Die schönsten Morricone-Momente der BG-Redaktion

6. Juli 2020, Daniel Schinzig

Mit Ennio Morricone ist am heutigen Montag einer der einflussreichsten Filmkomponisten aller Zeiten im Alter von 91 Jahren verstorben. Sein künstlerisches Schaffen hat die BG-Redaktion bereits auf ganz unterschiedliche Art und Weise beeinflusst. Wir erinnern uns an die schönsten und einprägsamsten Momente, die uns Ennio Morricone geschenkt hat – Eine ganz persönliche Ehrung eines der größten Genies der Filmgeschichte.

Daniel: Ich gestehe: Ich kenne mich nicht so gut mit dem Werk von Ennio Morricone aus, wie ich es als Filmmusik-Liebhaber tun sollte. Zu sehr ist mein Blick auf John Williams und die Komponisten, die in den 80er und 90er-Jahren um Hans Zimmer herum groß geworden sind, beschränkt. Das waren eben die Werke, mit denen ich aufgewachsen bin und die mich geprägt haben. Dennoch ist auch für mich der Name Morricone stets präsent. Denn es ist vermutlich nicht übertrieben zu sagen, dass ein Hans Zimmer heute vielleicht gar keine Scores schreiben und umsetzen würde, wenn es Maestro Morricone nicht gegeben hätte. Nicht umsonst verweist Zimmer immer mal wieder auf die Arbeit seines augenscheinlichen Idols, wie zum Beispiel in diesem Stück aus „Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt“. Ein bisschen Wild-West-Feeling inmitten eines Piratenabenteuers. Geil!

Aber um von musikalischen Morricone-Zitaten zurück zum Original zu kommen: Ein Freund ist riesiger Fan des italienischen Musikers und schwärmt mir ein ums andere Mal von den Fähigkeiten des Künstlers vor. So waren seine Schilderungen, als er von dem Besuch eines Ennio-Morricone-Konzerts erzählte, so detailliert, dass ich selbst ganz begeistert war und das Gefühl hatte, fast selbst dabei gewesen zu sein.

Wie, das zählt nicht als eigener schönster Morricone-Moment? Na gut, dann noch ein Versuch: Der Moment, der mir besonders deutlich vor Augen bzw. in die Ohren führte, welch eine unbändigende Energie seine Kompositionen freisetzen können, war, als ich „Spiel mir das Lied vom Tod“ dank unseres BG-Kultkinos zum ersten Mal auf der Leinwand sehen durfte. Die Bilder von Sergio Leones meisterhaftem Western endlich mal in gebührender Form und Größe zu erblicken war alleine schon eine Sensation. Doch im Saal über die Kinolautsprecher Morricones kraftvollen Score dabei zu spüren – ja, zu spüren! – mit all diesen wunderbaren Leitmotiven, mit dieser außergewöhnlichen Instrumentierung, das war pure Kinomagie. Dafür einfach nur: Danke, Ennio Morricone!

 

Christian Westhus: Ennio Morricone war für mich als Kind nach John Williams (und noch vor Hans Zimmer) der zweite Filmkomponist, den ich benennen und dem ich mindestens einen Film zuordnen konnte. Natürlich denkt man für gewöhnlich zuerst an die großen Kollaboration mit Sergio Leone, an das Titelthema oder „Ecstasy for Gold“ (YouTube) aus ZWEI GLORREICHE HALUNKEN, an die wuchtigen Frontalattacken aus SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD oder die wehmütig schwelgerischen Flötenklänge (YT) aus ES WAR EINMAL IN AMERIKA. Persönlich hätte ich beinahe auf Morricones häufig unterschätzte Arbeit für Terrence Malicks TAGE DES HIMMELS hingewiesen, gehörte der markanteste musikalische Moment des Films nicht eigentlich Camille Saint-Saëns und seinem „Karneval der Tiere“ (Aquarium). Und daran sieht man es schon; Musik kann oftmals neu und wiederverwendet werden, einen neuen Kontext erhalten. Es scheint unzählbar, wie viele Sportler und Sportveranstaltungen durch Morricone ihren richtigen „Pep“ erhielten. Der Komponist hatte eine so lange Karriere mit so wahnsinnig vielen Arbeiten, dass er vielfach schon Musiker und Filmemacher nachfolgender Generationen geprägt hatte. Der eher wenig bekannte Film ALLONSANFAN (1974) mit Marcello Mastroianni wäre möglicherweise aus der Erinnerung der allermeisten Fans verschwunden, läge hier nicht der Ursprung von „Rabbia e tarantella“ (YT), welches Quentin Tarantino wie maßgeschneidert zum quasi-perfekten Leitthema der INGLOURIOUS BASTERDS machte.

Doch es scheint sinnvoll, diese kleine Rückschau in Gedenken an Morricones Schaffen auf ein Originalwerk auszurichten, geschrieben, komponiert und verwendet für diesen einen Film. Daher zum Abschluss der Verweis auf Giuseppe Tornatores leicht-autobiographisch gefärbten CINEMA PARADISO, für den Morricone die Musik machte. Die Geschichte eines Regisseurs, der auf seine Kindheit in einem sizilianischen Dorf zurückschaut, wie er sich heimlich ins Dorfkino schlich, eine Liebe zum Film und eine immense Freundschaft zu Filmvorführer Philippe Noiret entwickelte. Die emotionale Tragweite und Gewalt dieses Films lässt sich nur schwer mal eben so anreißen oder auf diese unfassbare Montage zum Ende hin reduzieren. (Ich könnte/sollte mal etwas ausführlicher über diesen Film schreiben.) Doch die Musik trägt maßgeblich dazu bei, dass dieser Film mich immer wieder kriegt. Und mit „kriegt“ ist nicht einfach nur simple Rührung gemeint. Daher, für diesen tollen Film und in Erinnerung an Ennio Morricone, das „Liebesthema“ aus NUOVO CINEMA PARADISO:

 

Marvin: Ich bin ein eher oberflächlicher Kenner von Ennio Morricones Werk. Natürlich kommt man kaum umhin seine großartigen Stücke zu den Filmen von Sergio Leone zu kennen und zu schätzen, besonders intensiv habe ich mich mit seiner Musik aber nie beschäftigt. Der Mann hat immerhin hunderte Filmmusiken komponiert. Deshalb ist mein persönlicher Morricone-Moment auch eher neuer Natur: Als Quentin Tarantino 2016 seine heiß erwartete Westernvariation „The Hateful Eight“ ins Kino brachte, und davor viel Zeit aufgewendet wurde zu vermitteln, den Film am besten in glorious 70mm-Projektion zu sehen, fand ich mich auch bald im glamourösen Cinerama-Saal des Schauburg Kinos in Karlsruhe wieder um den Film in Tarantinos bevorzugter, analoger Roadshow-Version zu schauen. Nach und nach wurde das Licht im Saal gedimmt, langsam öffnet sich der Vorhang der schier nicht enden wollend großen Leinwand. Dann das Rattern des Filmprojektors, ein Geräusch, das leider aus der modernen Kinolandschaft verbannt wurde. Der Film beginnt. Eine großartiger, langer Zoom, unterlegt von Ennio Morricones Musik. Erstmals eigens für einen Tarantino-Film komponiert. Das Stück ist recht ungewöhnlich und klingt weniger nach Spaghetti-Western, als man denken könnte. Die Gemeinsamkeiten liegen eher bei Morricones eröffnendem Stück, das er für Brian DePalma’s „The Untouchables – Die Unbestechlichen“ komponiert hat. Trotzdem ist es ein sehr stimmungsvoller Einstieg, der in seinem unheilvollen Klang und langsamen Anschwellen den Ton des kommenden Films perfekt einfängt.

 

Manuel: Wie fasst man seine persönlichen Eindrücke über das Werk eines Komponisten, der Zeit seines Lebens einen wahnsinnigen Output hatte? Denkt man an einen anderen filmmusikalischen Großmeister wie John Williams, dann kann man sich dort am Werk Steven Spielbergs, großen Franchises (Star Wars, Harry Potter…) oder Kindheitsklassikern (HOME ALONE beispielsweise) orientieren, aber bei Herrn Morricone sind solche Kategorien, abseits der bekannten Kollaboration mit seinem Freund seit Schultagen, Sergio Leone, nur schwer aufzufinden.
Und dann scheint Morricones Musik dazu noch transmedial zu agieren. Wer erinnert sich nicht an ‚The Ecstasy of Gold‘ als Eröffnung bei Metallicas legendärem ‚S&M‘ – Album (eine Komposition, die nun schon seit über 30 Jahre deren Konzerte eröffnet) oder den auffällig inspirierten, wohltuenden Klängen bei Rockstar Games „Red Dead -“ – Reihe, angefangen mit RED DEAD REVOLVER auf der PlayStation 2?

Man verzeihe mir nun deshalb, dass ich mich nicht nur mit einem Track an den Maestro erinnern möchte.
Morricone konnte nicht nur Italo-Western, sondern auch vieles andere. Und wie Sergio Leone erzählte, war er nicht nur Komponist, sondern mit seiner Musik auch ein weiterer Drehbuchautor eines Films. Er konnte Filmen eine ganz eigene Note verleihen. Folgendes Stück stammt aus Dario Argentos L’UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, ITA/D 1970) und nur er konnte mit solch einem simplen, aber effektiven Lalala-Chor einem Film eine weitere Bedeutungsebene hinzufügen, der eigentlich von Mord, Gewalt und Mysterien handelt.

Warum Ennio Morricone auch Leuten etwas sagt, die nicht zu sehr in der (Film-)Materie drin stecken, liegt daran, dass mehrere seiner zahlreichen Melodien auch Single-Auskopplungen auf Platte erhielten und ihren Weg in die Charts fanden. So auch ‚Chi Mai‘ aus dem Film MADDALENA (I/Jugoslawien 1971, R: Jerzy Kawalerowicz), welches Morricone zehn Jahre später nochmals, leicht der Zeit angepasst, wiederverwenden sollte.
Hier in der Version von 1981 aus dem Film LE PROFESSIONNEL (Der Profi, F 1981, R: Georges Lautner) mit dem großen Jean-Paul Belmondo.

Und schließlich ein Track, der wiederum zeigt, wie sehr sich Morricones Musik von seinen Filmen trennen kann – Quentin Tarantino hat dies ja nur zu gerne gemacht beispielsweise – denn folgender Track aus THE MISSION (UK/F 1986, R: Roland Joffé), bis heute leider nicht gesehen, habe ich das erste Mal in einem Trailer (es dürfte BRAVEHEART gewesen sein) gehört. Trailer mit anderen Kompositionen zu füttern ist und war schon immer so, aber hier schließt es doch sehr gut den Kreis des Morricones, für dessen Musik kein Film eine Grenze war und dazu steht dieses Stück stellvertretend für seine Musik, die oftmals durchtränkt war von einem Gefühl der Melancholie und Sehnsucht.

Das sind die schönsten Erinnerungen einiger BG-Redakteure. Aber jetzt seid ihr dran? Was ist eure Lieblings-Filmmusik von Morricone? Welche Momente bringt ihr mit seinem Werk in Verbindung? Wo sind euch seine Melodien ganz abseits von den bekannten Filmen schon über den Weg gelaufen? Verratet es uns in unserem Forum!

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