„True Detective“: Kritik zur ersten Staffel

28. Mai 2014, Christian Schäfer

Es ist nun schon eine Zeit lang her, dass die erste Staffel von „True Detective“ mit seinen acht Episoden auf HBO ausgestrahlt wurde. In Deutschland läuft die Serie, die in der ersten Staffel eine abgeschlossene Geschichte behandelt, zurzeit noch auf Sky Atlantic und dürfte danach auch ihren Weg ins Free TV oder zu einem VoD-Anbieter finden, bevor sie schließlich auf DVD und BD erscheinen wird. Hier nun ein kleiner Rückblick auf die erste Staffel der Serie, die sowohl von Kritikern wie auch vom Publikum mit Lob nur so überhäuft wurde.

Anmerkung: Wie schon beim Artikel zur ersten Staffel von Hannibal gibt es auch hier einige Spoiler, auch wenn ich versucht habe, den Text so allgemein wie möglich zu halten und die Handlung nicht detailliert beschreibe.

© HBO

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Worum geht es überhaupt?
Kurz gesagt geht es in „True Detective“ um zwei Ermittler und einen Kriminalfall, der sich über knapp zwei Jahrzehnte erstreckt. Aber man würde die Reihe falsch einschätzen, wenn man sie auf einen lang gestreckten Krimi hinunter bricht.
In erster Linie geht es um Detective Rustin Spencer „Rust“ Cohle (Matthew McConaughey) und Detective Martin Eric „Marty“ Hart (Woody Harrelson), die im Jahre 1995 in Louisiana zusammen im Mordfall an der Prostituierten Dora Kelly Lange (Amanda Rose Batz) ermitteln müssen und deren Weltanschauung und Lebensart kaum unterschiedlicher sein könnte. Während Marty den Eindruck eines „normalen“ Ermittlers macht und in erster Linie mit seinen menschlichen Schwächen kämpft – zum Beispiel, wenn es darum geht, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen – hat Rust ein eher nihilistisches Weltbild, lebt alleine und zeigt oft selbstzerstörerische Züge. Aber beide sind gut in ihrem Job und ihre unterschiedlichen Anschauungen führen dazu, dass jeder auf seine Weise den Täterspuren nachgeht, so dass sie schließlich zur Lösung des offensichtlichen Ritualmordes vordringen. Oder doch nicht?
Der Mordfall selbst spielt zunächst eine Nebenrolle, um die Vorstellung und Entwicklung der beiden Ermittler beziehungsweise deren Verhältnis zueinander voran zu treiben. Die Spurensuche geht dabei nur langsam von statten, führt aber im Verlauf der acht Episoden zu einer groß angelegten Verschwörung und zu einem Täter, der den Magen des Zuschauers ausgiebig auf Stabilität testet.

Erzählweise
Die Geschichte von Rusty und Marty wird verschachtelt erzählt. Anfangs besteht die Rahmenhandlung aus einer Befragung der beiden in der Gegenwart (im Jahre 2012) zum 17 Jahre zurückliegenden Fall. Anhand dieser Befragungen beginnt die Serie ihre Ausflüge in die Vergangenheit, um uns den Werdegang der Figuren sowie den Mordfall vorzustellen. Neben McConaughey und Harrelson ist Louisiana ein weiterer Hauptdarsteller, wird der Bundesstaat doch hervorragend genutzt, um visuell beeindruckende Bilder zu liefern.
Sämtliche Skripte stammen dabei von Serienschöpfer Nic Pizzolatto und alle Episoden wurden von Cary Joji Fukunaga in Szene gesetzt. Neben dem hervorragenden Schauspiel der beiden (Haupt-)Protagonisten sorgen Kameraarbeit, Ton und Bilder für eine dichte Atmosphäre, die den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Szene zu fesseln vermag. Selbst in den ersten drei Episoden, die mitunter etwas anstrengend wirken können, schaut man oft mit heruntergefallener Kinnlade zu.
Die Aufmerksamkeit des Zuschauers wird dabei von verschiedenen Seiten gefordert. So erzählen Rust und Marty bei einigen Ereignissen eine andere Geschichte als die, die uns parallel zu ihren Interviews gezeigt wird. Auch versteckt sich eine große Portion Symbolik und Mystik in den Bildern, die wir zu sehen bekommen. Gegen Mitte der Reihe könnte man sogar vermuten, dass sich die Serie auf übernatürlichen Pfaden weiterbewegen wird. Pizzolatto lehnt die Symbolik dabei an „The King in Yellow“ – eine Kurzgeschichtensammlung von Robert W. Chambers – an und die teils philosophischen Ausführungen von Rust tragen weiter dazu bei, dass die Reihe mehr Tiefe bekommt als jeder andere Krimi der Woche. Nach der fünften Episode ist man drauf und dran, sich noch einmal alle bisherigen Folgen anzuschauen und nach den Hinweisen zu suchen, die man vielleicht verpasst hat.
Neben den Ereignissen im Jahr 1995 gibt es eine zweite „Station“ bei den Rückblicken, die im Jahr 2002 zu finden ist. Hier findet eine Art Schnitt zwischen den beiden Protagonisten statt und der mutmaßlich bereits gelöste Mordfall mit seinen einfachen Verstrickungen wird erneut aufgegriffen, um den Weg und Werdegang bis zur Gegenwart in 2012 aufzuzeigen und den Kreis der Ermittlungen und der Interviews zu schließen. Spätestens ab hier wird auch die eher ruhige Erzählweise der ersten Staffelhälfte endgültig beiseitegelegt und das Tempo angezogen.

© HBO

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Beeindruckend von vorne bis hinten
Es gibt viele Dinge, die in der Serie perfekt gelungen sind. Das größte Lob geht dabei sicher an die schauspielerischen Leistungen von McConaughey und Harrelson, die ihre Rollen jederzeit authentisch und mit Bravour verkörpern. Aber auch der restliche Cast weiß zu überzeugen und die Maske hat in Bezug auf die verschiedenen Zeitebenen tolle Arbeit geleistet. Als Zuschauer kann man sich jederzeit in die Figuren und auch die jeweilige Zeit hineinversetzen (wobei das im Falle von Rust vielleicht eher ungesund ist).
Die ruhige Art, mit der die ersten Episoden aufwarten, mag sich stellenweise anstrengend anfühlen. Doch wenn dann der Knoten platzt und die Ereignisse sich plötzlich überschlagen (was in der vierten Episode der Fall ist), kann der Zuschauer diese Szenen (böse Zungen würden vielleicht von einer „Belohnung fürs Durchhalten“ sprechen) umso mehr genießen und wird mit einer Intensität geschlagen, die ihresgleichen sucht. Ein erwähnenswertes Highlight ist dabei eine etwa sechsminütige Actionsequenz ohne jeglichen Schnitt. Atemberaubend.
Spannend ist die erzählte Geschichte allemal und vermag es dabei, dem Zuschauer ordentlich an die Nieren zu gehen. HBO ist bekannt dafür, auch vor drastischen Bildern kein Halt zu machen und „True Detective“ macht davon teilweise auch Gebrauch. Trotzdem werden die härtesten Momente der Reihe der Fantasie des Zuschauers überlassen – was ohnehin effektiver sein dürfte als eine Exploitation von Kindesmissbrauch und/oder -mord.
Apropos HBO und Pay-TV: Nackte Haut gibt es selbstverständlich auch zu sehen. Dabei hat man allerdings nie das Gefühl, dass die Macher lediglich eine Art „Tittenquote“ erfüllen wollen oder müssen. Die (wenigen) Szenen fügen sich in das Geschehen ein und wirken nicht deplatziert oder gar unnötig.
Wenn es doch etwas zu bemängeln gibt, sind es höchstens Kleinigkeiten. Ein entscheidender Hinweis gegen Ende wird von Marty ein wenig „zu zufällig“ bemerkt, als dass man es ihm abkauft. Außerdem wird der Fall zwar abgeschlossen, aber einige der Missetäter werden nicht zur Rechenschaft gezogen – wie es auch im wahren Leben oft vorkommen mag (insofern lässt sich das vielleicht auch nicht kritisieren).
Das Finale, auf das sämtliche Episoden hinarbeiten, liefert einen unheimlichen sowie spannenden Abschluss. Nicht zuletzt, weil man bis zum Ende mit dem Ableben der beiden Protagonisten rechnen kann, denn ein Happy End ist keinesfalls garantiert.

Fazit: Bisher DAS Serienhighlight 2014. Wobei es mit „Fargo“ mindestens einen weiteren Neustart dieses Jahr gibt, der sich konstant auf einem ähnlich hohen Niveau befindet. „True Detective“ bringt jedenfalls alles mit, was „Qualitätsfernsehen“ ausmacht: Hochkarätige Darsteller, eine packend intensive Atmosphäre, erstklassiges Drehbuch und ausgezeichnete Regie. Möge es die zweite Staffel – mit neuem Cast und neuem Setting – ähnlich hinbekommen.

10/10 gelbe Könige

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