch über sich ergehen lassen, aber bei der Nennung seines (verhassten) Spitznamens ist Schluss mit lustig. Auch die Maßnahmen, die er später beim überlebenden Fahrer ergreift, lassen darauf schließen, dass eine Rückkehr nach Gotham in nicht allzu weiter Ferne liegt. Er bekommt zwar kein Lösegeld von dessen Mutter, aber die Skrupellosigkeit von Cobblepot ist schon beeindruckend und von den ganzen verbrecherischen Figuren in „Gotham“ ist der angehende Pinguin sicher eine der interessantesten.
In einer kleineren Szene forschen die Major-Crimes Polizisten derweil nach, was aus Oswald geworden ist und befragen dazu seine Mutter Gertrude (Carol Kane). Handfeste Hinweise bekommen sie zwar nicht, aber offensichtlich ist ihnen daran gelegen, stichhaltige Beweise gegen das korrupte Gotham City Police Department zu erlangen. Es dürfte interessant werden, sollte der Pinguin tatsächlich nach Gotham zurück kehren – denn er kann sowohl Harvey als auch Gordon seine Entführung und versuchte Ermordung anhängen, ganz zu schweigen von den anderen Dingen, über die er Bescheid weiß.

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Fish Mooney
In den etwas gehobenen Verbrecherkreisen der Stadt brodelt es weiterhin. Carmine Falcone (John Doman) stattet Fish Mooney einen Besuch ab und macht vor den Augen aller Anwesenden deutlich, dass er sich seine Position nicht so einfach nehmen lässt. Fish reagiert abermals ruhig, nur um kurz nach Falcones Besuch erneut die Furie zu spielen. Sie schwört, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird, bis sie Carmine persönlich mit bloßen Händen (und Zähnen) erledigt – wozu ihr momentan allerdings noch die Mittel fehlen.
Ferner darf Fish unseren beiden Ermittlern, denen sie nun wieder wohlgesonnen gegenüber steht, darauf aufmerksam machen, dass es tatsächlich Entführer in der Stadt gibt, die für jemanden aus Übersee Kinder beschaffen.

Fall der Woche?
Der Fall der Woche dreht sich um die beiden Entführer Patti und Doug, die sich nicht gerade besonders geschickt anstellen, aber trotzdem mehrfach der Polizei entkommen können. Ihren Auftraggeber in Übersee bezeichnen sie als „Dollmaker“, woraus sich schließen lässt, dass es hier nicht unbedingt ein Fall der Woche ist, dem wir beiwohnen. Außerdem wird auch das bekannte Arkham Asylum erwähnt, welches derzeit nicht in Betrieb ist.
Dafür, dass die Episode „Selina Kyle“ heißt, bekommt unsere „Cat“ zunächst nicht viel zu tun und großartig was zu lernen gibt es über die Figur eigentlich nicht – bis sie am Ende gegenüber Jim erwähnt, dass sie gesehen hat, wer die Waynes ermordete. Sollte Gordon tatsächlich in der Lage sein, den Fall zu lösen? Schwer vorstellbar, aber mit dem Cliffhanger freut man sich auf die nächste Episode.
Bei den Ermittlungen kriegen wir erneut eine ordentliche Portion Harvey und Gordon serviert, deren unterschiedlichen Standpunkte wie schon im Piloten im Fokus stehen. Für Jim bleibt es weiterhin schwer, seinen aufrechten Charakter beizubehalten und bei der Befragung von Morry Quillan (Wayne Duvall) hat „Saint Jim“ auch keine Einwände gegen Gewalt am Inhaftierten. Zu seiner Verteidigung: Es geht zu der Zeit um das Leben von gut 30 entführten Kids – darunter auch Selina Kyle.
Wir bekommen dabei erneut zu sehen, wie tief das Verbrechen auch im GCPD steckt. Captain Essen (Zabryna Guevara) hat keinerlei Interesse daran, den Fall der Kindesentführungen an die große Glocke zu hängen und ist sogar erzürnt als das dank Barbaras (Erin Richards) anonymen Anruf bei der Presse doch passiert. Bürgermeister Aubrey James scheint da keinen Deut besser zu sein und lässt die Kinder gleich in den Jugendknast stecken (nur ein paar privilegierte Straßenkids sollen bei Pflegeeltern unterkommen). Gordons Kampf für Gerechtigkeit scheint erneut aussichtslos zu sein, aber immerhin kann er zusammen mit Harvey verhindern, dass der Dollmaker seine „Ware“ bekommt.
Selina darf erst gegen Ende so richtig aktiv werden und einige spannende Momente abliefern. Dafür, dass sie erst 13 Jahre alt sein soll, sieht die Schauspielerin allerdings schon etwas reifer aus (Bicondova ist 15 Jahre alt) und so richtig überzeugen kann sie noch nicht. Schade auch, dass sie von Gordon gerettet werden muss – prinzipiell sogar zweimal: Einmal vor Patti und später vor dem Jugendknast. Aber bevor das jetzt zu negativ klingt: Die Sache von wegen Augen auskratzen war schon köstlich. Und man darf gespannt sein, was sie Gordon nun über den Täter der Wayne-Morde berichten wird.

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Fazit: Nicht ganz so toll wie der Pilot, aber doch eine sehenswerte Folge, die Lust auf mehr macht. Für meinen Geschmack würde es sich besser anfühlen, wenn man sich auf weniger Figuren – und dafür mehr Charakterbildung – konzentriert. Bei Harvey und Jim läuft alles gut (was auch das Wichtigste ist), aber bei anderen Figuren kann durchaus mal eine Auszeit einberufen werden – ich hätte jedenfalls diese Woche gut auf den Bruce Wayne Storybogen verzichten können und hätte dafür gerne etwas mehr von anderen Figuren gesehen, die nur kurz angeschnitten wurden (oder andersrum).

7/10 Puppen

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