„Fargo“: Kritik zur ersten Staffel

16. Juli 2014, Christian Schäfer

Mit „Fargo“ probiert sich Serienschöpfer Noah Hawley an einer Filmvorlage von Joel und Ethan Coen. Diese Kritik zur ersten Staffel der Reihe enthält leichte Spoiler, ist aber so allgemein gehalten, dass sie relativ gefahrlos gelesen werden kann.

© FX Networks

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Der Film „Fargo“ aus dem Jahre 1996 ist sicher den meisten bekannt. Geschrieben und inszeniert von Ethan und Joel Coen erntete das Werk sieben Oscar-Nominierungen und konnte zwei davon mit nach Hause nehmen: Best Original Screenplay für die Coens und Best Actress in a Leading Role für Frances McDormand.
Die Nachricht, dass der Film als Vorlage für eine Serie dienen sollte, stieß da erst einmal auf Zweifel und Ungläubigkeit. Weshalb sollte man die Geschichte fürs Fernsehen neu auflegen, wo doch der Film so wunderbar funktioniert hat? Denn eines ist klar: Mit einer solchen Vorlage muss sich jede derartige Reihe einem Vergleich unterziehen und hat es nicht einfach, dabei gut auszusehen – schließlich riechen solche Unternehmungen stets danach, schnell etwas Geld mit einem bekannten Namen zu machen.
Im Vorfeld wurde allerdings bekannt, dass niemand anders als die Coens selbst an der Produktion der Reihe beteiligt sein sollten und dass zudem auf zahlreiche namhafte Darsteller gesetzt wurde. Außerdem wollte der Serienschöpfer und alleinige Autor Noah Hawley keinesfalls eine simple Serienadaption des Films abliefern, sondern eine neue Geschichte erzählen, die sich lediglich die Welt von „Fargo“ mit dem bitterbösen Humor zunutze macht und auf neue Charaktere setzt, die nicht minder schräg, originell und authentisch wirken wie die Figuren der Vorlage. Trailer-Mix.

Zehn Episoden umfasst die erste Staffel, die in sich abgeschlossen ist. In den Hauptrollen: Martin Freeman, Billy Bob Thornton, Allison Tolman und Colin Hanks – alle vier übrigens momentan mit ihren Darstellungen in der Serie für einen Emmy nominiert.
Die Handlung startet im Jahr 2006 in Bemidji, Minnesota. Lorne Malvo (Thornton) kommt in das kleine Städtchen und trifft dort auf Lester Nygaard (Freeman). Aus einem kleinen Gespräch zwischen den beiden entwickelt sich die Handlung und produziert gleich im Auftakt mehrere Leichen. Hier kommt die ortsansässige Polizei ins Spiel und stellt Deputy Molly Solverson (Tolman) recht schnell in den Fokus. Es entsteht ein wilder Mix mit vielen weiteren Figuren, kleineren und größeren Geschichten, zahlreichen Story-Twists und bitterbösen Momenten.

Noah Hawley hat diverse Figuren dabei eindeutig an der Filmvorlage angelehnt. Zwischen Lester Nygaard und Jerry Lundegaard (William H. Macy), Molly Solverson und Marge Gunderson (Frances McDormand) sowie den Killer-Pärchen Mr. Numbers (Adam Goldberg) / Mr. Wrench (Russel Harvard) und Carl Showalter (Steve Buscemi) / Gaear Grimsrud (Peter Stormare) lassen sich unverkennbare Parallelen finden. Trotzdem steht jeder Charakter auf eigenen Füßen und ist keineswegs eine schlichte Kopie aus dem Film. An dieser Stelle sollte auch Lorne Malvo extra erwähnt werden, für den sich keine vergleichbare Figur in der Vorlage finden lässt und der dank eines großartigen Billy Bob Thornton einen Hauptteil der Handlung trägt.

Dass wir uns bei der Sichtung der Serie in der Welt der Vorlage befinden, lädt natürlich zum Auffinden weiterer Ähnlichkeiten ein. So gibt es vor jeder Episode die gleichen Worte zu lesen, mit denen auch der Film eröffnet wurde – dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruhe (was natürlich nicht stimmt). Bemidji hat außerdem ebenfalls eine Statue von Paul Bunyan am Ortseingang stehen, die Landschaften sind verschneit mit Aufnahmen von endlos langen Highways, der Soundtrack liefert eine kalte, isolierte aber trotzdem schöne Atmosphäre und zahlreiche andere Filmmerkmale – wie zum Beispiel das Hockeyteam der Gophers – finden ebenfalls eine Erwähnung. Im Grunde genommen lässt sich die Serie auch als eine späte Fortsetzung des Films betrachten, denn es gibt ein Element (in einem Rückblick und unter einem roten Eiskratzer versteckt), welches beide Geschichten miteinander verbindet – obwohl die Handlungen natürlich weit auseinander liegen.

Trailer:

Aber genug vom Vergleich beider Werke. Man muss den Film nicht gesehen haben, um sich die Serie anzuschauen, denn trotz diverser Gemeinsamkeiten in Stil, Setting, etc. funktioniert das Ganze hervorragend als eigenständige Geschichte. Über die Handlung soll an dieser Stelle nicht großartig gesprochen werden, stattdessen kommen nun ein paar Worte zu den wichtigeren Figuren:

Lorne Malvo: Lorne wird als eine Art Auftragskiller in die Serie eingeführt, verfolgt aber eine ganz eigene Agenda. Er hat eine Vorliebe dafür, Menschen zu manipulieren – das führt mitunter auch dazu, dass er seinen eigentlichen Auftrag außer Acht lässt beziehungsweise abändert. Im Umgang mit anderen findet er stets die richtigen Worte und hat viele kleine Geschichten auf Lager. Er lässt sich nie aus der Ruhe bringen, ist der Polizei meist einen Schritt voraus und wenn es hart auf hart kommt, kann er durchaus als eine Art Terminator durchgehen. Als Zuschauer weiß man oft nicht, was er als nächstes unternehmen wird.

Lester Nygaard: Lester arbeitet in einer Versicherungsagentur und lässt sich von seinen Mitmenschen – egal ob Ehefrau, ehemaliger Schulkollege oder anderen – herumschubsen. Selbstvertrauen oder das Bestehen auf der eigenen Position sind ihm fremd. Erst nach einem Gespräch mit Lorne fängt er langsam an, seine persönlichen Ziele zu verfolgen und greift gleich im Auftakt zu einem Mittel, welches man ihm nicht zugetraut hätte. Lester macht im Serienverlauf eine Entwicklung durch, muss sich immer wieder aus heiklen Situationen herauswinden und es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen.

Molly Solverson: Molly ist das, was man eine gute Polizistin nennt. Nach den ersten Morden in Bemidji schafft sie es schnell, die Puzzleteile zusammen zu setzen. Dabei werden ihr allerdings vom Kollegen und Vorgesetzten Bill Oswalt (Bob Odenkirk) immer wieder Steine in den Weg gelegt. Ratschläge bekommt sie des Öfteren von ihrem Vater Lou (Keith Carradine), der ein örtliches Diner betreibt und früher in einem Einsatzkommando tätig war. Molly ist hartnäckig, was ihre Untersuchungen angeht und lässt trotz aller Hindernisse nicht locker. Sowohl was ihre Arbeit als auch ihr Privatleben angeht, lassen sich die Fortschritte mit Spannung verfolgen.

Gus Grimly: Gus (Colin Hanks) ist Streifenpolizist im nicht weit entfernten Duluth. Er ist alleinerziehender Vater und muss sich mehr als einmal zwischen seiner persönlichen Sicherheit und der Berufspflicht entscheiden. Durch ein Treffen mit Lorne bei einer Verkehrskontrolle wird er in Mollys Recherchen hineingezogen und ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte. Er arbeitet fortan mit Molly zusammen, ist sich aber nie sicher, ob er das nicht lieber lassen sollte.

© FX Networks – Photo by Chris Large

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Mr. Wrench und Mr. Numbers: Nachdem ein Mitglied ihrer Organisation ermordet wurde, werden Wrench und Numbers darauf angesetzt, den Missetäter aufzuspüren. Wrench ist taubstumm und verständigt sich per Zeichensprache, die von Numbers für das jeweilige Umfeld übersetzt wird. Beide sind gnadenlos in ihrem Vorgehen und machen Molly bei den Recherchen Konkurrenz. Das wohl schrägste Killer-Duo seit längerer Zeit.

Stavros Milos: Stavros (Oliver Platt) ist Besitzer der „Phoenix Farms“ Supermarkt-Kette in Duluth. Ein Erpresserbrief führt dazu, dass er Lorne engagiert, der sich um die Sache kümmern soll. Aber mit dem, was anschließend passiert, haben wohl weder er noch die Zuschauer gerechnet.

Das waren natürlich längst nicht alle Charaktere, die die Serie zu bieten hat. Im Verlauf der Reihe kommen noch viele andere dazu, die vielleicht eine Erwähnung wert wären und auch größere (Neben-)Rollen einnehmen. Die Geschichte lebt von der (recht unvorhersehbaren) Interaktion aller Beteiligten und liefert dabei eine fesselnde Handlung in einer tollen Atmosphäre. Kritisieren ließe sich höchstens, dass am Ende doch ein paar Dinge offengelassen werden und nicht jedes Figuren-Schicksal aufgelöst wird (aber keine Angst, für die wichtigsten Charaktere ist das Ende rund). Aber das ist erstens nicht weiter schlimm und gehört zweitens zu dieser Art von Geschichten dazu.

Fazit: Ganz großes Kino, welches im Gegensatz zu „True Detective“ sicher einem größeren Publikum zugänglich ist. Es ist nicht anstrengend, der Handlung zu folgen, denn vor allem der schwarze Humor und die schrägen Figuren tragen zur Auflockerung bei. Technisch sowie darstellerisch gibt es nichts auszusetzen. Highlight. Punkt.

10/10 Löcher im Eis

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